EU halbiert zollfreie Stahlimporte

01.07.2026 00:45

Günstiger Stahl aus China, Indien und der Türkei setzt europäische
Hersteller unter Druck. Deshalb gelten nun neue Regeln. Können
deutsche Produzenten aufatmen?

Brüssel (dpa) - Zum Schutz der europäischen Stahlindustrie gelten
seit diesem Mittwoch strengere Regeln für Importe. Nun dürfen nur
noch 18,3 Millionen Tonnen Stahl pro Jahr zollfrei eingeführt werden,
etwa halb so viel wie zuvor (47 Prozent). Gleichzeitig hat die
Europäische Union den Zoll auf Mengen, die dieses Kontingent
überschreiten, auf 50 Prozent verdoppelt. So soll verhindert werden,
dass massenweise günstiger Stahl importiert wird. Innerhalb der EU
hat Deutschland die mit Abstand größte Stahlindustrie. 

Millionen Tonnen Stahl zu viel

Weltweit wird deutlich mehr Stahl produziert als benötigt wird. Diese
Überkapazitäten liegen derzeit nach Zahlen der EU-Kommission bei 620
Millionen Tonnen, bis 2027 steigen sie demnach voraussichtlich auf
721 Millionen Tonnen. Das wäre fünfmal so viel wie die EU jährlich an

Stahl verbraucht. Die massive Erhöhung der US-Einfuhrzölle auf Stahl
im vergangenen Jahr hat den Druck auf den europäischen Markt weiter
verstärkt.

China, Indien und die Türkei zählen zu den Ländern, aus denen
günstiger Stahl exportiert wird. Das hängt mit niedrigeren
Energiepreisen, aber auch staatlicher Förderung zusammen. 

Verband hofft auf Rückkehr von 15 Millionen Tonnen 

Der Verband der europäischen Stahlindustrie (Eurofer) rechnet damit,
dass die neue Handelsmaßnahme 15 Millionen Tonnen an
Kapazitätsauslastung nach Europa zurückbringen könnte. In den
vergangen sieben Jahren seien mehr als 30 Millionen Tonnen Produktion
verloren gegangen, sagte Eurofer-Generaldirektor Axel Eggert. 

Eggert begrüßte die Änderung, aber sprach gleichzeitig von einem
ersten Schritt. In der Folge müssten in Europa unter anderem die
Energiekosten gesenkt werden. Die europäische Industrie müsse
international wieder wettbewerbsfähig werden - aber gleichzeitig die
Transformation hin zu einer klimaneutralen Industrie schaffen. 

Aus welchen Ländern künftig vor allem importiert wird 

Die Hälfte der verfügbaren zollfreien Quote ist für Stahl aus Lände
rn
reserviert, mit denen die EU ein Freihandelsabkommen hat, wie aus der
entsprechenden Durchführungsverordnung hervorgeht. 80 Prozent der
Stahlimporte in die EU stammen bisher nach Angaben der EU-Kommission
aus Ländern mit Freihandelsabkommen. Mehreren dieser Länder sichert
die EU ein bestimmtes Kontingent zu, das proportional zu den
bisherigen Einfuhrmengen sein soll - unter anderem Großbritannien,
der Türkei und Ukraine, wie ein hochrangiger EU-Beamter sagte. 

Die andere Hälfte, also ebenfalls 9,15 Millionen Tonnen, steht allen
zur Verfügung, unabhängig davon, ob die Herkunftsländer ein
Handelsabkommen mit der EU haben oder nicht. China beispielsweise hat
kein solches Abkommen mit der EU.

Die Branche leidet

Die EU ist nach Zahlen der Kommission der drittgrößte Stahlproduzent
der Welt. Rund 300.000 Menschen seien direkt in diesem
Industriebereich beschäftigt. Doch die Branche leidet unter der Krise
in Abnehmerbranchen, vor allem der Autoindustrie. Dazu kommen unter
anderem die Kosten für den Umbau hin zu einer klimafreundlicheren
Stahlproduktion. Die Wirksamkeit der neuen Regeln soll künftig alle
drei Jahre überprüft werden. 

Die Wirtschaftsvereinigung Stahl nannte das neue Instrument
unverzichtbar. Nun müsse die EU-Kommission noch Regelungslücken
schließen: Der Anwendungsbereich solle für alle Stahlprodukte gelten
und auch auf nachgelagerte stahlintensive Produkte ausgeweitet
werden, sodass der Schutz nicht umgangen werden könne, forderte sie. 

Besonders wichtig sei zudem die Einführung eines
Melted-and-Poured-Nachweises, der die Herkunft eines Stahlprodukts
danach bestimme, wo der Stahl tatsächlich geschmolzen und gegossen
wurde, argumentierte der Verband. «Wichtig ist, dass die
Zollkontingente dem tatsächlichen Erzeugungsland des Stahls
zugerechnet werden», forderte Hauptgeschäftsführerin Kerstin Maria
Rippel.