Bericht: EU-Badegewässer doch nicht so unbedenklich
03.07.2026 04:30
Viele europäische Badegewässer gelten als exzellent, doch Dutzende
Gefahrenstoffe bleiben bei der offiziellen Bewertung außen vor.
Experten kritisieren: Das kann für Badende zum Risiko werden.
Berlin (dpa) - Die Qualität der deutschen und weiteren europäischen
Badegewässer ist offenbar in bestimmten Fällen bei weitem nicht so
unbedenklich wie von der zuständigen europäischen Behörde angegeben.
Der Grund: Die Bewertung der Europäischen Umweltagentur EEA basiert
lediglich auf Messungen von zwei Fäkalbakterien. Andere Erreger und
Dutzende chemische Schadstoffe werden dagegen nach Angaben des
Medienhauses Correctiv überhaupt nicht berücksichtigt, obwohl der
Behörde auch diese Werte für Badegewässer vorliegen.
In einem Mitte Juni veröffentlichten Bericht hatte die EEA Europas
Badegewässern überwiegend eine ausgezeichnete Wasserqualität
bescheinigt. Demnach hatten knapp 85 Prozent der mehr als 22.000
Badestellen in den 27 EU-Staaten sowie Albanien und der Schweiz eine
exzellente Wasserqualität, 96 Prozent erfüllten immerhin die
EU-Mindeststandards. In Deutschland hatten knapp 91 Prozent der rund
2.300 untersuchten Badestellen eine exzellente Wasserqualität.
Allerdings beziehen sich die Angaben lediglich auf sogenannte
intestinale Enterokokken und Escherichia coli. Diese Bakterien können
bei Menschen zum Beispiel Magenverstimmungen, Durchfall oder
Infektionen verursachen.
Experte: Die Gewässer-Bewertung ist irreführend
Nicht berücksichtigt werden dagegen unter anderem Cyanobakterien -
auch Blaualgen genannt - und chemische Schadstoffe wie etwa
Pestizide, Mineralöle und PFAS (Per- und polyfluorierte
Alkylverbindungen). Letztere sind allgegenwärtig und reichern sich im
Körper an. «Die gegenwärtige Bewertung reicht nach meiner Meinung
nicht aus», sagte der Toxikologe Hans-Jörg Martin vom
Universitätsklinikum Kiel der Deutschen Presse-Agentur (dpa). «Ein
Gewässer kann die Grenzwerte von chemischen Stoffen sprengen und
dennoch als exzellent eingestuft werden. Das ist irreführend.»
Dass solche Fälle nicht selten sind, zeigt eine Analyse von Correctiv
zu offiziellen Gewässerdaten der EEA - also derselben EU-Behörde, die
den jährlichen Badegewässer-Bericht erstellt -, die auch chemische
Schadstoffe berücksichtigen. Demnach gelten EU-weit mindestens 7.866
Badestellen gemäß den Vorgaben der Badegewässerrichtlinie als sauber,
obwohl sie an Gewässern liegen, die nachweislich mit chemischen
Schadstoffen belastet sind. Besonders viele Badestellen an belasteten
Gewässern gibt es nach Correctiv-Angaben in Italien, Deutschland,
Dänemark, Ungarn und Frankreich.
In einer Stellungnahme der EEA hieß es, Grundlage für die Bewertung
der Badegewässerqualität sei die EU-Badegewässerrichtlinie - und die
sehe nur die zwei Fäkalbakterien vor. Etwaige Änderungen bei den zu
berücksichtigenden Erregern oder Schadstoffen sowie bei
Schwellenwerten wären Sache der EU-Mitgesetzgeber und nicht der EEA.
«Potenzielle Folgen für die menschliche Gesundheit»
Die aktuell vorgestellte Analyse basiert auf einem EU-weiten
Monitoring, bei dem lokale Behörden Gewässer auf Dutzende chemische
Schadstoffe untersuchen - von Schwermetallen wie Arsen über
Pestizidrückstände bis hin zu Industriechemikalien wie PFAS. Diese
Daten dienen der Überwachung der Ökosysteme und dem Schutz von
Wasserlebewesen - in die Bewertung der Badegewässer fließen sie
bisher nicht ein.
Wie hoch die Belastung mit den Schadstoffen jeweils ist, geht aus den
Messdaten nicht hervor. Allerdings sind laut Correctiv Fälle bekannt
- etwa am Badestrand Filzteich in Sachsen -, in denen Gewässer so
stark mit Schadstoffen belastet sind, dass Gesundheitsgefahren drohen
können. «Würden die Behörden bei der Bewertung der Badewasserqualit
ät
auch chemische Parameter berücksichtigen, fänden sie belastete
Badegewässer - mit potenziellen Folgen für die menschliche
Gesundheit», sagte der Toxikologe Martin.
EU-Kommission räumt Probleme mit Cyanobakterien ein
Dieses Problem hat die EU-Kommission selbst eingeräumt. Die
Weltgesundheitsorganisation (WHO) habe dazu aufgerufen,
Cyanobakterien in Badegewässern mehr Aufmerksamkeit zu widmen, heißt
es in einem Bericht von 2025. Das sei insbesondere angesichts des
Klimawandels wichtig, denn neben hohen Nähstoffkonzentrationen
begünstigen auch höhere Temperaturen die Vermehrung dieser Erreger.
Dann könne eine Badestelle auch dann mit Gesundheitsgefahren
verbunden sein, wenn sie als exzellent eingestuft worden sei. Daher
sollten in die Bewertung von Badegewässern neben Fäkalbakterien auch
zusätzliche Stoffe einfließen, empfiehlt der Bericht.
«An Badestellen sollte vor dem Baden gewarnt werden, wenn das Wasser
nachweislich mit Schadstoffen in stark erhöhten Konzentrationen
belastet ist», sagte der Chemiker Markus Große Ophoff von der
Hochschule Osnabrück, der einer Expertenkommission des
Umweltbundesamts (UBA) angehört. Dabei gelte es vor allem, vulnerable
Gruppen wie Schwangere und Kinder zu schützen.
«Meeresschaum oder auch der Schaum an Seen kann besonders stark mit
PFAS belastet sein», erläuterte der Chemiker. Viele PFAS seien
oberflächenaktiv. «Und Schäume bieten eine besonders große Oberfl
äche
und reichern daher diese Schadstoffe an.»
