Lange Wartezeiten am Flughafen: Das müssen Reisende wissen Von Christian Ebner und Niklas Treppner, dpa

04.07.2026 05:30

Verpasste Flüge, Schlangen bis aufs Rollfeld: Das neue EU-Grenzsystem
bringt Reisende ins Schwitzen. Warum sogar Deutschlands
Musterschüler-Status nicht vor Wartezeiten schützt.

Frankfurt/Brüssel (dpa) - Die europäischen Flughäfen sehen einen
kritischen Punkt erreicht. Ihr Verband ACI berichtet von Wartezeiten
von bis zu 5 Stunden für Passagiere, Menschenschlangen in
Terminalgebäuden und auf dem Flughafenvorfeld, verpassten
Anschlussflügen. Ursache soll neben dem starken Passagierandrang im
Sommer das neue Grenzsystem der EU sein, das an den
Schengen-Außengrenzen zu aufwändigeren Kontrollen einzelner Reisender
führt. 

Um welche Kontrollen geht es? 

Zum besseren Schutz ihrer Außengrenzen hat die EU seit Oktober 2025
schrittweise ein neues digitales Verfahren zur Ein- und Ausreise
(Entry-Exit-System - EES) von Bürgern eingeführt, die nicht aus dem
Schengenraum kommen. Bei diesen Menschen werden vor jedem
Grenzübertritt biometrische Merkmale (Fingerabdruck, Foto) und
Passdaten erfasst, was pro Person derzeit länger dauert als das
frühere Verfahren. Der Stempel im Pass entfällt hingegen. Schon in
den ersten Monaten wurden laut EU-Kommission tausende Einreisen
verweigert und hunderte Verdächtige identifiziert. 

Wo hakt es beim EES-System bislang? 

Das Problem ist vor allem, dass die Schritte des neuen Verfahrens
bislang meist am Flughafen stattfinden müssen. Vor dem eigentlichen
Grenzübertritt sind sogenannte Self-Service-Kioske eingerichtet, an
denen sich die Reisenden selbst vorregistrieren müssen. Die dafür
nötige Infrastruktur scheint nicht von allen Mitgliedsländern
gleichermaßen gut vorbereitet worden zu sein. Eine entsprechende
EU-App, mit der Reisende ihre Daten und Merkmale schon vorab eingeben
können, ist bislang nur von Schweden und Portugal übernommen worden.
«Die Kontrollen dauern einfach länger», sagt ein Sprecher der
Bundespolizei. Ausreichend Personal stelle man zur Verfügung. 

Was gilt für Bürger aus dem Schengenraum? 

Zum Schengenraum gehören die Kernterritorien von 25 EU-Staaten sowie
Island, Liechtenstein, Norwegen und die Schweiz. Deutsche und
Staatsangehörige der anderen Mitgliedsländer müssen bei Ein- und
Ausreise nicht durch das neue EU-Grenzsystem. Bei Reisen ins
Schengen-Ausland stehen den Menschen andere Kontroll-Verfahren zur
Verfügung. Die Bundespolizei Frankfurt empfiehlt die Teilnahme an dem
vollautomatischen System Easypass. Hier wird kurz der Pass gescannt
und live mit dem Gesicht des oder der Reisenden abgeglichen.
Grenzbeamte greifen nur noch bei Zweifelsfällen oder zu Stichproben
ein. Zu längeren Wartezeiten komme es dort nicht. 

Wie haben die EU-Staaten bislang reagiert? 

Besonders Flughäfen in klassischen Urlaubsländern wie Griechenland,
Portugal und Italien, aber auch Frankreich und Belgien setzten die
Erfassung biometrischer Daten immer wieder aus. Wohl auch um Urlauber
und Touristen vor allem aus Großbritannien nicht weiter zu verärgern.
Britischen Medienberichten zufolge reduzierten etwa griechische und
portugiesische Flughäfen die Kontrollen auf das Nötigste, um die
Reisenden nicht abzuschrecken. 

Die Aussetzung von Teilen der Kontrollen ist nach EU-Regeln erlaubt,
wenn etwa die notwendigen Kapazitäten fehlen und sich große Schlangen
bilden. Eigentlich nur für sechs Stunden, allerdings kann die
temporäre Ausnahme beliebig oft und hintereinander wiederholt
werden. 

Wie läuft es in Deutschland? 

Vergleichsweise gut. Die EU hat Deutschland vor einigen Wochen sogar
als Musterschüler bezeichnet. Aber auch hier sind nach Angaben der
Bundespolizei die Kontrollen in Einzelfällen schon ausgesetzt worden.
Der Frankfurter Flughafen bittet EES-Reisende, mindestens drei
Stunden vor Abflug am Terminal zu sein. 

Schlangen an der Ausreise bilden sich immer wieder. Der Betreiber
Fraport versucht zu verhindern, dass sich EU-Bürger falsch einreihen
und so unnötige Wartezeiten erdulden müssten. In den Terminals sind
dafür eine größere Zahl von Lotsen und anderen Servicekräften
unterwegs. Nach Einschätzung der Berliner Flughafen-Chefin und
ADV-Vorsitzenden Aletta von Massenbach sind die Abfertigungszeiten
deutlich angestiegen und es komme zu «unzumutbar langen
Wartezeiten». 

Wie beurteilt die EU-Kommission die Situation? 

Trotz immer wieder aufflammender Kritik hält die Europäische
Kommission seit Monaten an ihrer Bewertung fest: Grundsätzlich laufe
das System gut. In den meisten EU-Staaten seien die Auswirkungen auf
Reisende begrenzt, sagte ein Sprecher am Mittwoch. Wo Mitgliedsländer
nicht in der Lage seien, die nötige Infrastruktur und Kapazität
bereitzustellen, sei die EU-Kommission bereit zu unterstützen. Zudem
soll es im Hinblick auf die Sommerreisezeit in den nächsten Tagen ein
Treffen mit Vertretern der Branche geben, fügte er hinzu.
Grundsätzlich hatten demnach alle Mitgliedsländer vor Einführung des

neuen EU-Grenzsystems ihre Bereitschaft signalisiert. 

Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen räumte am Freitag ein,
dass es noch einiges zu tun gebe, um gemeinsam mit den
Mitgliedstaaten technische Probleme zu lösen. Das System habe aber
nicht die Regeln zur Ein- und Ausreise geändert, sondern sorge für
Transparenz. 

Was fordern die Flughäfen? 

Der europäische Flughafenverband ACI verlangt, dass Mitgliedstaaten
zumindest in den Hauptreisemonaten Juli und August die Kontrollen
vollständig aussetzen dürfen. Zudem müsse ein vorläufiger Mechanism
us
eingerichtet werden, der es den Grenzkontrollbehörden erlaubt, das
Verfahren bei besonders großem Andrang anzuhalten. Dieser Mechanismus
solle erst wieder abgeschafft werden, wenn das EES und die
Vorregistrierungs-App überall voll funktionsfähig seien. 

Der deutsche Flughafenverband ADV fordert Bundesinnenministerium und
Bundespolizei auf, die bestehenden Flexibilitätsmöglichkeiten
konsequent zu nutzen. Von Massenbach sagt: «Europas
Sicherheitsarchitektur muss hohe Sicherheitsstandards gewährleisten,
ohne die Leistungsfähigkeit des Luftverkehrs und die Reisequalität
für internationale Passagiere unnötig zu beeinträchtigen.»