Streit zwischen Kiew und Warschau droht sich zu vertiefen Von Friedemann Kohler und Andreas Stein, dpa
10.07.2026 06:00
Die Ukraine will in die Europäische Union. Doch ein Konflikt über die
schwierige Vergangenheit verärgert den Nachbarn Polen. Dort wird
sogar über eine Blockade des Beitritts nachgedacht.
Warschau/Kiew (dpa) - Zwischen Polen und die Ukraine sollte
eigentlich kein Blatt passen: Russland ist ihr gemeinsamer Feind, und
der Nachschub für die Ukraine im Moskauer Angriffskrieg läuft zum
großen Teil über Polen. Doch seit mehreren Wochen haben sich die
Nachbarn in einen Streit über Geschichte verbissen, der auf andere
Bereiche überzugreifen droht. Was macht diesen Konflikt über die
Ostgrenze von EU und Nato hinweg so gefährlich?
Stein des Anstoßes: Das Wolhynien-Massaker im Zweiten Weltkrieg
Ein Tiefpunkt im Verhältnis zwischen Polen und Ukrainern waren die
Jahre unter deutscher Besatzung im Zweiten Weltkrieg. Für Polen
verknüpft sich das mit dem 11. Juli 1943: An diesem Sonntag griffen
Partisanen der Ukrainischen Aufstandsarmee (UPA) in Wolhynien und
Ostgalizien (heute Westukraine) mehr als 100 polnische Dörfer an. Die
Massaker kosteten bis 1945 Zehntausenden Polen das Leben. In Polen
steht dieses Gedenken am Samstag wieder an.
Die moderne Ukraine sieht die UPA-Partisanen als Streiter für
Unabhängigkeit, sie kämpften noch bis in die 1950er Jahre gegen die
Sowjetherrschaft. Straßen werden nach UPA-Kommandeuren benannt, und
Ende Mai verlieh Präsident Wolodymyr Selenskyj einer Armee-Einheit
den Beinamen «Helden der UPA».
Innenpolitik I: So sieht es die Ukraine
Unklar bleibt, warum Selenskyj auf dieser Welle mitschwimmt. Zwar
hieß es aus dem Außenministerium, er sei lediglich einem Wunsch der
Soldaten nachgekommen. Doch aus den Erklärungen in Kiew spricht auch
ein neues Selbstbewusstsein. «Niemand wird den Ukrainern jemals
wieder vorschreiben, welche Helden sie ehren, welche Feiertage sie
begehen oder welche Geschichte sie lernen sollen», schrieb Selenskyjs
Kanzleichef Kyrylo Budanow auf Facebook jüngst über eine neue
nationale Helden-Gedenkstätte.
Dieses geplante Pantheon bietet dabei Konfliktstoff nicht nur mit
Polen und anderen Nachbarstaaten, sondern auch mit Israel und
Deutschland. Erwartet wird eine Ehrung von ukrainischen
Nazikollaborateuren der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN)
und den UPA-Kämpfern.
Innenpolitik II: So sieht es Polen
Die Menschen in Polen waren parteiübergreifend empört über Selenskyjs
Schritt. Aber der Streit mit der Ukraine wurde in der gespaltenen
polnischen Politik schnell instrumentalisiert. Der rechtskonservative
Präsident Karol Nawrocki entzog Selenskyj Polens höchsten Orden.
Gestützt auf wachsende antiukrainische Stimmungen im Land wirft das
rechte Lager der liberalen Regierung Nachgiebigkeit gegenüber Kiew
vor. Ministerpräsident Donald Tusk mahnt vergebens zu Einigkeit gegen
den russischen Feind. Auch er fordert mittlerweile ein Zeichen des
Entgegenkommens von der Ukraine.
Auswirkungen auf das Militär: Polens MiGs bleiben zuhause
Ohne Polen, vor allem den Flughafen Rzeszow nahe der Grenze, kommt
kein ausländischer Rüstungsnachschub in die Ukraine. Die militärische
Kooperation ist strategisch wichtig. Seit der Geschichtsstreit
schwelt, liegt die Übergabe der letzten alten Kampfjets MiG-29 aus
polnischen Beständen an die Ukraine auf Eis. Die ukrainische
Luftwaffe braucht jedes Flugzeug, doch Kiew teilt - so Warschau -
bislang nicht wie vereinbart seine Drohnentechnik mit Polen.
Auswirkungen auf die Wirtschaft: Wer verdient am Wiederaufbau?
Auch wirtschaftlich bestehen für die Ukraine und Polen Risiken. Mit
gut zwölf Prozent der ukrainischen Warenexporte ist Polen vor der
Türkei und Deutschland einer der größten Absatzmärkte. Und knapp 17
Prozent des Imports von Benzin und Diesel kamen 2025 aus Polen -
wegen der im Krieg zerstörten ukrainischen Raffinerien ein
überlebenswichtiger Faktor für Kiew.
Bei der Wiederaufbaukonferenz URC in Danzig im Juni befürchteten
polnische Manager, dass künftige Verträge in der Ukraine eher an die
Konkurrenz aus Deutschland, der Türkei, den USA oder anderen Ländern
gehen könnten.
Was wird mit 1,5 Millionen Ukrainern in Polen?
Derzeit leben etwa 1,5 Millionen Ukrainerinnen und Ukrainer in Polen
- Übersiedler wie Kriegsflüchtlinge. Die meisten arbeiten, tragen zu
Polens Wirtschaftserfolg bei. Doch ihre Lage könnte sich durch den
fortdauernden Streit verschlechtern. Polen hat bereits
Sozialleistungen gekürzt. Der Konflikt ermutigt rechte Kräfte: Sie
suchen dieser Tage Firmen von Ukrainern auf und fragen bedrohlich vor
laufender Handykamera, was die Fremden hier machen.
Auswirkungen auf den EU-Beitritt: Nicht mit OUN und UPA!
Ein Beitritt der Ukraine zur Europäischen Union liegt noch fern. Doch
polnische Parteien wie die rechtskonservative PiS drohen ihn zu
blockieren, wenn die Ukraine ihre Geschichtspolitik nicht ändert. Das
Europaparlament hat Selenskyj kritisiert: Er habe die
Empfindlichkeiten und das Leid Polens ausgeblendet. Streit über
Geschichte kann europäische Prozesse lahmlegen. Nordmazedonien ist
seit 2005 EU-Beitrittskandidat. Verhandelt wird seit 2022, nachdem
ein Streit um den Landesnamen mit Griechenland gelöst wurde.
Gibt es Aussichten auf eine Lösung?
Ein erstes versöhnliches Zeichen war, dass die Kontrahenten Selenskyj
und Nawrocki sich beim Nato-Gipfel in Ankara zusammensetzten.
Besonnene Stimmen raten zu einem Ausbalancieren der Beziehungen.
Beide Seiten dürften einander nicht als selbstverständlich ansehen.
«Die Ukraine muss um die Herzen und Köpfe ihrer Partner kämpfen»,
sagte Daniel Szeligowski von der Warschauer Denkfabrik PISM. «Man
kann den Konflikt durch gemeinsame Interessen neutralisieren» - bei
Sicherheit, Wirtschaft, Migration, schrieb der Ukrainer Olexander
Suschko in der Zeitung «Dserkalo Tyschnja». «Dieser Konflikt ist
nicht so unüberwindbar, dass er fatale Folgen haben müsste.»
