China-Schock 2.0 trifft Deutschlands Industrie Von den dpa-Korrespondenten

11.07.2026 05:00

Deutschland verdiente jahrzehntelang am Aufstieg Chinas. Nun wird die
Volksrepublik in immer mehr Branchen zum Rivalen - bei Autos,
Maschinen und Chemie. Der nächste Konkurrenzkampf steht schon bevor.

Frankfurt/Peking/Berlin (dpa) - Zunächst kam Deutschland davon, der
erste China-Schock traf vor allem andere. Nach Chinas Beitritt zur
Welthandelsorganisation 2001 kamen billige Produkte aus der
Volksrepublik in großem Stil auf die Weltmärkte. In den USA gerieten
Industrieregionen unter Druck. Für Arbeiter dort wurde China so zum
Symbol für verlorene Jobs und geschlossene Werke.

Deutschland erlebte diese Phase anders. Chinesen kauften deutsche
Autos und Maschinen. Deutsche Konzerne bauten Werke in China,
Mittelständler lieferten Spezialtechnik. Der Aufstieg Chinas war auch
für die deutsche Industrie ein großer Boom - jetzt aber dreht sich
das Verhältnis. 

Der China-Schock 2.0 habe weitreichende Folgen für die deutsche
Wirtschaft, da er beide Seiten ihres traditionellen Wachstumsmodells
betrifft: den Export und die Industrieproduktion, sagt Esther
Goreichy, Wirtschaftsexpertin beim Berliner Institut für
Chinaforschung Merics. «Der Druck ist bereits im gesamten
industriellen Kern Deutschlands spürbar.»

China liefert mehr, Deutschland verkauft weniger

Das Problem lässt sich an der Handelsstatistik ablesen. Lange hat das
China-Geschäft Deutschlands Exporteuren prächtige Einnahmen beschert.
2025 löste die Volksrepublik sogar die USA als wichtigsten deutschen
Handelspartner ab. Allerdings stellen die Importe aus China die
deutschen Exporte immer weiter in den Schatten: 2025 wuchsen die
Importe aus China um 8,8 Prozent und waren mit 170,6 Milliarden Euro
mehr als doppelt so hoch wie die deutschen Exporte nach Fernost, die
um fast ein Zehntel schrumpften. Das Handelsdefizit mit China stieg
kräftig auf 89,3 Milliarden Euro. 

Autos: Der wichtigste Markt wird zum härtesten Prüfstand

Vor allem die Geschäfte der deutschen Autobauer in China brummten
jahrelang. Doch die Lage hat sich in den vergangenen Jahren deutlich
geändert. Einer der Gründe ist die Kaufzurückhaltung wohlhabender
Chinesen, bei denen das Geld wegen der Immobilienkrise nicht mehr so
locker sitzt. Ein anderer ist, dass bei der in China im Vergleich zu
Deutschland deutlich verbreiteteren E-Mobilität die Wahl der Chinesen
häufiger auf heimische Produkte fällt. Zudem liefern sich teils stark
subventionierte chinesische Unternehmen einen brutalen Kampf um
Marktanteile. 

In Deutschland sind chinesische Autos noch selten, der Aufwärtstrend
ist aber zu sehen. 2025 kamen rund 2,3 Prozent aller neu zugelassenen
Autos von chinesischen Marken, im ersten Halbjahr 2026 waren es schon
3,7 Prozent. 

Maschinenbau: China greift den Kern der Industrie an

China hat in den vergangenen Jahren Deutschland als weltweit
führenden Maschinenbauexporteur abgelöst. Vom Staat mit hohen
Subventionen unterstützt, bieten die chinesischen Hersteller
inzwischen auch technologisch anspruchsvolle Anlagen zu niedrigen
Preisen. Der Branchenverband VDMA verlangt von der Politik bessere
Produktionsbedingungen etwa durch Bürokratieabbau und
Steuerentlastungen. Strategisch relevante Technologien sollten
industriepolitisch unterstützt werden.

Zum Schutz des fairen Wettbewerbs schlägt der Verband eine stärkere
Marktüberwachung bei Importen in die EU vor. Vor allem in
Drittstaaten fehlt es den Europäern an Druckmitteln. Bei Verstößen
gegen Anti-Dumping- und Anti-Subventionsregeln solle die EU daher
Ausgleichszölle auf Güter erheben, die aus diesen Drittstaaten nach
Europa exportiert werden. Freihandelsabkommen könnten nach
VDMA-Ansicht den Marktzugang für deutsche und europäische Unternehmen
erleichtern. 

Batterien: Die nächste strategische Abhängigkeit

Die heimische Produktion von Batteriezellen etwa für E-Autos ist
strategisches Ziel der deutschen und europäischen Politik, doch seit
Jahren ist China Hauptlieferant von Batterien nach Deutschland - weit
vor europäischen Ländern wie Ungarn. Zwar stieg die
Batterieproduktion in Deutschland 2025 auf einen Rekordwert von 8,1
Milliarden Euro, die Abhängigkeit von China ist nach Einschätzung des
Verbands der Elektro- und Digitalindustrie (ZVEI) aber noch
gestiegen, gerade bei der Lieferung von Lithium-Ionen-Batterien.

«Wenn diese unterbrochen werden oder einzelne Regionen ihre Exporte
kurzfristig komplett einstellen, wird klar, wie verletzlich wir sind,
insbesondere in kritischen Sektoren wie der Verteidigung oder bei
Rechenzentren», sagt ZVEI-Batterie-Experte Gunther Kellermann. Statt
Kaufprämien für E-Autos brauche man niedrigere Strompreise für alle
und einen besseren Schutz vor unfairer Konkurrenz. Wenn es jetzt
nicht gelinge, gute Rahmenbedingungen zu schaffen, «könnten wir die
industrielle Batterieproduktion auf dem europäischen Kontinent
unwiederbringlich verlieren».

Pharma: China wird vom Produktionsstandort zum Innovator

Für die deutsche Pharmabranche ist China einer der wichtigsten
Absatzmärkte weltweit. Zugleich wächst die Konkurrenz aus Fernost
nicht nur bei günstigen Nachahmerarzneien, sondern auch bei
innovativen Medikamenten und Biotech. Bei Wirkstoffen und
Vorprodukten ist die Abhängigkeit von China groß: Geschätzt drei
Viertel der europäischen Arzneimittel-Wertschöpfungskette hängen von

Importen ab. In Deutschland führt das immer wieder zu
Medikamenten-Engpässen, etwa bei Schmerz- und Diabetesmitteln oder
Antibiotika, da sich Pharmakonzerne bei vielen Mittel aus der
Produktion in Deutschland zurückgezogen haben. 

«China baut seine Rolle als Pharma-Innovations- und
Produktionsstandort seit Jahren systematisch aus und wird damit auch
für Deutschland zu einem immer wichtigeren Wettbewerber», sagt Claus
Michelsen, Chefvolkswirt des Verbands forschender
Arzneimittelhersteller (VFA). China mache gezielt Industriepolitik,
um Marktanteile auszubauen. Der Pharmastandort Deutschland müsse
deutlich wettbewerbsfähiger werden, mit Sparvorgaben der Politik
geschehe aber das Gegenteil, kritisiert der Verband.

Chemie: Zwischen Wachstumsmarkt und Preisdruck 

Für die Branche ist China Konkurrenz und Wachstumsmarkt zugleich.
Einerseits macht die Volksrepublik der hiesigen Chemieindustrie mit
Niedrigpreisen zu schaffen, andererseits verspricht China Wachstum,
während der europäische Chemiemarkt schwächelt. So hat der
Chemiekonzern BASF in Zhanjiang für rund 8,7 Milliarden Euro einen
neuen Verbundstandort eröffnet - die größte Einzelinvestition der
Geschichte, trotz viel Kritik. Der Standort hat BASF zufolge bereits
fast zwei profitable Monate verzeichnet. China werde in den kommenden
fünf bis sechs Jahren drei Viertel des weltweiten Wachstums im
Chemiemarkt ausmachen, sagte BASF-Chef Markus Kamieth kürzlich. «Auf
den Markt wollen wir einfach nicht verzichten.»

Mit einem Anteil von 45 Prozent am weltweiten Chemieumsatz ist China
dem Branchenverband VCI zufolge der mit Abstand größte Chemiemarkt.
2025 exportierte Deutschland Chemieprodukte im Wert von rund 6
Milliarden Euro nach China, die Importe lagen bei 5,8 Milliarden
Euro. «Für die deutsche Chemie bleibt China strategischer
Schlüsselmarkt und härtester Konkurrent zugleich», sagt
Hauptgeschäftsführer Wolfgang Große Entrup.

Zukunftstechnologien: Der nächste Wettbewerb läuft 

Der Blick auf Autos und Maschinenbau zeigt nur den heutigen Teil des
Problems. Der nächste Wettbewerb ist bereits angelegt. Es geht um
jene Zukunftsbranchen, auf die Deutschland seine Erneuerung stützen
will. Berlin und Peking setzen dabei jedoch auffällig oft auf
dieselben Felder.

Chinas neuer Fünfjahresplan priorisiert unter anderem Halbleiter,
Robotik, Quantentechnologien, Kernfusion, Wasserstoff und Biotech.
Auch die Hightech-Agenda der Bundesregierung nennt viele dieser
Bereiche. Der Unterschied liegt weniger in den Zielen als in der
Umsetzung. China macht Tempo, verbindet harte Industriepolitik
geschickt mit seinem riesigen Binnenmarkt. 

Einerseits besitzt die deutsche Industrie in vielen Zukunftsfeldern
weiter erhebliche Stärken. Andererseits dürfte das kaum helfen, wenn
aus guten Ideen zu langsam industrielle Produktion wird.