Cyberangriffe: Berlin bestellt russischen Botschafter ein
13.07.2026 19:04
Regierungsnetzwerke gehackt, Sabotage gegen kritische Infrastruktur:
Deutschland und die anderen EU-Staaten machen Russlands
Inlandsgeheimdienst für eine Serie von Cyberangriffen verantwortlich.
Berlin/Paris/Brüssel (dpa) - Wegen Vorwürfen zu Cyberangriffen gegen
mehrere europäische Staaten hat Deutschland den russischen
Botschafter einbestellt. «Und ich sage ganz klar: Wir behalten uns
auch weitere Schritte vor», sagte Außenminister Johann Wadephul
(CDU). Deutschland und die anderen EU-Staaten machen den russischen
Inlandsgeheimdienst FSB für das Eindringen in Regierungsnetzwerke und
für Sabotageakte gegen kritische Infrastruktur verantwortlich.
Der französische Außenminister Jean-Noël Barrot kündigte im Sender
BFMTV-RMC an, Russlands Botschafter in Frankreich in den nächsten
Tagen einzubestellen. Die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas teilte dies
mit Blick auf den russischen Vertreter bei der Europäischen Union
ebenfalls mit. Auch die Niederlande bestellten den Botschafter ein.
«Wir sehen, was ihr tut, und wir akzeptieren das nicht», sagte der
niederländische Außenminister Tom Berendsen laut der
Nachrichtenagentur ANP nach einem Treffen der EU-Außenminister in
Brüssel. Die Unterstützung für die Ukraine werde dies nicht
schmälern.
In Deutschland habe eine Cybereinheit des FSB Angriffe gegen
staatliche Stellen gerichtet, heißt es in einer von Kallas
verbreiteten Erklärung im Auftrag der Mitgliedstaaten. Konkrete
Beispiele nannte das Auswärtige Amt auf Rückfrage nicht mit der
Begründung, dass der Zuordnung Geheimdiensterkenntnisse zugrunde
liegen.
Cyberspionage und Sabotage
In Frankreich habe die FSB-Einheit seit 2010 Cyberspionage gegen
strategisch wichtige staatliche Einrichtungen betrieben und 2025 die
Verteidigungsindustrie ins Visier genommen, erklärte die
EU-Außenbeauftragte. Erst kürzlich habe es zudem in Polen
Sabotageakte gegen kritische Infrastruktur gegeben, darunter gegen
Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen. Betroffen gewesen seien unter anderem
auch Zypern, die Niederlande, Österreich, die Slowakei, Rumänien und
Finnland.
Als Reaktion auf diese böswilligen Aktivitäten verhänge die EU neue
Sanktionen gegen neun Einzelpersonen und vier Einrichtungen und
Organisationen. Sie richteten sich gegen Offiziere des russischen
Militärgeheimdienstes GRU sowie gegen Cyberkriminelle, Hacker und
private Unternehmen, die zu Russlands Bemühungen beitrügen, die EU,
ihre Mitgliedstaaten und internationale Partner zu destabilisieren.
Nach Überzeugung der EU nutzt der FSB für seine Aktivitäten ein
ganzes «Cyberökosystem», das staatliche und nicht staatliche Akteure
umfasst.
Auswärtiges Amt kritisiert Kampagne
Das Auswärtige Amt verurteilte auf der Plattform X das Vorgehen und
schrieb, dass Cyberangriffe gegen Deutschland, EU-Partner und die
Ukraine inakzeptabel seien. «Wir nehmen Russlands schädliches
Verhalten nicht hin», sagte Außenminister Wadephul zudem in Brüssel.
Auch die Nato verurteilte die anhaltenden böswilligen
Cyberaktivitäten Russlands auf das Schärfste und drohte Konsequenzen
an. «Wir sind darauf vorbereitet, zu einem Zeitpunkt und in einer
Weise unserer Wahl sowie im Einklang mit dem Völkerrecht darauf zu
reagieren», hieß es in einer Erklärung des Nordatlantikrats. Man sei
bereit, sämtliche zur Verfügung stehenden Fähigkeiten einzusetzen, um
Cyberbedrohungen entgegenzutreten. Diese Aktivitäten stellten eine
Bedrohung für die Sicherheit der Bündnispartner dar.
Die russische Botschaft in Deutschland übte Kritik an den Vorwürfen:
Der Botschafter habe «die in der EU-Erklärung enthaltenen
Mutmaßungen, die einmal mehr durch keinerlei Beweise untermauert»
gewesen seien, entschieden zurückgewiesen, hieß es. Zudem habe er
unterstrichen, dass Drohungen bezüglich der Ausweitung der
EU-Sanktionen nicht folgenlos bleiben würden.
Deutscher Botschafter in Moskau einbestellt
In Moskau wurde derweil der deutsche Botschafter Alexander Graf
Lambsdorff ins russische Außenministerium einbestellt, allerdings
wegen anderer Differenzen. Das Ministerium warf Berlin nach dem
Gespräch unter anderem eine Beteiligung an ukrainischen Angriffen auf
zivile Infrastruktur in Russland vor, etwa wegen deutsch-ukrainischer
Rüstungskooperationen.
Zuvor hatte die deutsche Botschaft in einem Videoclip Moskau mit
einem Verweis auf die schlechte Treibstofflage aufgefordert, den
Krieg in der Ukraine zu beenden. Das Ministerium kritisierte dies als
«unverschämte Veröffentlichung» und sah die Aussage widerlegt, weil
der deutsche Botschafter Russland mit dem Auto verlasse. Lambsdorff,
der immer wieder den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine
kritisiert hatte, verabschiedet sich an diesem Dienstag, um seinen
neuen Posten als Botschafter in Israel anzutreten.
