EU-Kommission will Emissionshandel abschwächen Von Katharina Redanz, dpa

17.07.2026 15:04

Mit länger und mehr Verschmutzungsrechten will die Europäische
Kommission Europas Industrie entlasten - und damit ein zentrales
Klimaschutzinstrument aufweichen. Was ist geplant und wie kommt es
an?

Brüssel (dpa) - Unter Druck von Wirtschaft und Mitgliedsstaaten
schlägt die EU-Kommission eine Abschwächung eines zentralen
Klimaschutzinstruments vor. So will die Brüsseler Behörde, dass die
Gesamtzahl verfügbarer Rechte für den Ausstoß klimaschädlicher Gase

wie Kohlendioxid (CO2) langsamer abnimmt als bevor. Außerdem soll es
in bestimmten Bereichen mehr kostenlose Zertifikate geben.

Mit den Reformvorstößen dürfte der Druck auf einige Firmen,
Emissionen zu senken, etwas geringer werden. Die Hoffnung besteht,
dass damit Werksschließungen und Produktionsverlagerungen verhindert
werden können. Andere Bereiche hingegen werden stärker in eins der
wichtigsten Klimaschutzinstrumente der Staatengemeinschaft
einbezogen. 

Was ist das europäische Emissionshandelssystem?

Das EU-Treibhausgashandelssystem (Emission Trading System, ETS) wurde
2005 eingerichtet, um Emissionen zu senken. Die Vorgaben sollen
besonders in energieintensiven Sektoren wie der Stromerzeugung und
Industrie als Anreiz dienen, Treibhausgase einzusparen. Dem
Umweltbundesamt zufolge wurden die europaweiten Emissionen, die dem
System unterliegen, seitdem um rund 50 Prozent verringert. In
Deutschland beträgt die Reduktion den Angaben nach 47 Prozent.

Nun hat die EU-Kommission das System planmäßig überprüft, um es an

die veränderten wirtschaftlichen und geopolitischen Rahmenbedingungen
sowie an das neue EU-Klimaziel für 2040 anzupassen. Demnach muss die
EU bis dahin ihre Treibhausgasemissionen um 90 Prozent im Vergleich
zu 1990 senken.

Losgelöst davon werden ab 2028 Brennstoffe wie Benzin und Erdgas in
ein zweites EU-System einbezogen (ETS2). Der Preis der Zertifikate
beeinflusst dann indirekt die Kosten für Heizöl, Erdgas, Diesel oder
Benzin.

Wie funktioniert der Emissionshandel?

Die betroffenen Unternehmen bekommen Zertifikate für den Ausstoß
klimaschädlicher Gase wie Kohlendioxid (CO2) zugeteilt und können
nach Bedarf auch damit handeln oder weitere ersteigern. So entsteht
ein Preis für jede ausgestoßene Tonne CO2. Die Menge der verfügbaren

Zertifikate sinkt kontinuierlich. Dadurch sollen die Zertifikate
teurer werden und Klimaschutzinvestitionen sich mehr lohnen. 

Besonders energieintensive Industrien - dazu zählen die Chemie- und
die Stahlindustrie - erhalten auch einen Teil ihrer Zertifikate
kostenlos. Diese kostenlosen Zertifikate werden immer weiter
reduziert. Nicht genutzte Zertifikate werden in einer Art Ablage, der
Marktstabilitätsreserve (MSR), gehalten. Damit soll das Angebot auf
dem Markt sinken, wenn viele Zertifikate im Umlauf sind. Gibt es eine
Verknappung, werden Emissionszertifikate aus der Reserve auf den
Markt gebracht. So sollen zu große Preissprünge abgefedert werden.

Was schlägt die Kommission vor?

Konkret schlägt die Kommission nun als Resultat ihrer Überprüfung
unter anderem vor, dass ab 2031 mehr Zertifikate zur Verfügung
stehen. Derzeit ist vorgesehen, dass es bis 2027 pro Jahr 4,3 Prozent
und ab 2028 jährlich 4,4 Prozent weniger Zertifikate geben soll.
Danach soll die Anzahl nun weniger stark abnehmen - nach dem Willen
der Behörde von 2031 bis 2035 um je 3,7 Prozent und von 2036 bis 2040
um jeweils 1,7 Prozent. Außerdem soll es in bestimmten Bereichen mehr
kostenlose Zertifikate geben, wie etwa der Chemieindustrie.

Die Brüsseler Behörde will den EU-Emissionshandel auf die Luftfahrt-
und Seeverkehrssektoren sowie die Müllverbrennung ausweiten. Ab 2029
sollen mehr in der EU abgehende Flüge unter das System fallen - und
zwar solche, die in einem Radius von 5.000 Kilometern ab dem
Frankfurter Flughafen landen.

Wie fallen die Reaktionen aus?

Der CDU-Politiker Peter Liese spricht von einem guten Tag für den
Klimaschutz, für die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie und die
Arbeitsplätze. «Jetzt ist klar: der Emissionshandel, das wichtigste
Klimaschutzinstrument der Welt, bleibt erhalten.» Gleichzeitig trage
die Kommission der Tatsache Rechnung, dass es unsinnig sei, wie im
gegenwärtigen System vorgesehen schon 2039 keine Emissionen mehr aus
den betroffenen Sektoren wie energieintensiven Industrien oder
Flugverkehr zu haben, so der umwelt- und klimapolitische Sprecher der
EVP-Fraktion im Europaparlament.

Die Grünen kritisieren, dass die EU-Kommission die «beste Waffe» im
Kampf für den Klimaschutz entschärfe. «Die Kommission erteilt der
Industrie die Lizenz, noch länger und günstiger zu verschmutzen»,
sagt der Grünen-Abgeordnete Michael Bloss. «Die Pläne der
EU-Kommission sorgen für gigantische Klimaverschmutzung. Die Rechnung
zahlen unsere Kinder mit Einschränkungen bei Lebensqualität,
Gesundheit und Freiheit.» Die Schwächung des Emissionshandels schade
Unternehmen, die mit klimafreundlicher Produktion Arbeitsplätze und
Wachstum schaffen.

Der SPD-Politiker Tiemo Wölken nennt die Reform des Emissionshandels
die wichtigste klima- und industriepolitische Weichenstellung der
nächsten Jahre. Die Vorschläge seien aber unzureichend, da sie
lediglich zu 85 Prozent Einsparungen gegenüber 1990 in der EU bis
2040 beitrügen. Außerdem moniert er: «Kostenlose Zertifikate dürfen

nicht dauerhaft Subventionen für Emissionen bleiben.» Wo Unternehmen
weiterhin von Gratisallokationen profitierten, müssten diese an
verbindliche Investitionen in Dekarbonisierung und den Erhalt von
Arbeitsplätzen in Europa geknüpft werden, fordert er.

Linda Kalcher von der Brüsseler Denkfabrik Strategic Perspectives
kritisiert, wieder einmal habe politischer Druck Vorrang vor
wirtschaftlichen und marktbezogenen Realitäten. «Der ETS-Vorschlag
ist ein Trojanisches Pferd: Er sieht aus wie ein Geschenk für
Unternehmen, um ihre Emissionsreduktionen hinauszuzögern. In
Wirklichkeit verschafft er aber einen Wettbewerbsnachteil gegenüber
chinesischen Unternehmen, die in der Zeit ihre Anteile an sauberen
Märkten erhöhen.»

Eine Sprecherin der Lufthansa Group kritisierte mit Blick auf die
Ausweitung des Systems auf mehr Flüge: «Statt die Mehrkosten für
europäische Airlines zu erhöhen, sollte Brüssel die ETS-Kosten
senken.» Man brauche zudem international faire und gleiche
Bedingungen. 

Wie geht es weiter?

Die Vorschläge der EU-Kommission müssen nun von den EU-Staaten und
dem Europaparlament als Mitgesetzgebern beraten werden. Erst wenn sie
sich einigen, können mögliche Änderungen in Kraft treten.