EU will Emissionshandel für Flüge auch außerhalb Europas Von Christian Ebner und Ann-Kristin Wenzel, dpa

18.07.2026 06:00

Die EU-Kommission will den Emissionshandel im Luftverkehr ausweiten.
Er soll bei Abflügen zu Zielen in einem Radius von 5.000 Kilometer um
Frankfurt verpflichtend werden. Der Kreis ist nicht zufällig.

Frankfurt/Main/Brüssel (dpa) - Die EU-Kommission will erstmals Flüge
zu Zielen außerhalb Europas ihrem Emissionshandel unterwerfen. Das
bislang ausschließlich innerhalb der EU geltende Regelwerk ETS soll
ab 2029 auf alle Flüge angewendet werden, die in einem Radius von
5.000 Kilometern ab dem Frankfurter Flughafen landen, schlägt die
Kommission vor. Das schließt zahlreiche Ziele in Afrika und Asien mit
ein, nicht aber die wichtigen Auslandsmärkte USA, China und Indien. 

Gegen Emirates und Turkish Airlines

Mit dem Entwurf habe die EU-Kommission erstmals die
Wettbewerbsverzerrung zwischen europäischen und außereuropäischen
Airlines in den Blick genommen, lobte eine Sprecherin der Lufthansa
Group. Denn der 5.000-Kilometer-Kreis ist nicht zufällig gewählt. Er
enthält sämtliche wichtigen Drehkreuze am Persischen Golf wie auch
den aufstrebenden Flughafen Istanbul. Die dort beheimateten Airlines
wie Turkish, Emirates oder Qatar locken seit Jahren mit günstigen
Angeboten Umsteiger an und haben den europäischen Gesellschaften
große Marktanteile im Asienverkehr abgenommen.

Nicht erfasst vom geplanten Geltungsbereich sind hingegen die USA,
Indien und China - alles Staaten, aus denen schon 2012 entschlossener
Widerstand gegen den EU-Emissionshandel kam, weil man darin einen
Eingriff in die eigene nationale Souveränität erkannte. Sie drohten
mit massiven Gegenmaßnahmen wie der Einschränkung von
Verkehrsrechten. Die EU musste damals ihren weltweit geplanten
Emissionshandel eindampfen und auf innereuropäische Flüge
beschränken.

Erhebliche Gegenreaktionen befürchtet

Die deutsche Luftverkehrs-Lobby BDL hatte schon vor dem Entwurf
gewarnt: «Die EU kann den Emissionshandel im internationalen
Luftverkehr nicht einseitig ausweiten, ohne erhebliche
Gegenreaktionen anderer Staaten zu riskieren.» Jetzt zeigte sich der
Verband erleichtert, dass der kostspielige Handel nicht auf sämtliche
Starts in Europa ausgeweitet werden soll. Schon jetzt müssten
deutsche Airlines rund 630 Millionen Euro jährlich für die
Zertifikate aufwenden. Eine Entlastung würde dringend benötigt. 

Sollte der Vorschlag der Kommission die Zustimmung vom
Europaparlament und den EU-Staaten erhalten, erwartet der
Luftrechtsexperte Elmar Giemulla sehr schwierige Verhandlungen mit
Staaten, die in die neu geschaffene Zone fallen würden. «Die
Luftverkehrsabkommen beruhen immer auf Gegenseitigkeit. Es ist schon
ein kühner Plan der EU, die Verträge einseitig ändern zu wollen.» E
r
könne sich nicht vorstellen, dass Staaten wie die Türkei oder die
arabischen Emirate dem zustimmen würden. «Man muss mit denen reden.
Und das wird kein Spaziergang.» 

Besonders betroffen wären aus Sicht des Experten auch die
nordafrikanischen Länder wie Ägypten oder Marokko, die regelmäßig
viele Touristen aus Europa empfangen. Deren Ferienflüge würden sich
verteuern und so das Tourismusgeschäft schmälern. «Das ist auch eine

Frage der Fairness, ob Europa im Namen des Umweltschutzes die
Ellbogen ausfahren sollte.»

So funktioniert der EU-Emissionshandel 

Das EU-Treibhausgashandelssystem (Emission Trading System, ETS) ist
ein zentrales Klimaschutzinstrument der Europäischen Union. Die
Vorgaben sollen als Anreiz dienen, Treibhausgase einzusparen. Der
Luftverkehr macht nach Angaben der EU-Kommission rund 4 Prozent der
gesamten CO2-Emissionen der EU aus. Die Kommission schlägt vor, das
System auch auf alle ankommenden und abfliegenden Privatjets
auszuweiten. 

Die betroffenen Unternehmen bekommen Zertifikate für den Ausstoß
klimaschädlicher Gase wie Kohlendioxid (CO2) zugeteilt und können
nach Bedarf auch damit handeln oder weitere ersteigern. So entsteht
ein Preis für jede ausgestoßene Tonne CO2. Die Menge der verfügbaren

Zertifikate sinkt kontinuierlich. Dadurch sollen die Zertifikate
teurer werden und Klimaschutzinvestitionen sich mehr lohnen. 

Sogar weitere Ausweitung denkbar

Unabhängig vom ETS gibt es ein weltweites Klimaschutzinstrument für
den Luftverkehr, das die Internationale Zivilluftfahrtorganisation
ICAO auf freiwilliger Basis geschaffen hat (Corsia). Bis Juli 2032
soll die EU-Kommission einen Bericht vorlegen, wie gut das globale
Ausgleichssystem funktioniert. Je nach Ergebnis soll das System dann
wieder auf weniger Flüge außerhalb der EU eingegrenzt werden - oder
möglicherweise im Gegenteil auf alle internationalen Flüge
ausgeweitet werden, die in der EU starten. 

Kritik von den Airlines

Der globale Airline-Verband IATA sieht die EU-Pläne als Wiederholung
eines «historischen Fehlers», der erneut viele Streitigkeiten
auslösen werde. Das Vorhaben werde die weltweite Dekarbonisierung
verlangsamen und die Wettbewerbsfähigkeit Europas untergraben, meinte
IATA-Chef Willie Walsh. Europa solle sich darauf konzentrieren,
Corsia zu einem Erfolg zu machen. 

Die europäischen Airlines sind wenig begeistert, dass sie für
deutlich mehr Flüge als bislang Umwelt-Zertifikate kaufen sollen. Die
EU müsse die Einnahmen aus dem ETS komplett reinvestieren, um die
Emissionen des Luftverkehrs zu reduzieren, verlangt die Chefin des
Airlineverbands A4E, Ourania Georgoutsakou. 

Mit dem Ansatz würden nur 53 Prozent des europäischen Luftverkehrs
bepreist, schreibt hingegen der europäische Verkehrsverband T&E. «Es
soll nur ein Teil der Flüge erfasst werden, während die längsten und

umweltschädlichsten Flüge weiterhin ausgenommen bleiben», kritisierte

Anna Comino von T&E Deutschland. «Die Bundesregierung muss diesen
Vorschlag zumindest unterstützen und gleichzeitig darauf drängen, den
Geltungsbereich bis zur nächsten Überprüfung schrittweise
auszuweiten. Die Luftfahrt muss für alle ihre Emissionen aufkommen,
genau wie jeder andere Wirtschaftssektor.»