EZB wartet ab - Zinserhöhung erst im September erwartet Von Jörn Bender, dpa

23.07.2026 14:43

Die Inflation hat sich zuletzt abgeschwächt. Das ermöglicht der
Europäischen Zentralbank eine Zinspause. Doch die Unsicherheit wegen
des Iran-Krieges bleibt.

Frankfurt/Main (dpa) - Im Euroraum bleiben die Leitzinsen trotz
anhaltender Inflationsgefahren vorerst unverändert. Nachdem die
Europäische Zentralbank (EZB) im Juni erstmals seit fast drei Jahren
die Zinsen angehoben hatte, entschieden sich die Euro-Währungshüter
nun für eine geldpolitische Pause. Damit bleibt der für Banken und
Sparer im Euroraum wichtige Einlagenzins bei 2,25 Prozent. 

Eine Anhebung könnte es im September geben, wenn der EZB neue
Prognosen zu Inflation und Konjunktur vorliegen. Denn die Risiken für
die Teuerung sind nicht gebannt, solange der Iran-Krieg andauert.
Aktuell treibt der Krieg zwischen USA und Iran die Ölpreise wieder in
die Höhe: Der Preis für ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent
bewegt sich in Richtung von 100 US-Dollar.

«Die Unsicherheit ist nach wie vor hoch, und die Auswirkungen des
Energieschocks auf die Inflation sind noch nicht vollständig zum
Tragen gekommen», teilte die Notenbank in Frankfurt mit.

Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Dekabank, analysiert: «Bei
Rohölpreisen von wieder um die 100 US-Dollar werden die kommenden
Inflationsraten wieder anziehen. Das kann der EZB nicht gefallen.»
Die Notenbank werde im September entscheiden, ob ein weiterer
Zinsschritt notwendig sei.

Etwas Entspannung bei der Inflation

Der Ölpreisschock infolge des Iran-Kriegs hatte die Teuerung in den
vergangenen Monaten kräftig nach oben getrieben. Im Juni schwächte
sich der Preisauftrieb ab, die Verbraucherpreise im Euroraum lagen um
2,8 Prozent über dem Niveau des Vorjahresmonats nach 3,2 Prozent
Inflation im Mai. In Europas größter Volkswirtschaft Deutschland
dämpfte der Tankrabatt den Preisauftrieb im Juni, die Inflationsrate
schwächte sich auf 2,3 Prozent ab.

Die EZB sieht Preisstabilität mittelfristig bei zwei Prozent
Inflation im Euroraum gewahrt. Mit höheren Zinsen kann sie die
Inflation dämpfen, weil dann Kredite teurer werden und die Nachfrage
gebremst wird. Allerdings sind höhere Zinsen zugleich eine Belastung
für alle, die investieren wollen. 

Die Bauzinsen in Deutschland bewegen sich einer Übersicht des
Geldratgebers Finanztip zufolge vergleichsweise stabil nahe der
Vier-Prozent-Marke. Ein weiterer Zinsschritt der EZB bis zum
Jahresende sei bei den Bauzinsen bereits eingepreist, sagt
Finanztip-Experte Dirk Eilinghoff.

Zinserhöhung im September erwartet

Die EZB sei mit dem aktuellen Zinsniveau gut aufgestellt, «um nicht
auf jede Preisschwankung reagieren zu müssen und die Entwicklungen
vorerst beobachten zu können», meint Andreas Bley, Chefvolkswirt des
Bankenverbandes BVR. «Angesichts der Lage am Persischen Golf stehen
die Zeichen aktuell auf eine Zinserhöhung im September.»

Ökonomen erwarten eine weitere Zinserhöhung in diesem Jahr, aber
keine Serie. Denn wenn die EZB die Zinsen zu stark anhebt, läuft sie
Gefahr, die ohnehin schon unter erheblichem Druck stehende Wirtschaft
abzuwürgen.

Höhere Leitzinsen sind gut für Sparer

Sparer könnten von steigenden Leitzinsen profitieren - allerdings nur
dann, wenn Banken und Sparkassen die besseren Konditionen an ihre
Kundschaft weitergeben. Das war nach der jüngsten Leitzinserhöhung im
Juni gerade einmal bei jedem sechsten von 823 Geldhäusern in
Deutschland der Fall (17 Prozent), wie eine Auswertung des
Vergleichsportals Verivox ergab. 

Im Schnitt seien die Tagesgeldzinsen bei diesen Instituten 0,18
Prozentpunkte angehoben worden. Durchschnittlich bringt Tagesgeld bei
bundesweit verfügbaren Angebote der Verivox-Analyse zufolge derzeit
1,38 Prozent Zinsen. Einige Banken locken Neukunden zeitweise mit bis
zu 4 Prozent aufs Tagesgeld.

Oberstes EZB-Ziel: Stabile Preise

In ihrer jüngsten Prognose aus dem Juni geht die EZB davon aus, dass
die Teuerungsrate im Euroraum im Schnitt des laufenden Jahres wegen
des Iran-Kriegs bei 3,0 Prozent liegen wird. Eine neue Preiswelle wie
in der Energiekrise nach Beginn des Ukraine-Krieges im Februar 2022
will die Notenbank unbedingt verhindern. 

Damals stand die EZB in der Kritik, den Preisanstieg lange
unterschätzt zu haben. Die Inflation im Euroraum schnellte bis auf
mehr als zehn Prozent hoch, in Deutschland verteuerten sich Energie
und Lebensmittel rasant. Die Preiserhöhungen wirken bis heute nach:
Nahrungsmittel sind rund ein Drittel teurer als 2019.