EU: TikTok gefährdet Kinder und Jugendliche - Strafe droht Von Niklas Treppner, dpa
24.07.2026 12:03
Der nächste Paukenschlag: Die EU-Kommission treibt ihre Verfahren
gegen die Online-Riesen voran. Mitten in der Social-Media-Debatte
geht es wieder um Kinderschutz - und wieder gerät TikTok ins Visier.
Brüssel (dpa) - TikTok gefährdet Kinder und Jugendliche nach
vorläufigen Ermittlungsergebnissen der EU-Kommission durch zu
niedrige Schutzstandards. Die Brüsseler Behörde kritisiert unter
anderem, dass Fremde die öffentlichen Benutzerkonten von
Minderjährigen sehen und die jungen Nutzer auch mit missbräuchlichen
Absichten kontaktieren könnten. Sollte sich das Ergebnis der
Untersuchung bestätigen und TikTok keine Änderungen vornehmen wollen,
droht der Plattform eine Geldstrafe.
Mit den vorläufigen Untersuchungsergebnissen treibt die EU-Kommission
das nächste Verfahren gegen einen Online-Riesen voran - wieder steht
dabei der Kinder- und Jugendschutz im Fokus. Gleichzeitig läuft die
Debatte über strengere Altersgrenzen für bestimmte soziale Netzwerke
oder andere digitale Angebote. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von
der Leyen kündigte zuletzt an, nach dem Sommer einen Vorschlag zum
weiteren Vorgehen der EU machen zu wollen.
Brüssel befürchtet Einfallstor für Cybermobbing
Mit mehr als 200 Millionen Nutzern in Europa ist TikTok eine der
beliebtesten Plattformen - gerade bei jungen Menschen. Doch die
Einstellungen des sozialen Netzwerks schützten Kinder und Jugendliche
nicht ausreichend vor Cybermobbing, heißt es in den vorläufigen
Ermittlungsergebnissen der EU-Kommission.
Veröffentlichte Inhalte könnten demnach von Dritten missbraucht
werden. Denn auch Personen ohne eigenes TikTok-Konto könnten die
öffentlichen Profile der Kinder und Jugendlichen sehen. «Da das, was
Minderjährige veröffentlichen, für immer online bleiben und sie bis
ins Erwachsenenalter begleiten kann, birgt die Funktion zudem das
Risiko potenziell lebenslanger Folgen», argumentiert die Brüsseler
Behörde.
TikTok verweist auf bestehende Sicherheitsfunktionen
Die Online-Plattform verteidigte die Einstellungen seiner Plattform:
«Jugendkonten auf TikTok verfügen bereits ab der Einrichtung des
Kontos über mehr als 50 voreingestellte Datenschutz- und
Sicherheitsfunktionen, die unter Einbeziehung von Expertinnen und
Experten entwickelt wurden», teilte eine Sprecherin mit. Man gehöre
zudem zu den wenigen Plattformen, auf denen jüngere Teenager keine
Direktnachrichten nutzen könnten.
Die von der chinesischen Firma Bytedance betriebene App sollte nach
Ansicht der EU-Kommission die Einstellungen anpassen. Und zwar so,
dass Inhalte von Kindern und Jugendlichen standardmäßig nur für
TikTok-Nutzer sichtbar sind, welche die Minderjährigen akzeptiert
haben. Zudem fordert Brüssel von TikTok, Inhalte von Jugendlichen
nicht länger anderen TikTok-Nutzern zu empfehlen, wie es aktuell bei
Posts von 16- und 17-Jährigen passiere.
Sammelt Brüssel Argumente für ein Social-Media-Verbot?
Die von Brüssel erhobenen Vorwürfe könnten EU-Kommissionspräsidenti
n
von der Leyen als zusätzliche Argumentationsstütze für mögliche
Altersschranken bei Social Media dienen. Nach Empfehlungen der von
ihr beauftragten Experten hatte die deutsche Politikerin betont, dass
es ein Mindestalter geben müsse, ab dem Kinder soziale Medien nutzen
dürften.
Mehrere Mitgliedsländer preschten in den vergangenen Monaten mit
nationalen Vorschlägen für ein Social-Media-Verbot voran. Die
EU-Kommission steht daher zunehmend unter Druck, will das Thema aber
EU-weit lösen und dafür spätestens im Herbst eine Lösung
präsentieren.
Zwar gibt es bisher kein europaweites Mindestalter explizit für
soziale Netzwerke, das EU-Gesetz über digitale Dienste (Digital
Services Act, kurz DSA) verpflichtet große Online-Plattformen aber
bereits dazu, Kinder und Jugendliche effektiv zu schützen. Auffällig
ist, wie viele dieser oft Jahre dauernden Verfahren zum Kinder- und
Jugendschutz die EU-Kommission allein in den vergangenen vier Monaten
vorangetrieben hat:
* Pornoseiten: Die Brüsseler Behörde wirft Pornhub, Stripchat, XNXX
und XVideos Ende März vor, zu leicht für Jugendliche zugänglich zu
sein.
* Snapchat: Gegen Snapchat laufen seit Ende März Ermittlungen der
EU-Kommission, weil Kinder und Jugendliche unangemessenen
Kontaktversuchen durch Erwachsene (Cybergrooming) sowie Werbung für
Alkohol und Drogen ausgesetzt seien könnten. Brüssel verlangt von
Snapchat zudem, das selbst festgelegte Minderalter von 13 Jahren
durchzusetzen.
* Facebook und Instagram: Die EU-Kommission verlangt von Facebook
und Instagram seit Ende April, das selbst in den Nutzungsbedingungen
festgelegte Mindestalter von 13 Jahren besser durchzusetzen, um
Kinder zu schützen. Vor zwei Wochen kam der Vorwurf hinzu, beide
Plattformen würden eine zu große Suchtgefahr für Kinder und
Jugendliche bergen.
EU-Verfahren gegen TikTok auch wegen Suchtrisiken
Dass Minderjährige süchtig werden könnten, befürchtet die
EU-Kommission auch bei TikTok. Konkret geht es dabei um
suchtfördernde Mechanismen - wie zum Beispiel stark personalisierte
Empfehlungen und das ununterbrochene, automatische Abspielen von
Videos. Im Februar hatte die Brüsseler Behörde vorläufige
Ermittlungsergebnisse präsentiert und auch hier Änderungen von TikTok
verlangt.
Das Unternehmen hat in beiden Verfahren die Möglichkeit, sich gegen
die Vorwürfe zu verteidigen oder mit entsprechenden Änderungen die
Bedenken der EU auszuräumen. Findet sich keine einvernehmliche
Lösung, könnte es für TikTok teuer werden.
Die EU-Kommission würde dann formell einen Verstoß feststellen und
eine Strafe von bis zu sechs Prozent des jährlichen Konzernumsatzes
verhängen. Auch tägliche Strafen wären möglich, um TikTok zum
Einlenken zu bewegen.
