EU erschwert Ukrainern Flucht vor Krieg - Was ändert sich? Von Niklas Treppner, dpa

30.07.2026 15:50

Viele ukrainische Männer wollen nicht im Krieg gegen Russland kämpfen
- sie fliehen unter anderem nach Deutschland. Doch das wird jetzt
schwieriger.

Brüssel (dpa) - Fast 4,4 Millionen Menschen aus der Ukraine haben
bisher in der Europäischen Union Schutz gefunden. Doch die EU
erschwert ukrainischen Männern nun die Flucht vor dem Krieg gegen
Russland: Wehrfähige Ukrainer profitieren in Deutschland und anderen
EU-Staaten künftig nicht mehr von vereinfachten Aufnahmeregeln, wie
ein Sprecher nach einem entsprechenden Beschluss des Rates der
Mitgliedstaaten sagte. Die Verordnung wird demnach in Kürze im
EU-Amtsblatt veröffentlicht, einen Tag später treten die neuen Regeln
in Kraft. 

Ist die Tür für wehrfähige Männer damit komplett geschlossen und f
ür
wen gibt es Ausnahmen? Die wichtigsten Fragen und Antworten im
Überblick: 

Warum wird die Flucht in die EU erschwert? 

Das von Russland angegriffene Land braucht weiter viele Soldaten.
Nach Angaben von Präsident Wolodymyr Selenskyj mobilisiert die
Ukraine monatlich bis zu 34.000 Mann. Wegen der hohen Zahl von
Fahnenflüchtigen kann die Armee ihre Verluste damit jedoch kaum
ausgleichen. Nach Auskunft des ehemaligen Verteidigungsministers
Mychajlo Fedorow wird nach mehr als zwei Millionen Wehrpflichtigen
gefahndet.

Die EU-Kommission folgt nach eigenen Aussagen vor allem einer Bitte
der Ukraine, die aber auch Deutschland und andere Mitgliedsländer
befürworteten. EU-Migrationskommissar Magnus Brunner hatte gesagt,
das Thema sei ausführlich mit der ukrainischen Seite besprochen
worden. 

Wer ist betroffen? 

Künftig sollen nur noch diejenigen von vereinfachten Aufnahmeregeln
profitieren, die ihren Wehrdienst in der Ukraine geleistet haben oder
freigestellt sind. Wer in der Ukraine wegen des Krieges hingegen
einem Ausreiseverbot unterliegt, soll es in der EU deutlich schwerer
haben, Schutz zu bekommen. 

Nach den derzeitigen ukrainischen Regeln wären davon besonders
wehrfähige Männer zwischen 23 und 60 Jahren betroffen. Ihnen bleibt
künftig nur die Möglichkeit eines Asylantrags, sie hätten also
deutlich geringere Aussichten auf Schutz und eine
Aufenthaltserlaubnis. Ausnahmen von dem ukrainischen Ausreiseverbot -
die auch in der EU berücksichtigt werden sollen - gelten für Väter
von mindestens drei minderjährigen Kindern oder für diejenigen, die
aus gesundheitlichen Gründen vom Wehrdienst freigestellt sind. 

Was ist mit den Ukrainern, die schon in der EU sind? 

Die neuen Regeln sollen nur bei Männern Anwendung finden, die neu in
die EU kommen. Wer bereits einen Schutzstatus bekommen hat, verliert
ihn also nicht. Abgesehen von den Einschränkungen für wehrpflichtige
Männer sind die vereinfachten Aufnahmeregeln bis März 2028 verlängert

worden. 

Frauen, Kinder oder Männer mit Ausreiseerlaubnis erhalten also auch
künftig nach der sogenannten Massenzustromrichtlinie Aufnahme. Ihre
Schutzersuchen werden also nicht individuell geprüft. Das macht es
Ukrainern bisher wesentlich leichter, in der EU Schutz zu erhalten,
als flüchtenden Menschen aus anderen Staaten. 

Wie steht die Bundesregierung dazu? 

Deutschland hatte sich auf EU-Ebene klar für Einschränkungen beim
Schutzstatus für Männer ausgesprochen. Bundesinnenminister Alexander
Dobrindt (CSU) hatte die Idee bei einem Treffen mit seinen
EU-Amtskollegen befürwortet. Justizministerin Stefanie Hubig (SPD)
betonte, es sei wichtig, dass die Ukraine wehrfähig bleibe. 

Auch Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hatte sich bereits
vergangenes Jahr deutlich positioniert und vom ukrainischen
Präsidenten Selenskyj strengere Ausreisebestimmungen für junge Männer

gefordert. «Ich habe ihn gebeten, dafür zu sorgen, dass diese jungen
Männer im Land bleiben, weil sie im Land gebraucht werden und nicht
in Deutschland», sagte Merz. 

Was wird an den verschärften Aufnahmeregeln kritisiert? 

Besonders Grüne und Linke hatten Kritik an Einschränkungen für Männ
er
geäußert. Grünen-Migrationsexpertin Filiz Polat warnte, für die
Mitgliedsstaaten würde ein Ausschluss von Männern im wehrpflichtigen
Alter zu einem bürokratischen Mehraufwand führen und mit einem
unschönen Prüfaufwand bei den Kommunen verbunden sein. 

Die Bundestagsabgeordnete fügte hinzu, es sei schon jetzt erkennbar,
dass die Einschränkungen im temporären Schutz viele betroffene Männer

in das reguläre Asylverfahren drängen würden. Dieses steht den
ukrainischen Männern dem Vorschlag nach weiterhin offen. Auch das
Recht auf subsidiären Schutz bleibt. Der wird in Deutschland gewährt,
wenn im Herkunftsland etwa wegen bewaffneter Konflikte ernsthafter
Schaden droht. 

Die fluchtpolitische Sprecherin der Linksfraktion im Bundestag, Clara
Bünger, sagte, ein «Ausschluss von Männern im wehrfähigen Alter w
äre
nicht nur für die Betroffenen fatal, sondern zugleich ein Angriff auf
das Recht auf Kriegsdienstverweigerung». Kriegsdienstverweigerung sei
ein Menschenrecht, das in der Ukraine nicht gewährleistet sei.
Deshalb müsse diesen Menschen Schutz gewährt werden.

Wie geht die Ukraine mit Männern um, die nicht kämpfen wollen? 

In der Ukraine stoßen Rekrutierungskommandos der Armee häufig auf
Widerstand. Täglich werden in sozialen Netzwerken neue Videos von
Zusammenstößen veröffentlicht, Rekrutierungsunwillige wehren sich zum

Teil mit Waffengewalt.

Zwangsrekrutierte werden in gefängnisartigen Einrichtungen
festgehalten. Der Menschenrechtsbeauftragte des ukrainischen
Parlaments, Dmytro Lubinez, berichtet regelmäßig über Todesfälle im

Rahmen von Zwangsrekrutierungen. Ein kürzlicher Pressebericht deckte
Fälle von Prügel, Folter und Quälerei rekrutierter Männer in einer

Einheit auf.