Andrang von Migranten: Spaniens Afrika-Exklave schlägt Alarm Von Emilio Rappold, dpa
30.07.2026 23:19
Binnen Tagen erreichen Hunderte Migranten die spanische
Nordafrika-Exklave Ceuta. Die Behörden schlagen Alarm. Beobachter
vermuten einen Zusammenhang mit einer umstrittenen Reise von Pedro
Sánchez.
Madrid/Ceuta (dpa) - Die Ankunft von mindestens 1.500 Migranten
innerhalb weniger Tage in der spanischen Nordafrika-Exklave Ceuta hat
die dortigen Behörden in Alarmbereitschaft versetzt. Unter den
Ankömmlingen seien viele Minderjährige und Kinder, berichtete der
staatliche TV-Sender RTVE. Die Regionalregierung forderte von der
Zentralregierung die Ausrufung des nationalen Notstands und den
Einsatz des spanischen Militärs an der Grenze zu Marokko. Nach
Angaben der Nachrichtenagentur «Europa Press» und anderer Medien
hielt der Migrantenandrang am Abend an.
Madrid will keinen Notstand ausrufen, ordnete aber unterdessen den
Einsatz von in Ceuta stationierten Armeeeinheiten zur Unterstützung
der Grenzbeamten an, wie die Zeitung «El País» und andere Medien am
Abend unter Berufung auf die Regierung berichteten. Diese Maßnahme
war bereits während der Migrationskrise im Mai 2021 in Ceuta
ergriffen worden. Es seien insgesamt 120 Einsatzkräfte des Militärs,
schreibt «El País».
Ministerpräsident Pedro Sánchez hatte davor am Nachmittag auf der
Plattform X mitgeteilt, man setze «alle Hebel in Bewegung, um
umgehend auf die Lage in Ceuta zu reagieren», war aber nicht
konkreter geworden. Am Abend teilte die Regierung in Madrid mit,
Sánchez werde am Freitag nach Ceuta reisen.
Opposition macht Zentralregierung verantwortlich
Oppositionsführer Alberto Nuñez Feijóo von der konservativen
Volkspartei PP sprach von einer «verzweifelten Situation». Auf X
kritisierte er den sozialistischen Politiker Sánchez mit scharfen
Worten: Die Regierung dürfe «nicht wegsehen, denn wir befinden uns in
einer Krise der nationalen Sicherheit».
Laut RTVE schließt das Innenministerium die Ausrufung des Notstands
aus. Nach den geltenden Zivilschutzvorschriften zählen
Migrationsbewegungen demnach nicht zu den Risiken, für die das
nationale Zivilschutzsystem vorgesehen sei. Spanien und Marokko
hätten vereinbart, ihre Zusammenarbeit zur Bewältigung der
Migrationsbewegungen zu verstärken. Zudem sollten möglichst rasch
alle Menschen zurückgeführt werden, die illegal nach Ceuta eingereist
seien, hieß es unter Berufung auf das Ministerium.
Migranten laufen jubelnd über die Straßen
Die Migranten sind nach Behörden-Angaben in den vergangenen Tagen und
auch am Donnerstag überwiegend schwimmend nach Ceuta gelangt, wie
RTVE und andere unter Berufung auf die Regionalbehörden berichteten.
Das Gebiet hat nur knapp 85.000 Einwohner. Bereits am Mittwoch hatte
Ceutas Regionalpräsident Juan Jesús Vivas erklärt, die
Aufnahmeeinrichtungen seien völlig überlastet. Hunderte Migranten
müssten auf den Straßen übernachten.
Videos und Fotos zeigten überwiegend junge Männer, aber auch Familien
mit Frauen und Kindern, die über die Felsblöcke gelangen, die zu dem
künstlichen Damm gehören, der die Grenze zwischen Ceuta und Marokko
markiert und sichern soll. Man sieht auch, wie die Menschen jubelnd
über die Straßen laufen und unter anderem «Viva España!», rufen.
«An
den Stränden liegen viele Gegenstände, die die Migranten bei der
Überquerung genutzt haben, darunter Schwimmringe und -flossen sowie
Neoprenanzüge», berichtete RTVE.
Dutzende sterben beim Versuch, spanisches Gebiet zu erreichen
Nicht alle, die in die EU wollen, schaffen es: Die spanische
Polizeieinheit Guardia Civil entdeckte am Mittwoch und am Donnerstag
die Leichen von insgesamt zehn Menschen, die vermutlich in den
vergangenen Tagen versucht hatten, schwimmend nach Ceuta zu gelangen.
Vivas sagte zuvor, in den vergangenen zwölf Monaten seien bereits
rund 60 Leichen von Migranten geborgen worden.
Die EU bot Spanien Unterstützung an. Migrationskommissar Magnus
Brunner habe «die Bereitschaft der EU zum Ausdruck gebracht, Spanien
- unter anderem über Frontex - verstärkt zu unterstützen, um die Lage
unter Kontrolle zu bringen», teilte er am Abend auf der Plattform X
mit. Der Schutz der EU-Außengrenzen sei «ein wesentlicher Bestandteil
unserer Bemühungen zur Bekämpfung der illegalen Migration».
2021 stürmten mehr als 8.000 Menschen in die Exklave
Die Bilder wecken Erinnerungen an die Ereignisse vor fünf Jahren. Im
Mai 2021 waren innerhalb von 36 Stunden mehr als 8.000 Menschen von
Marokko aus in die Exklave gestürmt. Madrid warf Rabat damals
«Erpressung» vor. Man war davon überzeugt, dass die Grenzkontrollen
gelockert oder gar ausgesetzt wurden, um Madrid im Streit um die
Westsahara unter Druck zu setzen.
Hintergrund des damaligen Konflikts war der Streit um die frühere
spanische Kolonie, die größtenteils von Marokko kontrolliert wird und
von der Unabhängigkeitsbewegung Polisario für einen eigenen Staat
beansprucht wird. Spanien hatte den Anführer der Polisario 2021 aus
humanitären Gründen zur Behandlung aufgenommen, was in Rabat heftige
Verstimmung auslöste.
Wurden die Kontrollen gelockert, um Madrid ein Signal zu senden?
Die Beziehungen entspannten sich erst 2022, nachdem Sánchez den
marokkanischen Autonomieplan für die Westsahara als «die
ernsthafteste» Grundlage für eine Lösung bezeichnet hatte. Seither
arbeiten Madrid und Rabat in Migrations- und Sicherheitsfragen wieder
enger zusammen.
Einige Medien spekulieren nun über einen Zusammenhang mit einer
Algerien-Reise von Sánchez vergangene Woche. Marokko und Algerien
stehen sich im Westsahara-Streit seit Jahren unversöhnlich gegenüber.
Einige halten es für möglich, dass Rabat die Kontrollen der eigenen
Polizei an der Grenze zu Ceuta gelockert haben könnte, um ein
politisches Signal an Madrid zu senden. Belege dafür gibt es bislang
allerdings nicht.
Obwohl Marokko 1956 die Unabhängigkeit von Frankreich und Spanien
erlangte, hat Spanien dort weiterhin zwei Exklaven: Ceuta an der
Meerenge von Gibraltar und das 250 Kilometer weiter östlich gelegene
Melilla. Beide werden von Marokko beansprucht. In der Nähe beider
Gebiete warten oft Tausende Afrikaner, vorwiegend aus Ländern südlich
der Sahara, auf eine Gelegenheit, in das zur EU gehörende Gebiet zu
kommen. Oft versuchen mehrere Hundert Menschen auf einmal, die
Grenzbeamten zu überraschen.
