Krise in Ceuta - Kann Spanien aus dem Schengenraum fliegen? Von Niklas Treppner und Katharina Redanz, dpa
31.07.2026 18:28
Bewährungsprobe für die neue EU-Migrationspolitik: Erstmals seit
Inkrafttreten der Asylreform erlebt ein Mitgliedsland eine
Krisensituation. Spanien gerät unter Druck - auch durch andere
EU-Länder.
Brüssel (dpa) - Zehntausende Menschen drängen irregulär in die
spanische Exklave Ceuta auf dem afrikanischen Kontinent und stürzen
das Land in eine Krise. Aus anderen EU-Ländern hagelt es Kritik an
Spanien. Angebote der Unterstützung kommen stattdessen ausgerechnet
aus dem Vereinigten Königreich.
Dabei sollte die vor wenigen Wochen in Kraft getretene EU-Asylreform
(Geas) eigentlich für mehr Zusammenarbeit und Solidarität zwischen
den Mitgliedsländern sorgen - stattdessen fordern manche Regierungen
sogar Konsequenzen für Spanien als Teil des kontrollfreien
Schengen-Raums. Geht das? Und welche Möglichkeiten hat Spanien nach
den neuen Asylregeln? Die wichtigsten Fragen und Antworten im
Überblick:
Was ist der Schengen-Raum?
Der Schengen-Raum ist ein Gebiet in Europa, in dem Menschen
grundsätzlich ohne Grenzkontrollen reisen können. Derzeit gehören 25
der 27 EU-Länder dazu, sowie Island, Liechtenstein, Norwegen und die
Schweiz. Die spanischen Exklaven Ceuta und Melilla - in die ebenfalls
Migranten eindrangen - gehören nicht zum Schengen-Raum.
Kann Spanien aus dem Schengen-Raum ausgeschlossen werden?
Die Bilder der Menschenmassen in Ceuta haben sich gerade verbreitet,
da werden in anderen EU-Ländern Forderungen nach harten Konsequenzen
laut. So bringt Italiens rechte Ministerpräsidentin Giorgia Meloni
mit einem Post auf der Plattform X den vorübergehenden Ausschluss des
Landes aus dem kontrollfreien Raum ins Spiel.
Dafür bekommt sie Zuspruch der finnischen Innenministerin Mari
Rantanen: Sie schrieb auf X, Länder, die nicht in der Lage seien, die
Grenzen zu schützen, könnten nicht Mitglieder des Schengen-Raums
sein. Auch AfD-Chefin Alice Weidel wirft dieses Szenario auf.
Doch der dauerhafte Ausschluss eines Landes aus dem Schengen-Raum
gegen dessen Willen ist in den EU-Regeln schlicht nicht vorgesehen.
Der ehemalige EU-Außenbeauftragte und Spanier Josep Borrell schreibt
dazu auf X: «Nach EU-Recht darf kein Mitgliedstaat die Teilnahme
eines anderen Mitgliedstaats am Schengen-Raum einseitig aussetzen.»
Was ist mit Grenzkontrollen?
Statt einem Ausschluss Spaniens verweisen mehrere EU-Länder auf die
Möglichkeit, das kontrollfreie Reisen im Schengen-Raum weiter
einzuschränken und mehr Binnengrenzkontrollen einzuführen - wie
Deutschland sie bereits praktiziert. Bundesinnenminister Alexander
Dobrindt (CSU) kündigt mit Verweis auf Ceuta sogar an, die
umstrittenen Kontrollen der Bundesrepublik an den Grenzen zu
verlängern. Auch Frankreich hat bereits angekündigt, seine seit
Jahren bestehenden Kontrollen an der Grenze zu Spanien zu verstärken.
Was in den Reaktionen in den Hintergrund tritt: Die Migranten
befinden sich weder im Schengen-Raum noch auf europäischem Festland.
Sollten sie versuchen, das Mittelmeer zu überqueren, würden sie
zunächst an einer EU-Außengrenze ankommen - in Binnengrenzkontrollen
können sie also zunächst gar nicht geraten.
Laut EU-Kommission gibt es aber bisher ohnehin keine Anzeichen dafür,
dass die Flüchtlinge diesen Versuch unternehmen. «Wir haben bislang
keinerlei Weiterbewegungen von Ceuta aus auf das spanische Festland
oder in andere Mitgliedstaaten gesehen», sagte eine hochrangige
EU-Beamtin. Die spanischen Behörden kontrollierten die Außengrenzen,
um sicherzustellen, dass es keine solchen Weiterbewegungen gebe.
Darüber hinaus deutet derzeit nichts darauf hin, dass die spanischen
Behörden die Menschen aufs Festland bringen wollen.
Was muss Spanien nach EU-Regeln machen?
Spanien soll nach den EU-Asylregeln zunächst dafür sorgen, dass
Asylbewerber nicht weiterziehen und die Schutzersuchen vor Ort
prüfen. Da die EU Marokko als sicheres Herkunftsland betrachtet, gibt
es dafür insbesondere die Möglichkeiten der beschleunigten
Grenzverfahren. Diese sind auf zwölf Wochen beschränkt und sollen
schnellere Abschiebungen ermöglichen.
Die europäische Asylreform (Geas) sieht im Falle von Massenmigration
zudem einen Krisenmechanismus vor. Der soll explizit auch greifen,
wenn ein Drittstaat Migranten zu politischen Zwecken
instrumentalisiert. Die spanische Regierung könnte um Hilfe bitten.
Dann sollten sich die 27 EU-Länder der Idee zufolge solidarisch
zeigen, Asylsuchende fair untereinander verteilen und die europäische
Grenzregion mit Ressourcen unterstützen, um Asylanträge schneller zu
bearbeiten.
Was bedeutet die Krise für die EU-Asylreform?
Doch statt Angeboten der Unterstützung hagelt aus anderen
Mitgliedsländern bisher vor allem Kritik. Bundeskanzler Friedrich
Merz forderte die spanische Regierung auf, die Situation
schnellstmöglich wieder in den Griff zu bekommen. «Der Schutz der
Außengrenzen der Europäischen Union ist entscheidend für die
Bekämpfung illegaler Migration», betonte der CDU-Politiker. Ähnlich
äußerten sich die Regierungsspitzen anderer Mitgliedsländer.
Das neue EU-Asylsystem steht damit nur sieben Wochen nach seinem
Start unter Druck. Eigentlich sollte es einen jahrelangen Streit
zwischen den Mitgliedsländern beenden. Staaten mit besonders vielen
Ankünften von Flüchtlingen - also Spanien, Zypern, Italien und
Griechenland - sollten ihre Außengrenzen besser schützen und
Asylanträge möglichst an den Grenzen abwickeln. Da sie damit
verhindern, dass Flüchtlinge etwa nach Deutschland, Österreich oder
Frankreich weiterziehen, haben sie Anspruch auf Unterstützung der
anderen EU-Länder. Doch der Fall Spanien zeigt, dass diese
gegenseitige Solidarität auf wackligen Beinen stehen könnte.
Wieso steht Spaniens Migrationspolitik ohnehin in der Kritik?
Schon vor der Krise in Ceuta war die spanische Migrationspolitik
manchen Regierungen in der EU ein Dorn im Auge. Vor einigen Monaten
leitete Spanien als Maßnahme gegen den Arbeitskräftemangel die
Legalisierung von rund 500.000 irregulären Migranten ein. Profitieren
sollen davon Asylbewerber, die ihren Antrag vor Ende 2025 gestellt
haben - keine Neuankömmlinge.
Die deutsche Bundesregierung hatte dazu mitgeteilt, dass sie das
Modell nicht als Vorbild sehe. Angesichts der Bemühungen auf
EU-Ebene, unerwünschte irreguläre Migration einzudämmen, sorgte die
Maßnahme auch in Brüssel für Stirnrunzeln.
