Sánchez: Migrantenandrang in Ceuta ist «Angriff» auf Spanien Von Emilio Rappold, dpa
31.07.2026 22:12
Kaum hat Spanien die schwersten Waldbrände der vergangenen Jahre
überstanden, da erschüttert bereits die nächste Krise das Land. Doch
warum strömen plötzlich Zehntausende Migranten nach Ceuta?
Madrid/Ceuta (dpa) - Der Andrang Zehntausender Menschen auf die
Nordafrika-Exklave Ceuta hat Spanien in eine Krise gestürzt - und
auch Europa in Alarmbereitschaft versetzt. Ministerpräsident Pedro
Sánchez sprach bei einem Besuch in Ceuta von einem «Angriff» und
«Verletzung der territorialen Integrität Spaniens». Die Regierung in
Madrid setzt in der Exklave erstmals seit 2021 wieder Militär zur
Unterstützung der Grenzsicherung ein. Derweil werden immer mehr
Leichen geborgen: Am Abend waren es bereits 57. Laut Behörden
ertranken die meisten beim Versuch, schwimmend von Marokko aus nach
Ceuta zu kommen.
Fast 50.000 Migranten seien in den vergangenen Tagen irregulär in die
Exklave an der Meerenge von Gibraltar gelangt, berichtete der
staatliche Rundfunksender Radio Nacional unter Berufung auf die
Regierung. Regionalpräsident Juan Jesús Vivas sprach sogar von
60.000.
Zugleich kehrten nach Regierungsangaben aus Madrid aber Zehntausende
Migranten freiwillig über den Grenzdamm nach Marokko zurück. Am
Freitagabend erklärte der spanische Außenminister José Manuel Albares
auf X die Krise für praktisch überwunden. Nahezu alle nach Ceuta
Eingereisten seien inzwischen wieder nach Marokko zurückgekehrt,
schrieb Albares.
Tausende übernachteten auf den Straßen
Ceuta hat weniger als 85.000 Einwohner und ist mit einer Fläche von
nur 18,5 Quadratkilometern etwas kleiner als der Frankfurter
Flughafen. In der Nacht auf Freitag hatten Tausende Migranten in
Ceuta auf den Straßen übernachtet. Das Aufnahmelager CETI sei mit
mehr als 1.000 Bewohnern bei einer Kapazität von 512 Plätzen bereits
seit Mittwoch überfüllt gewesen, hieß es bei RTVE.
Der Aufforderung von Vivas, den Notstand auszurufen, war die
Regierung nicht nachgekommen. Sánchez reiste aber nach der Anordnung
des Militäreinsatzes am Freitag in die Exklave und kündigte dort
weitere Maßnahmen an. So sollen am Grenzdamm zwischen den Küsten
Marokkos und dem Ceuta-Strand Tarajal Schwimmbojen installiert
werden, um eine «physische Barriere» zu schaffen.
Zudem sollen Verfahren beschleunigt werden, um die Rückführung
irregulär eingereister Migranten zu erleichtern. «Die Ausreise vieler
Migranten findet bereits statt», sagte Sánchez. Er hob die gute
Zusammenarbeit mit Marokko hervor.
Konservative Medien und Politiker beklagen eine «Invasion»
Die Ereignisse haben in Europa kurz nach der lang erstrittenen
Asylreform heftige politische Debatten ausgelöst. Konservative
spanische Zeitungen wie «ABC» und «La Razón» sprachen von einer
«Invasion». Oppositionsführer Alberto Nuñez Feijóo kritisierte
Sánchez: Die Regierung dürfe «nicht wegsehen, denn wir befinden uns
in einer Krise der nationalen Sicherheit».
Am Donnerstagabend hatten zahlreiche Einwohner Ceutas gegen den
Andrang demonstriert und der Zentralregierung vorgeworfen, die
Kontrolle verloren zu haben. Aus Sorge vor Plünderungen blieben
zahlreiche Geschäfte geschlossen. RTVE zitierte Bewohner: «Wir
hoffen, dass sie sie bald wegbringen», oder: «Viele Menschen trauen
sich aus Angst nicht mehr aus ihren Häusern.»
EU-Kommission: Keine Weiterbewegung aus Ceuta nach Europa
Nach Angaben der EU-Kommission gibt es bislang keine Weiterbewegungen
in Richtung des europäischen Kontinents, wie eine hochrangige
Mitarbeiterin Journalisten sagte. In der Vergangenheit bat Ceutas
Regionalregierung die Regierung in Madrid, unbegleitete Jugendliche
angesichts überlasteter Aufnahmekapazitäten aufs europäische Festland
zu holen. Zunächst war nicht absehbar, dass spanische Behörden
Menschen auf den Kontinent bringen.
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen sagte, die Bilder aus
Ceuta seien unzumutbar. Sie fordert ein hartes Vorgehen gegen
Schmugglernetzwerke und schnelle Rückführungen. In Brüssel werde an
Unterstützung für Spanien gearbeitet, auch durch die
EU-Grenzschutzbehörde Frontex. Frankreich verschärft wegen des
Andrangs von Migranten seine Kontrollen an der Grenze zu Spanien.
Italien hat nach Angaben der rechten Regierung in Rom das
Schengen-Abkommen über den freien Personenverkehr in der EU gegenüber
Spanien vorübergehend ausgesetzt.
Warum der beispiellose Andrang und warum jetzt?
Es gibt mehrere Erklärungsversuche für die Lage. Verwiesen wird auf
Armut und fehlende Perspektiven für junge Marokkaner. Als ein
möglicher Auslöser wird ein Beschluss des Obersten Gerichts in Madrid
genannt, wonach die sofortige Zurückweisung von Migranten nur dann
zulässig ist, wenn diese beim irregulären Grenzübertritt einen Zaun
oder eine andere Sperre überwunden haben. Für Menschen, die über
einen unbefestigten Abschnitt wie das Meer nach Spanien gelangen, sei
eine Einzelfallprüfung nötig. Deshalb auch die Entscheidung Madrids,
im Meer nun Bojen zu installieren.
Setzt Marokko Migranten als Druckmittel ein?
Die Zeitung «El País» und andere Beobachter betonen jedoch, dies
erkläre die Krise nicht vollständig. Vielmehr duldeten die
marokkanischen Behörden die Ausreisen nach Ceuta allem Anschein nach
plötzlich. Dadurch entstehe erneut der Verdacht, Rabat könne
Migration - wie bereits während der Ceuta-Krise 2021 - als
politisches Druckmittel gegenüber Spanien einsetzen. Um dem Anspruch
auf Ceuta und der anderen von Marokko umschlossenen Exklave Melilla
Nachdruck zu verleihen oder aber aus Ärger wegen einer Algerien-Reise
von Sánchez vergangene Woche. Das Land liegt wegen des
Westsahara-Konflikts mit Marokko im Clinch.
Aus Rabat gab es zunächst keine offizielle Reaktion. Die
Botschafterin in Madrid, Karima Benyaich, betonte aber, ihr Land
wolle die Rückkehr seiner Staatsangehörigen und setze auf eine
«legale, geordnete und sichere Migration». Die Bilder aus Ceuta
wecken Erinnerungen an Mai 2021, als innerhalb von 36 Stunden mehr
als 8.000 Menschen in die Exklave gestürmt waren.
