Hinweise zu Cyberangriffen - Gesuchter auf EU-Fahndungsliste

01.08.2026 04:00

Er gilt als wichtiger Kopf der Hacker-Szene und verfügt über hohe
kriminelle Energie. Weltweit suchen Ermittler nach einem Kriminellen,
der auch in Baden-Württemberg Schaden angerichtet haben soll.

Karlsruhe (dpa/lsw) - Jahre nach Cyber-Angriffen unter anderem auf
den Medizin Campus Bodensee und die Elektronikmarktkette
MediaMarktSaturn steht der mutmaßliche Kopf der Kriminellen wieder
weit oben auf der europäischen Fahndungsliste. Mit Blick auf die
Bedeutung des Falles habe man einen freien Platz auf der
Übersichtsliste der «EU most wanted» erhalten, erklärte ein Spreche
r
des Cybercrime-Zentrums (CCZ) Baden-Württemberg in Karlsruhe. Es gebe
schon aktuelle Hinweise, denen die Behörden nachgingen.

Der gesuchte Ukrainer und seine mutmaßlichen Komplizen werden laut
dem Fahndungsaufruf verdächtigt, von weltweit mehr als 300
Unternehmen mit Hilfe von Schadsoftware (Ransomware) in
erpresserischer Absicht sensible Daten entwendet und verschlüsselt zu
haben. Für die Entschlüsselung und Nichtveröffentlichung hätten sie

hohe Lösegelder gefordert. Der Schaden wird auf einen hohen
dreistelligen Millionenbetrag geschätzt.

Keine ethischen Skrupel

In Deutschland beläuft sich der wirtschaftliche Gesamtschaden laut
dem CCZ-Sprecher auf mehr als 50 Millionen Euro. Im Haftbefehl werfen
die Ermittler dem Ukrainer vor, an neun Ransomware-Angriffen in
Deutschland beteiligt gewesen zu sein. In einem Fall seien rund
380.000 Euro gezahlt worden.

Unter den Opfern befinden sich demzufolge mehrere Unternehmen aus
Baden-Württemberg. Der Klinikverbund Medizin Campus Bodensee war den
Angaben nach Anfang 2022 mit der Schadsoftware der
Ransomware-Gruppierung Hive infiltriert worden. Weil Daten
verschlüsselt wurden, konnten an den Standorten in Friedrichshafen
und Tettnang laut dem Haftbefehl vorübergehend keine Patienten
aufgenommen und Untersuchungen mit computergestützten Aufnahmen
vorgenommen werden. 

Die Gruppe habe ein Lösegeld in Höhe von 100.000 US-Dollar in Bitcoin
gefordert, teilte der Sprecher mit. «Zahlungen erfolgten jedoch
nicht.» Der wirtschaftliche Schaden für diesen Fall werde auf 600.000
Euro beziffert.

Laut Chatverläufen tauaschten sich Mitglieder der Gruppierung Hive
dazu aus, ob es vertretbar sei, medizinische Einrichtungen
anzugreifen, wie der CCZ-Sprecher mitteilte. «Nach einer Diskussion
hat man sich ausweislich dessen darauf geeinigt, dass solche Angriffe
erfolgen können.» In der Folge habe die Gruppe zahlreiche
medizinische Einrichtungen angegriffen.

Zehn Millionen US-Dollar als Belohnung

Das Polizeipräsidium Reutlingen hat für das gesamte Bundesgebiet die
zentralen Ermittlungen gegen die Gruppe übernommen. 2023 habe das
Netzwerk von Cyberkriminellen zerschlagen werden können, hieß es
damals. Die Webauftritte im Darknet seien gesperrt worden. Monate
später wurden in der Ukraine mehrere Tatverdächtige festgenommen. 

Im vergangenen Jahr erklärten die Polizei und das bei der Karlsruher
Generalstaatsanwaltschaft angesiedelte CCZ, dass ein europäischer
Haftbefehl gegen den mutmaßlichen Hauptdrahtzieher einer der
aggressivsten und erfolgreichsten Affiliate-Gruppierungen erlassen
worden sei. Zur Identifizierung des Mannes hätten internationale
Ermittlungen der Kriminalpolizei Esslingen unter anderem mit der
US-Bundespolizei FBI geführt. 

Der Gesuchte stand auch schon auf Betreiben von französischen
Ermittlern auf der Liste der «EU most wanted» - dort stellen
EU-Mitgliedstaaten ihre meistgesuchten flüchtigen potenziellen
Straftäter ein. Die Plätze auf der Liste pro Land sind begrenzt.

Der Beschuldigte soll auch in anderen kriminellen Netzwerken tätig
sein oder gewesen sein, die das Verfahren der baden-württembergischen
Behörden nicht betreffen. Dabei geht es den Angaben nach um andere
Ransomware-Varianten. 

In Bezug darauf und aufgrund des dringenden Verdachts, dass der Mann
eine bedeutsame Rolle in der Hacker-Szene hat und über hohe
kriminelle Energie verfügt, hat die amerikanische Regierung zehn
Millionen US-Dollar für seine Ergreifung ausgelobt. 

Für Hinweise, die zur Festnahme oder zur Verurteilung weiterer
führender Köpfe führen, kann es eine Belohnung von bis zu einer
Million US-Dollar geben, wie es unter anderem beim FBI heißt.