Migranten verlassen Ceuta - EU-Innenminister wollen reden

01.08.2026 19:10

In der Nordafrika-Exklave Ceuta hat sich die Lage nach dem Ansturm
Zehntausender Menschen entspannt. Die Zahl der Toten steigt, die
Suche im Meer geht weiter. Und durch die EU geht ein Riss.

Ceuta (dpa) - Nach dem Ansturm Zehntausender Migranten auf die
spanische Exklave Ceuta in Nordafrika erhöhen mehrere EU-Länder den
Druck auf Spanien. In einem Brief, den auch Bundeskanzler Friedrich
Merz unterzeichnet hat, äußerten 22 der 27 Staats- und
Regierungschefs große Besorgnis über die Lage und warfen Madrid
indirekt vor, mit jüngsten Entscheidungen Menschen Anreize gegeben zu
haben, den Weg in die EU zu wagen. 

Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez beschwerte sich seinerseits
in einem Brief an Irlands Regierungschef Micheál Martin über das
Verhalten einiger Mitgliedstaaten in der Ceuta-Krise. Nun hat Martin
ein Treffen der EU-Innenminister am Dienstag angekündigt, um die Lage
in Ceuta zu erörtern. Sein Land hat derzeit den EU-Ratsvorsitz inne.

50.000 bis 60.000 Menschen hatten es innerhalb kurzer Zeit von
Marokko aus nach Ceuta geschafft, mindestens 67 Menschen kamen bei
dem Versuch ums Leben. Einsatzkräfte suchten das Meer weiter ab. 

Nach Angaben der spanischen Regierung sind mittlerweile fast alle
Migranten nach Marokko zurückgekehrt. Angesichts kaum vorhandener
Aussichten auf eine Weiterreise sowie fehlender Unterkunft und
Versorgung hätten die Menschen enttäuscht und freiwillig die
Rückreise angetreten, berichtete die Zeitung «El País». 

Spanien am Pranger

Die Bilder der Zehntausenden Menschen, die sich - auch schwimmend und
kletternd - Zugang zur spanischen Exklave verschafften, lösten große
Unruhe in der EU aus. Es kursieren verschiedene Erklärungsversuche,
wie es so weit kommen konnte. Dabei geraten die Menschen in den
Hintergrund - auch die Toten werden in dem von Italiens
Ministerpräsidentin Giorgia Meloni und Dänemarks Regierungschefin
Mette Frederiksen initiierten Brief an die EU-Spitzen nicht erwähnt.

Stattdessen prangert das Schreiben eine Maßnahme der spanischen
Regierung gegen den Arbeitskräftemangel zur Legalisierung von rund
500.000 irregulären Migranten an. Man müsse sich mit politischen
Maßnahmen auseinandersetzen, die Anreize für Migration geben könnten,

heißt es - und an dieser Stelle wird ausdrücklich die «Legalisierung

einer sehr großen Zahl irregulärer Migranten» genannt. Profitieren
sollen von dieser Maßnahme allerdings Asylbewerber, die ihren Antrag
vor Ende 2025 gestellt haben - keine Neuankömmlinge.

Zudem stellt der Brief eine Verbindung zwischen dem Ansturm und einem
Urteil des spanischen Obersten Gerichtshofs her. Die Entscheidung sei
«benutzt worden, um diesen Angriff auszulösen und unser Migrations-
und Asylsystem zu missbrauchen». 

Das Gericht hatte entschieden, dass die sofortige Zurückweisung von
Migranten nur dann zulässig ist, wenn diese beim irregulären
Grenzübertritt einen Zaun oder eine andere Sperre überwunden haben.
Für Menschen, die über einen unbefestigten Abschnitt wie das Meer
nach Spanien gelangen, sei eine Einzelfallprüfung nötig.

Neben Spanien und Irland haben Frankreich, Luxemburg und Portugal das
Schreiben nicht unterzeichnet. 

Sánchez beschwert sich über einige EU-Mitgliedstaaten 

Ministerpräsident Sánchez beklagte indes in seinem Schreiben an
Martin, das der Deutschen Presse-Agentur vorliegt, dass einige
EU-Mitgliedstaaten «von Vorurteilen, Falschmeldungen, Unwissenheit
oder politischen Interessen» getrieben seien. Er erinnerte daran,
dass Ceuta nicht zum Schengen-Raum gehört. Das bedeute, dass sie von
dort nicht einfach in andere EU-Länder weiterreisen können. Einen
identischen Brief habe auch EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der
Leyen von Sánchez erhalten, berichtete der staatliche spanische
TV-Sender RTVE.

EU-Kommissar versichert: Kein Migrant ist aufs Festland gekommen

EU-Migrationskommissar Magnus Brunner hatte bereits am Freitag
angesichts der politischen Diskussion nach einem Telefonat mit
Spaniens Außenminister José Manuel Albares versichert: «Keine einzige

Person hat die Grenze zum EU-Festland überschritten.» 

Italien hatte am Freitag nach Angaben der rechten Regierung in Rom
das Schengen-Abkommen über den freien Personenverkehr in der EU
gegenüber Spanien vorübergehend ausgesetzt. Bei Reisen mit dem
Flugzeug oder Schiff sollen wieder Grenzkontrollen durchgeführt
werden. 

Was ist der Schengen-Raum?

Der Schengen-Raum ist ein Gebiet in Europa, in dem Menschen
grundsätzlich ohne Grenzkontrollen reisen können. Dazu gehören
insgesamt 29 Länder, darunter EU-Staaten wie Deutschland und
Frankreich, aber auch Nicht-EU-Länder wie die Schweiz, Norwegen,
Island und Liechtenstein. Ceuta und Melilla gehören nicht zum
Schengen-Raum. Ein dauerhafter Ausschluss eines Landes aus dem
Schengen-Raum gegen dessen Willen ist in den EU-Regeln nicht
vorgesehen.

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron bekundete Solidarität mit
Spanien, ließ aber zugleich die Kontrollen an der gemeinsamen Grenze
verstärken. Bundeskanzler Merz forderte die spanische Regierung auf,
die Situation schnellstmöglich wieder in den Griff zu bekommen. «Der
Schutz der Außengrenzen der Europäischen Union ist entscheidend für
die Bekämpfung illegaler Migration», betonte der CDU-Politiker. Der
SPD-Co-Vorsitzende Lars Klingbeil forderte Respekt und Solidarität
für Spanien. Das Land habe entschlossen gehandelt. «Gerade in solchen
Situationen darf Europa sich nicht auseinanderdividieren lassen», hob
Klingbeil hervor. «Es gilt, mit Spanien zu agieren und nicht über
Spanien zu sprechen.» 

Ceuta ist kleiner als der Frankfurter Flughafen

Ceuta hat weniger als 85.000 Einwohner und ist mit einer Fläche von
nur 18,5 Quadratkilometern etwas kleiner als der Frankfurter
Flughafen. Die Exklave ist von Marokko und dem Mittelmeer
umschlossen. Wegen der Krise in dem Gebiet herrschte auch in der
zweiten spanischen Exklave in Nordafrika, Melilla, Alarmbereitschaft.
Am Freitagabend und in der Nacht sollen etwa 1.000 Menschen versucht
haben, über die Grenze zu kommen, wie der staatliche Sender RTVE
berichtete. Nur wenigen soll der Übertritt gelungen sein.