Ceuta kehrt zur Normalität zurück - Mindestens 72 Tote Von Emilio Rappold, dpa
02.08.2026 15:05
Offene Läden, lachende Kinder am Strand: In Ceuta spielen sich wieder
Alltagsszenen ab. Doch im Meer werden weiter mögliche Tote gesucht.
Und auch in Brüssel ist noch keine Ruhe eingekehrt.
Ceuta/Madrid (dpa) - Nach dem beispiellosen Ansturm von Migranten
kehrt in Ceuta allmählich wieder Alltag ein. Geschäfte, Cafés und
Restaurants, die in der spanischen Nordafrika-Exklave wegen der
chaotischen Szenen aus Angst tagelang geschlossen waren, öffneten
wieder. Auf den Straßen waren viele Bewohner mit Einkaufstaschen
unterwegs, an den Stränden spielten Familien mit Kindern, wie der
staatliche TV-Sender RTVE berichtete. Die politische Debatte über die
Ursachen und Konsequenzen der Krise mit Dutzenden Todesopfern dürften
Spanien und die EU dagegen noch lange beschäftigen.
Nach Angaben der spanischen Regierung sind die meisten der rund
50.000 bis 60.000 Menschen, die nach verschiedenen Schätzungen vor
allem am Mittwoch und Donnerstag aus Marokko in die Exklave gelangt
waren, inzwischen wieder zurückgekehrt. In Ceuta patrouillieren noch
3.000 wegen der Krise entsandte Sicherheitskräfte. Sie sollen dort
nach Angaben des Innenministeriums «so lange wie nötig» bleiben.
Laut RTVE hielten sich noch einige hundert Neuankömmlinge in Ceuta
auf. Die Lage sei aber entspannt. Versuche, über das Meer in die
Exklave zu gelangen, seien nicht zu beobachten, berichtete eine
Reporterin des Senders.
Regionalpräsident Juan Jesús Vivas zeichnete ein anderes Bild. Er
bestritt, dass die Normalität zurückgekehrt sei. Er bezifferte die
Zahl der noch in Ceuta gebliebenen Migranten «auf Tausende». Vivas
gehört der konservativen Volkspartei PP von Oppositionsführer Alberto
Nuñez Feijóo an, der der linken Zentralregierung die alleinige Schuld
an dem Ansturm gibt und von einer «Invasion» spricht.
Einige Ankömmlinge halten sich in Ceuta noch versteckt
Einige Marokkaner hielten sich zwar noch versteckt, «aber nach und
nach gehen sie alle zurück», zitierte RTVE Bewohner an den Stränden
der Exklave. Der Sender sprach auch mit einigen derjenigen, die nicht
zurückwollen und sich in Seitenstraßen und Parks, zwischen Häusern
oder auf den Hügeln verstecken.
Oder unter einer Straßentreppe, wie Humad und dessen Freund Hachim.
«Ich suche hier ein besseres Leben. Ich habe in Marokko nur meine
Mutter und meinen kleinen Bruder, der krank ist und Insulin braucht»,
erzählt der 20-Jährige. Sein erst 17 Jahre alter Freund Hachim sei
ein guter Fußballer und träume davon, beim FC Barcelona zu spielen.
Andere Träume platzten brutal, wie jene ihres Freundes Mohamed. Der
19-Jährige sei wenige Meter vor der Küste ertrunken, erzählt Humad.
«Er konnte schwimmen. Aber an der Grenzanlage waren so viele
Menschen. Ich habe versucht, ihm zu helfen, aber er war zu weit weg».
«Es sind viele Menschen gestorben. Ich habe ihm zugerufen: «Los,
Mohamed, los!» Aber dann sah ich ihn nur noch dort ...» Den Satz kann
der junge Mann nicht mehr zu Ende bringen.
Bereits 72 Todesopfer geborgen
Die Einsatzkräfte bargen weitere Leichen. Inzwischen liegt die Zahl
der Toten bei mindestens 72, wie die Behörden mitteilten.
Einsatzkräfte suchen das Meer weiter ab. Die Zeitung «El País»
zitierte einen anonymen Polizeibeamten mit den Worten: «Es gibt mehr
Tote im Meer.» Die meisten Todesopfer ertranken bei dem Versuch,
schwimmend von Marokko aus in die Exklave an der Straße von Gibraltar
zu gelangen.
Schnell verwirklichte die Zentralregierung die Ankündigung von
Ministerpräsident Pedro Sánchez, mit einer rund 500 Meter langen
aufblasbaren orangefarbenen Barriere ein weiteres Hindernis an der
Grenze zu schaffen. Die schwimmende Sperre, die je nach Wellengang
etwa 30 bis 70 Zentimeter aus dem Wasser ragt und bis zu einem Meter
in die Tiefe reicht, soll verhindern, dass Migranten schwimmend nach
Ceuta gelangen. Die Barriere ist im Grunde eine Verlängerung des
Grenzdamms an Land im Meer.
Die Lücke im Gesetz
Die Barriere solle auch dazu beitragen, dass die Kontrolle und
Überwachung des Gebiets verbessert werde, heißt es vom
Innenministerium. Mit der neuen Sperre, die durch eine Bojenkette
verstärkt wird, will Madrid aber nicht zuletzt eine Lücke schließen,
die nach Einschätzung mancher Beobachter durch ein Urteil des
Obersten Gerichts entstanden war.
Das Gericht hatte Anfang Juli entschieden, dass Migranten, die über
einen unbefestigten Grenzabschnitt wie das Meer nach Spanien
gelangen, Anspruch auf eine individuelle Prüfung ihres Asylbegehrens
haben. Eine sofortige Zurückweisung ist demnach nur zulässig, wenn
sie zuvor einen Zaun oder eine andere Grenzsperre überwunden haben.
EU-Innenminister beraten am Dienstag über die Krise
In der EU verschärft sich die Debatte über den Schutz der
Außengrenzen. Er erwarte, dass die EU-Kommission dem Thema «absolute
Priorität einräumt, um das Schengen-System offener EU-Binnengrenzen
nicht weiter zu gefährden», sagte Außenminister Johann Wadephul der
«Bild am Sonntag».
Am Dienstag wollen die EU-Innenminister per Videokonferenz über die
Krise beraten. Das Treffen könnte auch der Aussprache dienen - waren
in den vergangenen Tagen deutliche Risse zwischen den EU-Partnern
sichtbar geworden. Italien und Dänemark initiierten einen offenen
Brief, in dem Madrid indirekt vorgeworfen wird, mit jüngsten
migrationspolitischen Entscheidungen unerwünschte Signale gesendet zu
haben. 22 der 27 EU-Staats- und Regierungschefs unterzeichneten ihn,
auch Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU).
Sánchez kritisierte die Reaktion einiger EU-Partner als von
«Vorurteilen, Falschmeldungen, Unwissenheit oder politischen
Interessen» getrieben. Ceuta gehöre nicht zum Schengen-Raum, schrieb
er an die EU-Spitze. Migranten könnten von dort nicht ohne Weiteres
in andere EU-Staaten weiterreisen.
