EU-Länder streiten: Was folgt aus der Krise in Ceuta? Von Niklas Treppner, dpa

03.08.2026 15:31

Die Bilder aus der spanischen Exklave haben in der EU einen Streit um
Solidarität und Grenzschutz entfacht. Der Stresstest für das neue
Migrationssystem ist damit gescheitert, findet ein Experte.

Ceuta/Madrid (dpa) - Mindestens 72 Tote, harte gegenseitige Vorwürfe
und verstärkte Grenzkontrollen: Während sich die Lage in Ceuta
beruhigt, eskaliert der Streit in der EU. Nach der scharfen Kritik an
der spanischen Migrationspolitik trafen sich die Mitgliedsländer der
EU heute auf Ebene der Botschafter zur Aussprache. 

An diesem Dienstag schalten sich dann auch die EU-Innenminister
zusammen, um Lehren aus den Ereignissen zu ziehen und über einen
besseren Grenzschutz zu diskutieren. Ist die von der europäischen
Asylreform (Geas) erhoffte Stabilität schon wenige Wochen nach
Inkrafttreten gefährdet? Und was bedeutet die Krise für die
europäischen Grenzen? 

Spanien fordert nach Kritik von Merz und Co. mehr Solidarität 

Eigentlich sollte das vor gut sieben Wochen in Kraft getretene
EU-Asylsystem einen jahrelangen Streit zwischen den Mitgliedsländern
schlichten. Doch die Bilder von der Situation aus der spanischen
Exklave lösten binnen weniger Stunden einen diplomatischen
Schlagabtausch mit Schuldzuweisungen aus.

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) unterzeichnet einen von Italien
und Dänemark initiierten offenen Brief. In dem warfen 22 der 27
Staats- und Regierungschefs Madrid indirekt Fehler bei jüngsten
migrationspolitischen Entscheidungen vor. Der spanische
Ministerpräsident Pedro Sánchez kritisierte wiederum die Reaktion
einiger EU-Partner.

Sein Außenminister José Manuel Albares schob in einem TV-Interview am
Montag hinterher, manche Regierungen sowie rechte Parteien in Europa,
hätten die Lage politisch ausgeschlachtet. Er forderte von den
Europäern mehr Solidarität. 

Was bedeutet der Streit für den Zusammenhalt in der EU? 

Angesicht der diplomatischen Eskalation ist der erste Stresstest für
das neue Asylsystem nach Ansicht von Migrationsexperte Maximilian
Pichl gescheitert: «Weil man sich sofort spalten ließ», sagte der
Rechts- und Politikwissenschaftler von der Frankfurt University of
Applied Sciences der dpa. 

Den erhobenen Vorwurf, Spanien habe mit seiner Entscheidung etwa
500.000 irreguläre Migranten zu legalisieren, zuletzt ein falsches
Signal gesendet, findet Pichl nicht zutreffend. Spanien nutze dieses
Instrument bereits seit Jahrzehnten, auch unter konservativen
Regierungen und habe ansonsten ein «sehr repressives
Migrationssystem», sagte der Forscher.

Dass Spanien in die Ecke gedrängt würde, anstatt zu vorhanden
europäischen Instrumenten wie dem in Geas verankerten
Krisenmechanismus zu greifen, sieht Pichl als schlechtes Zeichen für
die Zusammengehörigkeit in der EU. 

Von der Leyen spricht Sánchez Anerkennung aus 

Die Europäische Kommission ist daher bemüht, die Wogen zu glätten. In

einem Brief sprach EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen dem
spanischen Regierungschef ein Lob für sein Handeln in der Krise aus.
Das Schreiben liegt der Deutschen Presse-Agentur vor. Von der Leyen
schreibt darin: «Migration ist eine europäische Herausforderung, die
eine europäische Antwort erfordert. Und dabei ist Solidarität von
grundlegender Bedeutung.» Die deutsche Politikerin sprach sich unter
anderem für die Einführung eines Frühwarnsystems aus, um eine Krise
wie in Ceuta künftig zu verhindern. 

Muss die EU ihre Außengrenzen besser schützen? 

Von der Leyen nannte zudem die Stärkung der europäischen Außengrenzen

als Schlüsselbereich. Unter anderem die steht auch für die
Bundesregierung im Zentrum der kommenden Beratungen. «Natürlich geht
es darum, darüber zu sprechen, dass sich solche Dinge nicht
wiederholen», erläuterte Deutschlands Vize-Regierungssprecher
Sebastian Hille in Berlin. Deshalb werde über den Schutz und die
Kontrolle der EU-Außengrenzen gesprochen, sagte Hille, ohne sich zu
Details zu äußern.

Der CSU-Europapolitiker und Chef der Europäischen Volkspartei (EVP),
Manfred Weber, forderte dafür im Zweifel auf die
EU-Grenzschutzbehörde Frontex zu setzen. «Wir müssen Frontex massiv
ausbauen, auf 30.000 Mann und wir müssen Frontex in Krisensituationen
wie Ceuta die Kommandogewalt geben», sagte er der «Augsburger
Allgemeinen». 

Migrationsexperte Pichl hat Zweifel, dass sich eine Situation wie in
Ceuta gänzlich durch verstärkte Grenzen verhindern lässt. In Ceuta
gebe es bereits sehr militarisierte Grenzbefestigungsanlagen, Zäune
seien in den letzten Jahren bereits erhöht worden. Wegen der
geografischen Situation sei es illusorisch zu glauben, dass etwa
Befestigungen im Wasser verhindern, dass kein Mensch durchkomme. 

Wie geht es mit den Grenzkontrollen in der EU weiter? 

Ebenso kritisch sieht Pichl die von mehreren Mitgliedsländern
angekündigte Verstärkung von Grenzkontrollen, die er als
«Symbolpolitik» bezeichnete. 

Italien hat nach Angaben der rechten Regierung in Rom das
Schengen-Abkommen über den freien Personenverkehr gegenüber Spanien
vorübergehend ausgesetzt. Das spanische Nachbarland Frankreich
verstärkte in Reaktion auf die Krise in Ceuta seine Grenzkontrollen
und Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) kündigte an, die
bereits bestehenden Kontrollen an den deutschen Landesgrenzen
verlängern zu wollen.

Die Migranten befanden sich weder im Schengen-Raum noch auf
europäischem Festland. Hätten sie versucht, das Mittelmeer zu
überqueren, wären sie zunächst an einer EU-Außengrenze ankommen - i
n
Binnengrenzkontrollen wären sie also zunächst gar nicht geraten. 

Suche nach Toten vor Ceuta geht weiter 

Der weitaus größte Teil der schätzungsweise 50.000 bis 60.000
Migranten ist nach Angaben der Zentralregierung in Madrid inzwischen
ohnehin nach Marokko zurückgekehrt. Wie viele der Ankömmlinge sich
noch in der spanischen Nordafrika-Exklave aufhalten, ist unklar. Die
Angaben reichen von einigen Hundert Menschen bis zu wenigen Tausend. 

Boote und Taucher der Polizei setzten derweil die Suche nach weiteren
Todesopfern entlang der Küste fort. Madrid bezifferte die Zahl der
Todesopfer zuletzt auf 72, die meisten Menschen seien im Meer an der
Straße von Gibraltar ertrunken. Marokko teilte zudem mit, an seiner
Küste seien elf Leichen geborgen worden.