Ceuta-Krise: EU-Länder wollen Social Media besser beobachten Von Niklas Treppner und Emilio Rappold, dpa
04.08.2026 17:29
Die Migrationskrise in der spanischen Exklave Ceuta sorgte für
heftigen Streit zwischen den EU-Staaten. Nach einer Videokonferenz
geben sich die Innenminister nun geeinter. Welche Lehren ziehen sie?
Brüssel (dpa) - Die EU-Staaten wollen nach ihrem Streit über die
Migrationskrise in Ceuta künftig geschlossener auftreten und Social
Media als Frühwarnsystem besser im Blick behalten. Die Kommunikation
in Krisenzeiten könne durch zeitnahe Koordinierung weiter gestärkt
werden und sollte kohärenter sein, wie die Mitgliedsländer nach einer
außerplanmäßigen Videokonferenz mitteilten. Auch Bundesinnenminister
Alexander Dobrindt (CSU) nahm an der Besprechung teil.
In der vergangenen Woche hatten nach neuen Angaben der spanischen
Regierung vorübergehend rund 72.000 Menschen von Marokko aus die
spanische Exklave erreicht. Rund 70.000 der Migranten seien
inzwischen nach Marokko zurückgekehrt, sagte der spanische
Innenminister Fernando Grande-Marlaska vor Journalisten. Nach der
Bergung von drei weiteren Leichen sei die Zahl der Todesopfer auf 75
gestiegen. Bisher lag diese bei 72.
Nach viel Kritik nun Anerkennung für Spaniens Reaktion
Die Krise löste einen Streit zwischen den EU-Ländern aus. Die
Mehrheit der Staats- und Regierungschefs der EU kritisierte die
spanische Migrationspolitik. Spaniens Regierung warf den anderen
Mitgliedsländern wiederum vor, die Krise politisch auszuschlachten.
Die EU-Innenminister hätten die raschen und wirksamen Maßnahmen der
spanischen Behörden zur Bewältigung der Lage in Ceuta gewürdigt, hie
ß
es in der Mitteilung. Sie drückten demnach zudem ihre Anteilnahme für
die Menschen aus, die beim Versuch, die Grenze zu überqueren, ums
Leben gekommen sind. Die EU-Kommission hatte vor dem Treffen zum
Zusammenhalt aufgerufen und ist bemüht, keine Zweifel an dem
EU-Migrationssystem aufkommen zu lassen, das erst vor gut sieben
Wochen in Kraft trat.
EU-Migrationskommissar Magnus Brunner sagte nach der Sondersitzung in
Brüssel, Europa habe die Bewährungsprobe vorerst definitiv bestanden.
«Es ist niemandem gelungen, in den Schengen-Raum einzureisen, und die
Sicherung der Grenze wurde zügig gewährleistet», sagte der
österreichische Politiker.
EU-Länder wollen Social Media besser im Blick haben
Eine wichtige Rolle spielten in der Ceuta-Krise offenbar auch die
sozialen Netzwerke. Zahlreiche Migranten berichten, sie seien durch
Videos und Nachrichten auf Plattformen wie TikTok auf die angeblich
offene Grenze aufmerksam geworden. Dort habe sich rasch die Hoffnung
verbreitet, in Ceuta würden Unterkünfte bereitstehen und die
Weiterreise aufs spanische Festland winken.
Um auf vergleichbare Situationen künftig besser vorbereitet zu sein,
will die EU daher beliebte soziale Netzwerke aufmerksamer beobachten.
In der Mitteilung nach der Sondersitzung hieß es, um künftig das
gemeinsame Lagebild zu verbessern, könnten Frühwarnsysteme
weiterentwickelt werden etwa durch die Überwachung sozialer Medien.
Bundesinnenminister Dobrindt nannte in einer Mitteilung nach dem
Treffen als zusätzliche Stellschrauben auch die Bekämpfung von
Schleuserbanden sowie die Stärkung der EU-Außengrenzen durch Frontex
und physische Barrieren.
EU-Kommissar: Dramatische Bilder schlagen beste Statistiken
Die Migrationskrise in Ceuta war der erste Stresstest für das neue
EU-Migrationssystem. Es soll einen jahrelangen Streit zwischen den
Mitgliedsländern schlichten und die Lasten durch irreguläre Migration
solidarisch verteilen.
Da die Zahl der irregulären Grenzübertritte und auch der Asylanträge
zuletzt deutlich zurückging, stand das neue System bisher kaum unter
Druck. Die EU-Behörde Frontex hat im ersten Halbjahr etwa ein Drittel
weniger illegale Grenzübertritte an den Außengrenzen Europas
verzeichnet. 49.000 Einreisen bedeuteten einen Rückgang von 37
Prozent im Vergleich zum ersten Halbjahr 2025, hatte die Behörde in
Warschau mitgeteilt.
EU-Migrationskommissar Brunner betonte, das seien in etwa so viele
wie allein auf den griechischen Inseln in einer einzigen Woche im
Oktober 2015 angekommen seien. Die Ereignisse in Ceuta zeigten aber,
dass dramatische Bilder sogar die besten Statistiken in den Schatten
stellten.
862 unbegleitete Kinder und Jugendliche in Ceuta
Besonders angespannt bleibt die Situation bei den in die Exklave
gekommenen unbegleiteten Minderjährigen. Ceuta betreut seit dem
Ansturm nach Angaben der Regionalregierung mindestens 862 Kinder und
Jugendliche, obwohl regulär nur 29 Plätze zur Verfügung stehen.
Deshalb werden zusätzliche Unterkünfte in umfunktionierten Gebäuden
eingerichtet. In Spanien würden die Grundrechte von Minderjährigen
respektiert, sagte Spaniens Innenminister Grande-Marlaska. «Das
gehört zu unseren wichtigsten Verpflichtungen und Prioritäten.»
Abschiebezentren und Auslagerung von Asylverfahren besprochen
Auch wenn die meisten Migranten von den Behörden in Ceuta wohl nie
als Asylbewerber registriert wurden, ging es bei der Sondersitzung
der Innenminister auch um sogenannte Drittstaaten-Lösungen, die das
EU-Asylsystem entlasten sollen. Dazu gehören Abschiebezentren
außerhalb der EU und die Auslagerung von Asylverfahren. Solche
Lösungen werden seit Jahren diskutiert und sind höchst umstritten.
In die geplanten Abschiebezentren («Return Hubs») sollen vollziehbar
ausreisepflichtige Personen kommen, die nicht in ihre Herkunftsländer
zurückgebracht werden können - etwa, weil das Heimatland sich
weigert, sie zurückzunehmen. Deutschland treibt das Vorhaben in einer
Arbeitsgruppe gemeinsam mit den Niederlanden, Österreich,
Griechenland und Dänemark voran. Laut Bundesinnenminister Dobrindt
sollen noch in diesem Jahr konkrete Vereinbarungen mit Drittstaaten
getroffen werden.
