Was nach einem Jahr vom EU-US-Zolldeal geblieben ist Von Khang Mischke, Ann-Kristin Wenzel und Alexander Sturm, dpa
21.08.2026 11:31
Vor einem Jahr erreichten Brüssel und Washington nach langem Ringen
um Details ein bilaterales Handelsabkommen. Doch nicht jeder ist
davon begeistert. Wie geht es der Wirtschaft heute mit dem Deal?
Washington/Brüssel (dpa) - Eigentlich wollte US-Präsident Donald
Trump hohe Zölle auf europäische Produkte erheben. Nach Monaten des
Zollkonflikts erreichten er und EU-Kommissionspräsidentin Ursula von
der Leyen Ende Juli 2025 im schottischen Turnberry dann aber eine
Einigung. Trotzdem wurde noch wochenlang um Details gerungen, bis am
21. August 2025 die Details des bilateralen Handelsabkommens standen.
Ein Überblick:
Worauf hatte man sich beim Turnberry-Deal geeinigt?
In einer gemeinsamen Erklärung wurde vereinbart, dass auf die meisten
europäischen Einfuhren in die USA maximal ein Aufschlag von 15
Prozent des Warenwertes erhoben werden darf - die Zollobergrenze.
Brüssel machte aber im Gegenzug weitere Zugeständnisse wie die
Abschaffung von EU-Zöllen auf US-Industriegüter.
Angesichts der impulsiven Politik unter Trump baute die EU später
zusätzlich ein Sicherheitsnetz ein: Sollten die USA ihre Zusagen
nicht vollständig umsetzen oder Absprachen wieder aussetzen, können
auch Zugeständnisse der EU ausgesetzt werden.
Was ist der aktuelle Stand?
Das Abkommen sieht einen Maximal-Zoll in Höhe von 15 Prozent für die
meisten EU-Importe in die USA vor. Diese Vereinbarung gilt weiter.
Derzeit liegt der pauschale Zollsatz, der tatsächlich für die meisten
EU-Importe in die USA erhoben wird, aber nach Angaben einer
Sprecherin der EU-Kommission bei 10 Prozent.
Der niedrigere Aufschlag kommt durch Trumps jüngsten Einfall für neue
Zölle zustande: Weil rund 60 Handelspartner angeblich unzureichend
gegen Zwangsarbeit vorgegangen waren, verkündete der
US-Handelsbeauftragte Jamieson Greer einen neuen Zollsatz - für die
EU 10 Prozent.
Insgesamt sieht die EU-Kommission damit keine Verschlechterung der
Situation, im Gegenteil: Alle EU-Exporte profitierten nach den neuen
Zollregelungen entweder von einer günstigeren oder einer
gleichwertigen Regelung, hieß es von der Brüsseler Behörde nach der
Ankündigung.
Zusätzlich würden die Zollbefreiungen für die Importe aus der EU -
wie für Kork und Diamanten - wieder eingeführt, die zu den
bestehenden Ausnahmen wie für Flugzeuge und Flugzeugteile, Generika
und Wirkstoffe hinzukämen. Die Ankündigung liefere zudem positive
Impulse, um an weiteren Zollbefreiungen zu arbeiten.
Wie geht es der deutschen Wirtschaft mit dem Zollabkommen?
Entgegen aller Befürchtungen schlägt die deutsche Wirtschaft sich
robust trotz der US-Zölle und immer neuer Krisen wie dem Iran-Krieg.
Im zweiten Quartal legte sie schon das dritte Quartal in Folge zu;
manche Ökonomen haben ihre Prognose für dieses Jahr angehoben und
erwarten ein Wachstum von rund einem Prozent - nach einem Mini-Plus
von 0,2 Prozent 2025.
Die deutschen Exporteure stecken die US-Zölle zunehmend weg. Im Juni
lieferten sie Waren im Rekordwert von 139,3 Milliarden Euro ins
Ausland - und das trotz höherer Zollhürden im wichtigsten Exportland
USA.
Den deutschen Firmen hilft, dass das Europa-Geschäft brummt und
Einbußen mit den USA ausgleicht. Zudem gebe der Zolldeal zwischen
Brüssel und Washington «ein gewisses Maß an Planungssicherheit», sa
gt
DIHK-Hauptgeschäftsführerin Helena Melnikov. So verzeichnete die
deutsche Elektroindustrie im ersten Halbjahr nur ein moderates Minus
von 2,1 Prozent im Exportgeschäft mit den USA. Und im Maschinenbau
gelang es, die Ausfuhren nach Amerika von Januar bis Juni dank einer
Erholung noch minimal zu steigern.
Nach einer juristischen Niederlage Trumps vor dem Supreme Court haben
deutsche Unternehmen zudem Hunderte Millionen Euro wegen zu viel
gezahlter Zöller zurückbekommen. Insgesamt wurden hiesigen
börsennotierten Konzernen rund 790 Millionen Euro erstattet,
berichtete die «Wirtschaftswoche». Allein der Logistikriese DHL
erhielt demnach 416 Millionen.
Wie bewerten Experten das bilaterale Handelsabkommen?
Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) blickt zwiespältig
auf den Deal zwischen von der Leyen und Trump. «Der Turnberry-Deal
hat für die Industrie bisher nur bedingt Stabilität gebracht. Das
Abkommen war immer ein schmerzhafter Kompromiss», sagte Wolfgang
Niedermark, Mitglied der BDI-Hauptgeschäftsführung.
Zwar sei es positiv zu bewerten, dass sich die USA «größtenteils» a
n
die Obergrenze eines Zolls in Höhe von 15 Prozent hielten, sagte
Niedermark weiter. Keine Lösung gebe es hingegen weiter für die teils
50-prozentigen Zölle auf Stahl und Aluminium sowie die Sätze in Höhe
von 25 Prozent auf bestimmte Lkw-Einfuhren. «Bei den Zöllen auf
Stahl- und Aluminiumprodukte droht nach zwischenzeitlichen
Verbesserungen wieder eine Ausweitung der US-Maßnahmen.»
Unmut gibt es auch aus der Autoindustrie. «Die aktuellen US-Zölle in
Höhe von 15 Prozent für Pkw und deren Teile stellen weiterhin eine
spürbare Herausforderung für die deutsche Automobilindustrie dar»,
sagte ein Sprecher des Branchenverbands VDA. Er kritisierte zudem,
dass die «sehr hohen zusätzlichen US-Zölle auf europäische
Nutzfahrzeuge und deren Teile eine erhebliche Belastung für die
betroffenen Unternehmen» darstellten. Vor dem Amtsantritt von Trump
lag der Zollsatz für Pkw bei 2,5 Prozent.
Wie schaut es in anderen Ländern in Sachen Zollkonflikt aus?
Dass es auch anders geht und wie unbeständig Trump ist, zeigte er
jüngst am Beispiel Kanadas: Nach der Verhängung eines Zolls von 25
Prozent auf nahezu alle Waren im vergangenen Jahr - angeblich, weil
das Nachbarland zu wenig gegen den Drogenschmuggel unternimmt -
drohte Trump zeitweise mit einem Satz von 100 Prozent. Immer wieder
nutzte er sein Lieblingsinstrument auch, um bei einem ganz anderen
Thema, einer Grenzbrücke zwischen beiden Staaten nahe Detroit,
nachzuverhandeln.
Zuletzt drohte er mit einer zusätzlichen Importgebühr von 50 Prozent
auf eine Reihe von Produkten, nur um diese kurz vor dem angepeilten
Start wieder zu kassieren. Die plötzlichen Rückzieher prägen Trumps
erratischen Verhandlungsstil und dessen Politik seit langem und sind
unter dem Akronym «TACO» bekannt - das steht für «Trump Always
Chickens Out» («Trump kneift immer»). Nun ist es bei der EU faktisch
zu einer Verbesserung der Zollkonditionen gekommen.
