Heißes Votum im Norden - Island stimmt über EU-Kurs ab Von Julia Wäschenbach, dpa
23.08.2026 04:30
Am Samstag wird's ernst: Dann entscheiden die Isländer in einem
Referendum über die Wiederaufnahme von EU-Beitrittsgesprächen. Es
geht um Fisch, Freiheit und die Frage, wo die Insel hingehört.
Reykjavík (dpa) - Es ist seit vielen Jahren eine der am heißesten
diskutierten Fragen auf der Vulkaninsel im Nordatlantik: Sollte
Island Mitglied der EU werden? Schon während der Finanzkrise 2009
hatte das Land mit knapp 400.000 Einwohnern einen Antrag auf die
Mitgliedschaft gestellt. Doch letztlich wurde daraus nichts: Nach der
Parlamentswahl 2013 drückte eine EU-skeptische Regierung in der Sache
auf den Pausenknopf. Inzwischen ist wieder eine überwiegend
EU-freundliche sozialdemokratisch geführte Koalition der politischen
Mitte an der Macht. Am kommenden Samstag (29. August) stimmen die
Isländer darüber ab, ob die Verhandlungen mit Brüssel wieder
aufgenommen werden sollen. Und alles deutet auf eine knappe Kiste
hin.
«Was die EU-Frage angeht, ist Island regelrecht in zwei Lager
gespalten», erklärt der isländische Politikprofessor Eiríkur Bergma
nn
von der Bifröst-Universität. Da wäre das eine Lager, das um die
Souveränität des Inselstaats fürchtet. Denn die hat sich Island hart
erkämpft. Erst 1944 wurde das Land zur eigenständigen Republik und
vollständig unabhängig von Dänemark. «Ich bin fest davon überzeug
t,
dass Island besser außerhalb der Europäischen Union aufgehoben ist»,
sagt etwa die 66 Jahre alte Isländerin Sigríður Ragnarsdóttir.
«Wichtige Entscheidungen, die Island betreffen, sollten am besten in
Island getroffen werden.»
Schlimmer kann's nicht werden: EU als Ausweg aus Krisen?
Und dann gibt es da noch das andere Lager, das sich von der
EU-Mitgliedschaft unter anderem wirtschaftliche Vorteile erhofft.
Dazu gehört Simon Birgisson. Für den 42-Jährigen aus der Stadt
Hafnarfjörður im Südwesten der Insel könnte der Beitritt ein Ausweg
aus der aktuellen Lage des Landes sein. «Die Inflation geht nicht
zurück, der Leitzins der Zentralbank steigt weiter, und die Regierung
scheint keinen klaren Plan zu haben», sagt Birgisson. «Das bringt
mich dazu, mit Ja zu stimmen - schlimmer als das Chaos, in dem wir
jetzt stecken, kann es mit der EU doch eigentlich nicht werden.»
Und klar, auch die Sicherheit spiele bei dem Referendum eine Rolle -
aber nicht die entscheidende, sagt Experte Bergmann. «Es ist wichtig
zu betonen, dass dieses Thema erst nach der Entscheidung für das
Referendum Einzug in die Debatte gehalten hat.» Dass die Isländer
jetzt über die Wiederaufnahme der Beitrittsgespräche abstimmen, sei
keine direkte Reaktion auf die aktuelle sicherheitspolitische
Situation - sondern vorrangig auf die Regierungskonstellation
zurückzuführen.
Trotzdem dürfte die Sicherheitsfrage die Isländer bewegen. Denn über
eine eigene Armee verfügt das Land nicht. Und bei vielen
Inselbewohnern kamen zuletzt Zweifel auf, inwiefern sich die Isländer
auf ein 1951 geschlossenes Verteidigungsabkommen mit den USA noch
verlassen können.
Ein großer Streitpunkt in der Debatte um eine mögliche
EU-Mitgliedschaft: die Fischerei. «Sie ist die Grundlage der
isländischen Wirtschaft», sagt Bergmann. Träte Island der EU
tatsächlich bei, wäre es mit Abstand der größte Fischereistaat in d
er
Union. «Die Fischerei ist für Island überlebensnotwendig. Deshalb
wäre das Land niemals in der Lage, auch nur die geringste Kontrolle
in Bezug darauf abzugeben», sagt Bergmann.
Viele sehen es deshalb wie der frühere Seemann Halldór Snæfells
Magnússon. Er hat in der Briefwahl, die seit Ende Juli in Island
möglich ist, schon sein Votum abgegeben: «Ich habe mit Nein gestimmt.
Ich glaube nicht, dass das gut für uns ist», sagt er dem isländischen
Rundfunk.
Island hofft auf Ausnahme bei der Fischerei
Schon beim letzten Mal liefen die Gespräche mit der EU wegen der
Fischerei ins Leere. Doch diesmal sei etwas anders, sagt Bergmann:
«Zum ersten Mal sagen EU-Vertreter, dass eine Lösung gefunden werden
könnte.» Wie realistisch das ist? Der Experte zuckt mit den Achseln:
«Es ist wohl eine Frage des politischen Willens.» Die Lösung, meint
er, könnte eine separate Verwaltungszone um die isländischen
Fischereigewässer unter der Kontrolle des Inselstaats sein. «Für die
EU würde sich dadurch nichts ändern.»
Während sich in Bezug auf Landwirtschaft, Währung und
Sicherheitspolitik für Island mit einem EU-Beitritt einiges verändern
würde, wären die Auswirkungen in anderen Bereichen gering. Denn der
Inselstaat gehört zum Schengenraum und ist auch bereits Teil des
Europäischen Wirtschaftsraums. Damit ist Island bereits eng mit dem
europäischen Binnenmarkt verbunden. Zudem ist es in viele Programme
eingebunden, etwa in den Bereichen Wissenschaft und Bildung.
«Letztendlich geht es um die existenzielle Frage, wo Island wirklich
hingehört», sagt Forscher Bergmann. Die Meinungsumfragen lassen ein
enges Rennen erwarten. Doch selbst wenn sich die Isländer am Samstag
dafür entscheiden, wieder mit der EU zu verhandeln, ist damit noch
längst nicht gesagt, dass das Land der Union tatsächlich beitreten
wird. Sollte am Ende der Gespräche ein Beitrittsabkommen stehen,
hätten die Isländer noch einmal die Wahl - in einem weiteren
Referendum.
