Island vor EU-Referendum: Ja zu neuen Beitrittsgesprächen?

29.08.2026 04:30

Heute wird über Islands künftigen EU-Kurs entschieden. Und das Votum
könnte denkbar knapp ausfallen. Geht die Vulkaninsel wieder auf
Brüssel zu - oder bleiben die Isländer lieber für sich?

Reykjavík (dpa) - Heute geht's für Island um Europa: In einem
Referendum stimmen die Bewohner der Vulkaninsel über die
Wiederaufnahme von EU-Beitrittsgesprächen ab. Stimmen sie mit «Ja»,
macht das den Weg für neue Verhandlungen mit Brüssel frei. Bei einem
«Nein» hat die Regierung versprochen, das Vorhaben fallen zu lassen.
Mehr als 270.000 Isländerinnen und Isländer sind aufgerufen, ihre
Stimme abzugeben. Ein Fünftel von ihnen hat das Kreuzchen nach
Angaben des isländischen Fernsehens bereits vorab gemacht. Alles
deutet auf ein enges Rennen hin.

Regierungschefin Frostadóttir will neue Gespräche

Die sozialdemokratische Regierungschefin Kristrún Frostadóttir hatte
ihren Landsleuten schon bei Amtsantritt Ende 2024 eine Abstimmung
über neue EU-Verhandlungen angekündigt. Auch wenn der Ausgang des
Referendums noch nichts darüber aussagt, ob Island am Ende möglicher
Beitrittsgespräche auch tatsächlich Mitglied der EU würde, ging es in

den Debatten der vergangenen Wochen schon viel darum, welchen Vorteil
eine volle Mitgliedschaft hätte. 

«Ich halte das für einen der wichtigsten Schritte, die wir
unternehmen können, um Risiken zu verringern», sagte Frostadóttir im

isländischen Fernsehen. In unsicheren Zeiten wie diesen, in denen
sich internationale Beziehungen veränderten, sei die Frage, ob ein
kleines Land wie Island sich größeren Staaten und Bündnissen annähe
rn
sollte. «Wir sehen um uns herum, dass Länder in unserer Nachbarschaft
durch die Europäische Union geschützt wurden.»

Ob sie damit auch Grönland meint? Die wiederholten Drohungen von
US-Präsident Donald Trump, die zu Dänemark gehörende Arktisinsel den

Vereinigten Staaten einzuverleiben, haben auch in Island Unruhe
ausgelöst. So mancher Isländer fragt sich, wie verlässlich das 1951
mit den USA geschlossene bilaterale Verteidigungsabkommen noch ist.
Und allein kann Island sich nicht verteidigen. Die Insel ist zwar
Gründungsmitglied der Nato, hat aber keine eigene Armee.

Wirtschaftlich ist Island zudem bereits stark in Europa integriert:
Das Land gehört zum Europäischen Wirtschaftsraum und genießt die
Vorteile des Binnenmarkts - hat aber bei wichtigen Entscheidungen
kein Mitspracherecht. 

Angst um das Geschäft mit der Fischerei

Bereits während der Finanzkrise 2009 hatte das gerade einmal rund
400.000 Einwohner zählende Land einen Antrag auf EU-Mitgliedschaft
gestellt. Doch der Vorstoß verlief im Sande: Nach der Parlamentswahl
2013 legte die neue, EU-skeptische Regierung die Beitrittspläne auf
Eis.

Gescheitert waren die Gespräche damals unter anderem an der Debatte
um die Fischerei. Sie ist der größte Wirtschaftszweig der Insel. In
diesem Bereich hat Island deshalb besonders große Sorge, seine
Unabhängigkeit zu verlieren. In einer Debatte im isländischen
Fernsehen kurz vor dem Referendum versprach Regierungschefin
Frostadóttir ihren Landsleuten, Island werde den Verhandlungstisch
schnell wieder verlassen, sollte man nicht die volle Kontrolle über
die eigenen Fischereiressourcen behalten dürfen.

Ob es überhaupt an den Verhandlungstisch geht, wird sich nach dem
Referendum entscheiden. Sollten die Beitrittsgespräche letztlich zum
Erfolg führen, hätte das isländische Volk noch einmal die Wahl: Für

diesen Fall hat die Regierung ein zweites Referendum angekündigt, in
dem die Isländer über die Mitgliedschaft abstimmen dürften.