TU München wirft EU falsche Klimavorgaben für Autos vor
01.09.2026 15:48
Wissenschaftler der TU München werfen der EU «Fehlsteuerung» bei den
Klimazielen für Autos vor. Sie kritisieren mehrere Punkte bei der
Regulierung.
München (dpa) - Wissenschaftler der TU München werfen der EU vor, die
Autohersteller beim Klimaschutz in die falsche Richtung zu lenken: In
einem neuen Weißbuch fordern die Forscher, nicht mehr wie bisher die
bei der Fahrt am Auspuff entstehenden CO2-Emissionen zu Grunde zu
legen.
Stattdessen sollen die Klimavorgaben den CO2-Ausstoß über die gesamte
Lebensdauer eines Autos berücksichtigen: von der Produktion bis zur
Wiederverwertung. Zum heiß umstrittenen Für und Wider eines
mittelfristigen Verbots von Verbrennungsmotoren nehmen die
Wissenschaftler in der Studie nicht explizit Stellung. TU-Präsident
Thomas Hofmann forderte jedoch «Technologieoffenheit», um der
Industrie nicht Innovationsmöglichkeiten zu nehmen.
Kritik: Klimaziel der EU in Gefahr
Mit der Veröffentlichung wollen die Wissenschaftler der EU-Kommission
eine Handlungsempfehlung für die im November anstehende Überarbeitung
der Klimaziele für die Autoindustrie geben. Ohne grundlegende
Revision würde die EU nach ihrer Einschätzung ihr Ziel für das Jahr
2030 weit verfehlen, das eine Reduktion der CO2-Emissionen von
Neuwagen um 55 Prozent vorschreibt. Die erste Reaktion des
Bundesumweltministeriums fiel kühl aus: Mehrere EU-Regeln zielten
bereits auf eine klimafreundlichere Produktion von Elektroautos ab,
erklärte ein Sprecher.
Elektroautos besser - aber nicht klimaneutral
Grundlage der Untersuchung war eine sogenannte Metastudie: die
Auswertung von 19 Studien der vergangenen Jahre und 47 Szenarien zur
Klimabilanz von Autos. Demnach sind reine Elektroautos mit
Batterieantrieb besser für das Klima als Fahrzeuge mit herkömmlichen
Motoren: Ein höherer CO2-Ausstoß bei der Herstellung in der Fabrik
wird demnach beim Fahren früher oder später ausgeglichen. Im Schnitt
sind die Lebenszyklus-Emissionen eines Batterieautos demnach um 41
Prozent niedriger als diejenigen eines Autos mit Verbrennungsmotor.
Die Kritik der Wissenschaftler zielt darauf, dass in den
EU-Klimavorgaben für Autos die bei der Herstellung entstehenden
CO2-Emissionen nicht berücksichtigt sind. Somit fällt unter den
Tisch, wie klimafreundlich oder -schädlich die Produktion war. «Wir
wollen das gute Elektroauto vom schlechten Elektroauto
unterscheiden», sagte Johannes Fottner, einer der beteiligten
Professoren.
Kein Anreiz für CO2-sparende Autofabriken
Außerdem geben die bisherigen EU-Klimavorgaben der Industrie laut
Studie keinerlei Anreiz, in die «Defossilisierung» ihrer
Produktionsprozesse zu investieren, obwohl das auch die CO2-Bilanz
von Verbrennerautos verbessern würde.
Ein Verbrenner-Aus würde von vornherein «bestimmte Technologien
abschneiden», sagte TU-Präsident Hofmann. «Da glaube ich, ist man
nicht gut beraten.» Der Wissenschaftler forderte, die
CO2-Emissionskette eines Fahrzeugs von Anfang bis Ende «integral» zu
betrachten. Allerdings würde auch das den Verbrennungsmotor nach
Hofmanns Einschätzung nicht unbedingt retten: «Da kann am Ende
rauskommen, dass Verbrenner per se keine Chance haben.»
Umweltministerium: EU arbeitet bereits an Verbesserung
Das Bundesumweltministerium wiederum hielt den Wissenschaftlern vor,
die EU-Maßnahmen zur Verbesserung der Klimabilanz nicht
berücksichtigt zu haben. Als Beispiel nannte der Sprecher die
EU-Batterieverordnung, die die Wiederverwertung der Akkus regelt, und
den Handel mit Emissionszertifikaten, der Anreize für die
umweltfreundliche Stahlproduktion liefern soll. «Diese Aspekte
blendet die TU München allerdings aus, mit ihrem engen Fokus auf die
Flottengrenzwerte», hieß es in der Stellungnahme.
In internationalen Hochschulvergleichen liegt die TUM innerhalb der
EU seit Jahren in der Spitze. Allerdings schneiden sowohl die
britischen Spitzenuniversitäten als auch die ETH Zürich regelmäßig
besser ab.
