Kreml erzürnt über deutsche Sanktionen nach Drohnen-Vorfall

02.09.2026 04:30

Die Bundesregierung wertet den Drohnen-Vorfall in Leipzig als
Angriff, macht Moskau verantwortlich und zieht Konsequenzen. EU und
Nato zeigen sich solidarisch. Putin spricht von einem schweren
Fehler.

Bischkek/Berlin/Brüssel (dpa) - Die schweren Spannungen zwischen
Berlin und Moskau haben sich infolge des gescheiterten Angriffs mit
einer Sprengstoff-Drohne am Flughafen Leipzig/Halle nochmals deutlich
verschärft. Russlands Präsident Wladimir Putin bezeichnete die
deutschen Strafmaßnahmen gegen sein Land als «schweren Fehler» und
sprach von Beweisfälschung. Das Außenministerium in Moskau kündigte
Gegenmaßnahmen an. Heute befassen sich auch Nato und EU mit dem
Drohnen-Vorfall, für den die Bundesregierung Moskau verantwortlich
macht. Beim EU-Außenministertreffen in Irland werden erste Beratungen
zu einer möglichen europäischen Reaktion erwartet.

Die Bundesregierung hatte am Dienstag ein ganzes Bündel von
Vergeltungsmaßnahmen gegen Russland angekündigt. Dazu zählen die
Schließung des Russischen Hauses in Berlin - das Kulturinstitut steht
im Verdacht, als Tarnung für Spionagezwecke zu dienen - und des
Generalkonsulats in Bonn sowie die damit verbundene Ausweisung
zahlreicher Diplomaten. Zudem soll es verschärfte Einreisekontrollen
für Russen sowie ein härteres Vorgehen gegen die russische
Schattenflotte geben. 

«Wir befinden uns nicht im Krieg, aber wir sind tägliches Ziel
hybrider Kriegsführung», beschrieb Innenminister Alexander Dobrindt
(CSU) die Lage nach Verkündung der Maßnahmen. Darunter versteht man
eine Kombination aus militärischen, wirtschaftlichen,
geheimdienstlichen und propagandistischen Mitteln. Dazu zählen auch
Cyberattacken und Desinformationskampagnen, um die öffentliche
Meinung etwa vor Wahlen zu beeinflussen.

Kreml wirft Bundesregierung Wahlkampfmanöver vor

Putin warf der Regierung von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) ein
innenpolitisch motiviertes Manöver in Wahlkampfzeiten vor. «Wo sind
die Beweise?», fragte der Kremlchef auf einer Pressekonferenz im
kirgisischen Bischkek. «Merz hat das Vertrauen der Bürger verloren,
da er die nationalen Interessen Deutschlands nicht schützt»,
behauptete Putin. 

Russlands Botschafter in Berlin, der zuvor ins Auswärtige Amt
einbestellt worden war, sprach von «absurden» Vorwürfen und einer
«hastig zusammengezimmerten Provokation am Flughafen in Leipzig». Die
von deutscher Seite angekündigten Maßnahmen würden «eine beispiello
se
Eskalation in den russisch-deutschen Beziehungen darstellen und nicht
ohne Folgen bleiben». Die alleinige Verantwortung dafür liege bei der
Bundesregierung. Das russische Außenministerium kündigte eine
«spiegelbildliche» Reaktion an, also Vergeltung mit ähnlichen
Maßnahmen. Konkrete Ankündigungen dazu gab es aus Moskau zunächst
noch nicht. 

EU-Außenbeauftragte sieht zunehmende Provokationen Moskaus

Beim Treffen der EU-Außenminister in Wicklow bei Dublin will der
deutsche Chefdiplomat Johann Wadephul (CDU) seine Kollegen heute über
die Ermittlungen zu dem brisanten Drohnen-Vorfall informieren. Die
EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas sagte am Dienstag, man sehe auch in
anderen Ländern, dass die Russen immer stärker provozierten. Es
stelle sich also die Frage, wie man sie davon abschrecken könne, noch
weiterzugehen.

Auch die weitere Unterstützung der Ukraine im Abwehrkampf gegen
Russland wird in Irland eine zentrale Rolle spielen. Neben der
Luftverteidigung geht es um die Vorbereitung auf den kommenden Winter
und den Schutz der Energieversorgung, um ukrainische Getreideexporte
sowie um die Finanzierung weiterer Hilfen und die mögliche Nutzung
eingefrorener russischer Vermögenswerte.

Artikel 4 der Nato wird nicht angewendet

In Brüssel wird sich der Nato-Rat auf deutsche Initiative mit dem
gescheiterten Anschlag befassen. Bei einer Tagung auf
Botschafterebene werde es eine Aussprache über die wachsende hybride
Bedrohung durch Russland geben, heißt es aus deutschen
Regierungskreisen. Artikel 4 des Nato-Vertrags will die
Bundesregierung aber nicht ziehen. Er sieht Beratungen der
Verbündeten vor, wenn sich ein Nato-Staat für von außen gefährdet
erklärt.

Der Artikel wurde seit Gründung des Bündnisses 1949 nur neun Mal in
Anspruch genommen, drei Mal seit dem von Russland begonnenen
Angriffskrieg gegen die Ukraine - aber bislang nie von Deutschland.

Nato-Chef Rutte: «Die Beweise sind eindeutig»

Nato-Generalsekretär Mark Rutte begrüßte - ebenso wie die Ukraine -
die von Deutschland geplanten Maßnahmen. «Die Beweise sind
eindeutig», teilte der Niederländer mit. Die Nato stehe nach dem
russischen hybriden Angriff in voller Solidarität an der Seite
Deutschlands. 

Rutte wird sich heute auch mit EU-Kommissionspräsidentin Ursula von
der Leyen dazu austauschen. Ihren Angaben zufolge könnte es als
Reaktion auf den mutmaßlichen Anschlagsversuch zusätzliche
EU-Sanktionen gegen Russland geben.

Eine mit Sprengstoff und Zündmechanismus präparierte Drohne war am
Abend des 4. August im Sicherheitsbereich des Flughafens
Leipzig/Halle zwischen ukrainischen Frachtmaschinen entdeckt worden.
Die Bundesanwaltschaft nahm Ermittlungen auf und sprach von einem
«schwerwiegenden Angriff auf die Transport- und Logistikinfrastruktur
in Deutschland». Kanzler Merz machte sich die Einstufung als Angriff
vorige Woche zu eigen. Am Dienstag machte die Bundesregierung dann
öffentlich Russland verantwortlich.