«Neue Qualität»: Wohin führt die Konfrontation mit Russland? Von Michael Fischer, Ulf Mauder, Jacqueline Melcher und Ansgar Hasse, dpa
02.09.2026 14:24
Die Bundesregierung hat mit harten Maßnahmen gegen Russland auf den
Leipziger Drohnen-Angriff reagiert. Was macht nun Moskau? Schaukelt
sich das Ganze weiter hoch? Und was ist mit dem K-Wort?
Berlin/Moskau/Wicklow/Brüssel (dpa) - Für die Bundesregierung
bedeutet der Drohnen-Angriff von Leipzig eine «neue Qualität» der
hybriden Kriegsführung Russlands gegen Deutschland. Sie hat mit
harten diplomatischen Maßnahmen reagiert, um noch vor Abschluss der
Ermittlungen des Generalbundesanwalts zu zeigen, dass man sich das
nicht gefallen lässt. Die Konfrontation mit Russland verschärft sich
damit. Wo das hinführt, ist offen.
Wann greifen die Vergeltungsmaßnahmen?
Nach und nach. Für die Schließungen des Generalkonsulats in Bonn gibt
es einen festen Termin, den 18. September. Sie hat unmittelbare
Auswirkungen für russische Staatsbürger in Deutschland, die nun
zentral von Berlin aus konsularisch betreut werden. Für andere
Maßnahmen gibt es noch keinen genauen Plan. Das Vorgehen gegen die
Schattenflotte soll erst mit den Verbündeten beraten werden - und
dann auch nicht angekündigt werden. Die Bundesregierung setzt da auf
den Überraschungseffekt.
Wie reagiert Russland?
Der Kreml weist die Anschuldigungen zurück, beklagt fehlende Beweise
und hält den ganzen Vorfall für eine billig inszenierte Provokation,
um Militärausgaben in Deutschland und Milliarden für die Ukraine zu
rechtfertigen. Angekündigt sind Gegensanktionen. Wie hart diese
ausfallen, ist nicht klar. Im Gespräch ist etwa die Schließung des
Goethe-Instituts in Moskau und des Generalkonsulats in St.
Petersburg.
Im russischen Außenministerium wird auch überlegt, ob die
diplomatischen Beziehungen herabgestuft werden sollten. Der Vizechef
des nationalen Sicherheitsrates, Dmitri Medwedew, meint, dass
Deutschland sich mit seiner «russlandfeindlichen Politik» eine echte
Bestrafung verdient habe. Konkret nennt der Ex-Präsident «direkte
Schläge» gegen Rüstungsbetriebe in Deutschland, die Militärgüter
an
die Ukraine liefern.
Kann sich das Ganze weiter hochschaukeln?
Das hängt nun zunächst von Russland ab. Werden die deutschen
diplomatischen Maßnahmen mit vergleichbaren russischen vergolten,
würde das von deutscher Seite als eine erwartbare Reaktion ohne
weitere Eskalation gewertet. Würde Russland darüber hinausgehen,
würde sich die Eskalationsspirale weiterdrehen. Dann könnte sich auch
Deutschland veranlasst fühlen, erneut zu reagieren. Das wäre zum
Beispiel der Fall, wenn Russland seinen Botschafter aus Berlin
abziehen würde, statt nur deutsches Botschaftspersonal auszuweisen.
Die Spannungen zwischen Deutschland und Russland verschärfen sich
seit Jahren. Schon vor der neuen Eskalation haben beide Seiten
gegenseitig Konsulate geschlossen und Diplomaten ausgewiesen. Auch
über einen Abbruch der diplomatischen Beziehungen zu Berlin wird in
Moskau laut nachgedacht. Der Kreml wirft aber Deutschland vor, zu
eskalieren. Es gebe in Berlin die Angst, dass Russland den Krieg in
der Ukraine gewinnen könnte, deshalb werde der Einsatz immer höher,
heißt es in Moskau.
Ist mit weiteren Angriffen Russlands zu rechnen?
Die Bundesregierung stellt sich auf weitere hybride Angriffe ein,
also etwa Cyberattacken auf kritische Infrastruktur oder
Drohnen-Angriffe wie den von Leipzig. Sollten die Angriffe wie im
Fall Leipzig erneut eine neue Qualitätsstufe erreichen, würde die
Bundesregierung auch darauf reagieren. Sie hat bewusst noch Luft nach
oben gelassen.
So ist Kanzler Friedrich Merz nicht selbst vor die Kameras getreten,
sondern hat das seine Minister machen lassen. Auch Artikel 4 der Nato
- Beratungen des Bündnisses, wenn sich ein Staat von außen gefährdet
sieht - liegt beispielsweise noch im Instrumentenkasten.
Was bezweckt Russland mit den verstärkten hybriden Angriffen?
Aus Sicht der Bundesregierung reagiert Russland damit auf ukrainische
Erfolge im Abwehrkampf gegen Russland, der von Deutschland mit
Waffenlieferungen massiv unterstützt wird. Russland habe darauf keine
strategische Antwort, heißt es dazu in den deutschen
Regierungskreisen. «Der Strategieersatz ist Eskalation. Vertikal in
der Ukraine, horizontal durch hybride Angriffe.»
Ist Deutschland im Krieg mit Russland?
Früher haben Staaten sich formell den Krieg erklärt. In der modernen
Kriegsführung gibt es das nicht mehr. Deswegen dauert es auch
manchmal eine Weile, bis eine militärische Auseinandersetzung in den
Medien und von Regierungen als Krieg bezeichnet wird.
Außerdem gibt es neben dem klassisch-militärisch mit Panzer und
Raketen geführten Krieg die bereits erwähnte hybride Kriegsführung
wie in Leipzig.
Vor diesem Hintergrund beantwortete Bundesinnenminister Alexander
Dobrindt (CSU) am Dienstag die Frage, ob Deutschland sich im Krieg
befindet, zweischneidig: «Wir befinden uns nicht im Krieg, aber wir
sind tägliches Ziel hybrider Kriegsführung.» So ähnlich hatte es
bereits vor dem Drohnen-Angriff auch der Kanzler schon gesagt: «Wir
befinden uns nicht im Krieg, aber auch nicht mehr im Frieden.»
Wie sieht das der Kreml?
Er sieht sich längst klar im Krieg mit dem Westen und den
Nato-Staaten, die die Ukraine mit Waffen und Milliarden unterstützen.
Der russische Außenminister Sergej Lawrow meinte einmal, bei den
Kampfhandlungen in der Ukraine handle sich um einen
Stellvertreterkrieg. Die westlichen Staaten benutzten dabei die
Ukraine, um Russland möglichst eine «strategische Niederlage»
beizubringen.
Kremlchef Wladimir Putin betont immer wieder und teils unter Verweis
auf Moskaus Atomwaffen, dass Russland - wie im Zweiten Weltkrieg -
auch diesmal einen Sieg davontragen werde.
Was macht der Generalbundesanwalt?
Die Ermittlungen der Bundesanwaltschaft laufen weiter. Als oberste
Strafverfolgungsbehörde Deutschlands liegt ihr Fokus auf der
Verfolgung konkreter Straftaten - also darauf, das Tatgeschehen
aufzuklären, einzelne Verdächtige zu identifizieren und diese
gegebenenfalls festnehmen zu lassen und anzuklagen. Zu einem
möglichen russischen Auftrag des Drohnen-Angriffs wollte sich die
Bundesanwaltschaft bisher nicht äußern.
Was macht die EU?
Die EU bereitet eine politische und wirtschaftliche Antwort vor. Nach
Angaben der Außenbeauftragten Kaja Kallas ist bereits seit längerem
ein neues Sanktionspaket in Planung, mit dem rund 1.600 weitere
Personen und Unternehmen mit Verbindungen zum russischen
militärisch-industriellen Komplex getroffen werden könnten.
Zudem beraten die Außenminister über mögliche zusätzliche Maßnahm
en,
etwa ein schärferes Vorgehen gegen die russische Schattenflotte.
Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen stellt klar, dass die EU
den Anschlagsversuch nicht tolerieren und ihre Unterstützung für die
Ukraine trotz russischer Einschüchterungsversuche fortsetzen will.
Was macht die Nato?
Die Nato stellt sich demonstrativ an die Seite Deutschlands.
Generalsekretär Mark Rutte spricht von einer eindeutigen Beweislage
und kündigt an, die Abschreckungs- und Verteidigungsfähigkeit des
Bündnisses weiter zu stärken. «Die Gefahren, die von Russland
ausgehen, sind eindeutig», sagte er am Mittwoch am Rande eines
Treffens mit Kommissionspräsidentin von der Leyen. Man arbeite rund
um die Uhr daran sicherzustellen, dass man vorbereitet sei und die
Bevölkerung schützen könne.
