Weniger China, mehr Europa - EU regelt öffentliche Aufträge
09.09.2026 15:00
Mehr als eine Milliarde Euro pro Tag verliert die EU im Handel mit
China. Die EU-Kommission will daran etwas ändern: Wie mehr
öffentliche Gelder für Produkte aus der EU ausgegeben werden sollen.
Brüssel (dpa) - Europa kämpft angesichts der Konkurrenz aus China um
seine Wirtschaftskraft. Eine Stellschraube: Die EU-Kommission will,
dass staatliche Gelder strategischer eingesetzt werden.
Dafür hat die Brüsseler Behörde nun ein neues Regelwerk für die
Ausstattung von Schulen, dem Straßenbau und andere Fällen der
öffentlichen Beschaffung vorgeschlagen. Denn viele kommunale Behörden
nutzten bereits existierende Möglichkeiten nicht, bei der Vergabe
europäische Unternehmen zu bevorzugen, wie EU-Industriekommissar
Stéphane Séjourné sagte.
Die neuen Regeln sollen die Bedingungen dafür klarstellen. «Es ist
ein strategischer Hebel - und zwar in einer Zeit, in der insbesondere
China, Indien, die Vereinigten Staaten und alle heutigen Großmächte
diesen Handlungshebel als Teil ihrer eigenen Industrie- und
Wirtschaftsstrategien nutzen», sagte der Franzose.
Keine Pflicht zu Bevorzugung
Nach dem Willen der Brüsseler Behörde soll festgehalten werden, dass
die öffentliche Hand weiter europäische Unternehmen gegenüber
Anbietern aus Drittstaaten wie China bevorzugen kann, die umgekehrt
europäischen Bietern nicht gleichen Zugang zu öffentlichen Aufträgen
gewähren. Verpflichtend werden soll dies aber nicht. Das geht aus dem
in Brüssel vorgestellten Vorstoß hervor.
Für bestimmte Bereiche, etwa Autobatterien oder Beton, hat die
EU-Kommission im Frühjahr dagegen vorgeschlagen, dass europäische
Produkte bevorzugt werden müssen. Darüber beraten die Abgeordneten
des Europaparlaments und die EU-Mitgliedstaaten derzeit. Für viele
Diskussionen sorgt dabei, welche Länder gleichwertig mit EU-Staaten
behandelt werden.
USA und Großbritannien gleich behandelt, China nicht
In den allgemeinen Regeln, die nun vorgestellt wurden, soll
festgehalten werden, dass Handelspartner außerhalb der EU erfasst
werden, mit denen es Vereinbarungen zum Zugang für den öffentlichen
Beschaffungsmarkt gibt. Länder, die einen vereinbarten gegenseitigen
Zugang nicht gewähren, sollen ausgeschlossen werden können. Séjourn
é
bestätigte, dass etwa Produkte aus Großbritannien und den USA wie
europäische behandelt werden könnten, aber China nicht erfasst wäre.
Ferner soll ein europaweiter digitaler Marktplatz geschaffen werden.
Darüber sollen Auftraggeber unter anderem unkompliziert herausfinden
können, für welche Unternehmen und Waren aus Drittländern die
gleichen Bedingungen gelten wie für europäische. Alle Aufträge über
einem bestimmten Volumen müssten dem Vorschlag zufolge künftig zudem
über diese Plattform vergeben werden.
Qualität als Kriterium
Einen Wechsel soll es nach Willen der EU-Kommission zudem bei den
Kriterien für die Auftragsvergabe geben. So soll nicht nur der Preis
ausschlaggebend dafür sein, wer den Zuschlag für neue Stühle an einer
Schule bekommt. Stattdessen sollen Kommunen und andere Beschaffer
jeweils selbst festlegen können, welche qualitative Kriterien bei
einem Auftrag wichtig sind.
So könnten etwa ökologische, innovative sowie Sicherheits- und
Resilienzaspekte oder die Arbeitsbedingungen bei der Herstellung ein
größeres Gewicht bekommen. Solche Vorgaben sind nach Angaben eines
EU-Beamten bereits jetzt möglich, aber je nach EU-Staat mit
rechtlicher Unsicherheit verbunden, sodass sie unterschiedlich oft
angewandt würden.
Die Europäische Union kämpft angesichts internationaler Konkurrenz um
die Wettbewerbsfähigkeit. Allein gegenüber China beträgt das
Handelsdefizit der EU mittlerweile rund eine Milliarde Euro pro Tag.
Damit die Vorschläge der EU-Kommission in Kraft treten, ist die
Zustimmung des Europäischen Parlaments und der EU-Mitgliedstaaten
nötig.
Abgeordnete: Wirtschaft nicht abschotten
Der Europaabgeordnete Bernd Lange (SPD), Vorsitzender des
Handelsausschusses des Parlaments, sprach in einer ersten Reaktion
von einer potenziell enormen Hebelwirkung durch eine strategisch
eingesetzte öffentliche Auftragsvergabe. Er warnte in einer
Mitteilung aber auch vor Abschottung - bei den Regeln zur Bevorzugung
europäischer Angebote und beim Zugang von Unternehmen aus
Drittstaaten müsse die richtige Balance gefunden werden. Europa lebe
von offenen Märkten und starken Partnerschaften. «Wir dürfen unseren
Partnern nicht einfach die Tür vor der Nase zuschlagen oder die
Kriterien so restriktiv setzen, dass es de facto eine Schließung
unseres Marktes durch die Hintertür ist.»
Die stellvertretende FDP-Bundesvorsitzende und Europaabgeordnete
Svenja Hahn begrüßte den Abbau von Bürokratie durch eine einheitliche
europäische digitale Plattform, die es vor allem kleinen und
mittelständischen Unternehmen ermöglichen könne, leichter an
Ausschreibungen teilzunehmen. Sie sprach sich für eine Stärkung der
international vernetzten Wirtschaft aus. «Wenn andere Länder unsere
Unternehmen gleichermaßen an ihrem öffentlichen Markt teilhaben
lassen, dann sind ihre Unternehmen herzlich willkommen.»
Der CSU-Europaabgeordnete Christian Doleschal, der sich im Parlament
mit dem Vergaberecht beschäftigt, begrüßte die geplante
Vereinfachung. Diese komme Kommunen zugute.
