Geht es ohne? - Wie Tierversuche ersetzt werden sollen Von Christina Sticht, dpa
10.09.2026 05:01
Rund zwei Millionen Tiere wurden 2024 für Forschungszwecke eingesetzt
beziehungsweise getötet. Das sind weniger als in früheren Jahren,
aber immer noch viele. So könnte die Zahl reduziert werden.
Berlin (dpa) - Mehr als 1,3 Millionen Tiere sind im Jahr 2024 in
Deutschland in Tierversuchen eingesetzt worden - vor allem Mäuse,
gefolgt von Ratten, Fischen, Kaninchen, aber auch Schweine, Hunde und
Affen. Hinzu kamen knapp 670.000 Tiere, die zu wissenschaftlichen
Zwecken getötet wurden, etwa um ihre Organe zu untersuchen. Außerdem
listet die Statistik des zuständigen Bundesinstituts 1,6 Millionen
getötete sogenannte überschüssige Tiere auf. Diese wurden zunächst
für Versuche beziehungsweise für die Forschung gezüchtet, dann aber
nicht eingesetzt. Daten für 2025 liegen bisher nicht vor.
Die Zahl der Versuchstiere in Deutschland ging damit das fünfte Jahr
in Folge zurück. Ärzte gegen Tierversuche und andere Organisationen
fordern von der Bundesregierung jedoch weit größere Anstrengungen.
Die EU will in einem Bereich - nämlich bei der Sicherheitsbewertung
von Chemikalien - schrittweise aus Tierversuchen aussteigen. Dazu
wurde von der EU-Kommission im Juni ein Fahrplan vorgestellt.
Was hat die EU vor?
Bislang sind auf EU-Ebene in einigen Bereichen für die
Sicherheitsbewertungen von Chemikalien Tierversuche zulässig oder
sogar vorgeschrieben. Schrittweise plant die EU, hier aus der
Verwendung von Tieren auszusteigen. Schon jetzt gebe es nicht
tierbasierte Methoden, beispielsweise zur Vorhersage akuter Wirkungen
wie Haut- und Augenreizungen, heißt es in Erläuterungen zum
Ausstiegsplan.
Was ist ein Beispiel für Alternativen?
«Es gibt Hunderttausende von Chemikalien, aber diese können nicht
alle umfassend getestet werden. Mit
tierversuchsfreien Testsystemen können wir neue Stoffe
mit bekannten vergleichen und ihr Gefahrenpotenzial so
einstufen», sagt die Chemieprofessorin Beate Escher, die seit 35
Jahren an sogenannten In-Vitro-Methoden forscht. Mit «In Vitro» (im
Glas) ist eine künstliche Umgebung außerhalb des menschlichen
Organismus gemeint. Bislang wird die Toxizität, also Giftigkeit von
Stoffen, «In Vivo», also an lebenden Organismen, oft an Tieren,
getestet.
Der technologische Fortschritt sei groß, sagt die Forscherin vom
Helmholtz Zentrum für Umweltforschung in Leipzig, die jetzt mit dem
mit 100.000 Euro dotierten Tierschutzforschungspreis 2026 des
Bundeslandwirtschaftsministeriums ausgezeichnet wurde. «Ich bin sehr
optimistisch, dass wir mit der Kombination von historischen
In-Vivo-Toxizitätsdaten, modernen Daten aus Hochdurchsatz zellulärer
Testsysteme gepaart mit Computermodellen langfristig Tierversuche
ersetzen können.»
Sind die Versuche noch zeitgemäß?
Viele klassischen Toxizitätstests mit Tieren seien nicht mehr
zeitgemäß, kritisiert Escher. So werde etwa ein Tier über seine
Lebenszeit hinweg täglich mit einem krebserregenden Stoff gefüttert,
um danach zu gucken, wie viele Tumoren sich entwickelten. Dabei gehe
es eigentlich darum herauszufinden, was bei einem Stoff in geringen
Konzentrationen passiere, und nicht in hoher Dosis. Mit dem Ersatz
von solchen Versuchen werde Tierleid verringert, betont die
Expertin.
«Wenn ein Stoff verboten wird, kommen häufig Dutzende von
Ersatzprodukten auf den Markt», erläutert Escher und nennt das Verbot
von Bisphenol A in Lebensmittelverpackungen als Beispiel. Mit den
neuen tierversuchsfreien Methoden könnten solche neuen Stoffe viel
schneller untersucht und bewertet werden. «Im Moment dauert es noch
10 bis 20 Jahre, bis ein Stoff verboten ist.»
Könnte Deutschland gegen Tierversuche mehr unternehmen?
Um potenzielle Gefahren von chemischen Substanzen für die Umwelt zu
bewerten, sind immer noch Tierversuche vorgeschrieben, in denen
oftmals etwa Fische vergiftet werden und qualvoll leiden. Gaby
Neumann von Ärzte gegen Tierversuche hofft darauf, dass die EU bald
Ersatz-Verfahren wie das von Escher entwickelte erlauben wird.
«Der größte Hebel wäre aber die Grundlagenforschung», betont Neum
ann.
2024 dienten 57 Prozent der Tierversuche der Grundlagenforschung.
«Man hat hier die Möglichkeiten, mit menschlichen Daten und Zellen zu
arbeiten, und nicht mit künstlich krank gemachten Tieren», sagt
Neumann. Die überwiegende Mehrheit von mit Tierversuchen entwickelten
Medikamenten falle in klinischen Studien durch. Andere Länder wie die
Niederlande oder die USA schaffen der Tierärztin zufolge weit größere
Anreize für tierversuchsfreie Forschung.
Wie kann ich tierversuchsfreie Produkte erkennen?
Für viele Stoffe sind Tierversuche noch vorgeschrieben. Seit 2013
gibt es aber ein Tierversuchsverbot für Kosmetik in der EU,
allerdings bestehen weiter zahlreiche Ausnahmen. So dürfen
Kosmetikfirmen Substanzen mit Tieren testen, wenn diese Substanzen
auch in anderen Produkten wie Waschmitteln oder Wandfarben vorkommen.
Der Deutsche Tierschutzbund gibt im Internet Tipps, wie
tierversuchsfreie Produkte zu erkennen sind. Dabei wird auch
empfohlen, zu veganen Produkten zu greifen, denn zum Beispiel wird
Kollagen für straffe Haut aus dem Bindegewebe geschlachteter Tiere
gewonnen. Keratin für starkes Haar stammt aus Hufen, Hörnern oder
Federn von Tieren.
Was sind die Gründe für die sinkenden Versuchstierzahlen?
Seit zehn Jahren gibt es das Deutsche Zentrum zum Schutz von
Versuchstieren innerhalb des Bundesinstituts für Risikoforschung. Es
koordiniert bundesweite Aktivitäten mit den Zielen, Tierversuche auf
das unerlässliche Maß zu beschränken und Versuchstieren den
bestmöglichen Schutz zu gewähren.
Der Rückgang der Versuchstierzahlen sei grundsätzlich zu begrüßen u
nd
zeige die Bemühungen der EU-Kommission, Tierversuche auf das
unerlässliche Maß zu beschränken, teilte die Behörde kürzlich mit
.
Einer Auswertung zufolge kommen in der Grundlagenforschung in den
Bereichen Neurowissenschaften und Immunologie vermehrt
In-Vitro-Methoden zum Einsatz. Dieser Trend sei allerdings für die
Onkologie - also Krebsforschung - nicht zu beobachten.
