EZB erhöht Zinsen wegen Inflationsschub weiter Von Jörn Bender und Alexander Sturm, dpa

10.09.2026 16:12

Der Iran-Krieg treibt die Preise fürs Tanken und Heizen hoch. Die EZB
reagiert mit einer weiteren Zinserhöhung auf die gestiegene
Inflation. Das hat Folgen für Sparer, Kreditnehmer und Firmen.

Frankfurt/Berlin (dpa) - Die Europäische Zentralbank (EZB) stemmt
sich mit der zweiten Zinserhöhung in diesem Jahr gegen den
Ölpreisschock infolge des Iran-Kriegs. Die Notenbank hebt den für
Banken und Sparer wichtigen Einlagenzins von 2,25 auf 2,5 Prozent an.
Das entschied der EZB-Rat, der ausnahmsweise nicht am Sitz der
Zentralbank in Frankfurt tagte, sondern in Räumlichkeiten der
Bundesbank in Berlin. 

«Der Konflikt im Nahen Osten erzeugt weiterhin Inflationsdruck, und
die Inflation dürfte für einen längeren Zeitraum deutlich über
unserem Zielwert bleiben», erklärte EZB-Präsidentin Christine
Lagarde. Der Ausblick sei «nach wie vor mit hoher Unsicherheit
behaftet».

Gut für Sparer, schlecht für Kreditnehmer

Höhere Leitzinsen verteuern Kredite, was die Nachfrage bremsen und so
die Inflation dämpfen kann. Sparer profitieren, wenn Banken die
besseren Konditionen weitergeben. Zugleich sind steigende Zinsen eine
Belastung für alle, die investieren wollen - von Privathaushalten bis
Firmen. Hebt die EZB die Zinsen zu stark an, kann das die Konjunktur
abwürgen.

Die EZB habe konsequent gehandelt, lobte Ulrich Reuter, Präsident des
Sparkassenverbands DSGV: «Die höheren Energiepreise infolge der
Sperrung der Straße von Hormus kann sie zwar nicht verhindern, sie
kann aber beeinflussen, dass die Preise nicht dauerhaft und auf
breiter Front steigen.»

Iran-Krieg heizt Inflation an

Wichtigstes Ziel der EZB ist es, die Inflation im Zaum zu halten und
für einen stabilen Euro zu sorgen. Der seit Ende Februar schwelende
Krieg zwischen den USA und dem Iran hat die Teuerung kräftig nach
oben getrieben.

Im August waren die Verbraucherpreise im Euroraum einer ersten
Schätzung zufolge 3,3 Prozent höher als ein Jahr zuvor. Das ist die
höchste Teuerungsrate seit September 2023 und liegt weit über dem
Ziel der EZB, die mittelfristig Preisstabilität bei 2,0 Prozent
Inflation für die Eurozone anpeilt. Je höher die Inflationsrate, umso
geringer die Kaufkraft der Menschen.

In Europas größter Volkswirtschaft Deutschland hatten hohe
Energiepreise die Inflation im August auf 2,9 Prozent getrieben.
Sprit und Heizöl waren deutlich teurer als ein Jahr zuvor. Zuletzt
stieg der Preis für Brent-Öl stieg wieder über die Marke von 100
Dollar je Barrel (159 Liter).

EZB: Bis mindestens 2027 erhöhte Inflation

Nach Einschätzung der Euro-Währungshüter müssen sich die Menschen i
m
Euroraum bis mindestens 2027 auf eine erhöhte Teuerungsrate
einstellen. Für dieses Jahr erwartet die EZB 3,0 Prozent Inflation.
Auch 2027 (2,5 Prozent) und 2028 (2,1 Prozent) wird die Zielmarke von
2,0 Prozent demnach verfehlt.

«Die EZB sendet mit ihrem Zinsschritt ein klares Signal zur Sicherung
der Preisstabilität im Euroraum», sagte Marija Kolak, Präsidentin des

Bundesverbands der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR).
«Stabile Preise sind eine wichtige Voraussetzung für Wachstum,
Investitionen und Planungssicherheit, für Unternehmen ebenso wie für
private Haushalte.»

Was das Wirtschaftswachstum angeht, ist die EZB etwas optimistischer
geworden: Für 2026 veranschlagt sie nun ein Plus von 0,9 Prozent.
Auch die Prognose für 2027 wurde etwas erhöht auf 1,4 Prozent
Wachstum. Sowohl die Konjunktur als auch der Arbeitsmarkt seien
robust, sagte Lagarde.

 

Sparzinsen steigen

Von höheren Zinsen profitieren Sparer: Laut einer Analyse des
Vergleichsportals Verivox sind die Tagesgeldzinsen für Neukunden
gestiegen, bei befristeten Angeboten sind in der Spitze mehr als vier
Prozent drin (Stand 8. September). Die durchschnittlichen
Festgeldzinsen stiegen demnach bei bundesweit verfügbaren Anlagen mit
zwei Jahren Laufzeit deutlich auf 2,55 Prozent.

Für Immobilienkäufer und Bauherren sind steigende Kapitalmarktzinsen
dagegen von Nachteil, auch wenn sich die Bauzinsen nicht direkt am
Leitzins orientieren. Dem Geldratgeber Finanztip zufolge sind die
Effektivzinsen für Immobilienkredite mit zehn Jahren Zinsbindung auf
rund 4,2 Prozent geklettert. Das sei der höchste Stand seit Ende
2023. 

Hebt die EZB die Leitzinsen weiter an?

Der Druck auf die EZB bleibt erhöht: Je länger die Energiepreise hoch
sind, umso größer das Risiko, dass auch andere Preise steigen, weil
zum Beispiel Transport und Kühlung von Lebensmitteln teurer werden.
Dazu kommen die Folgen von Hitze und Trockenheit, die die Ernte
schmälern oder, wie das Niedrigwasser am Rhein, Lieferungen
verteuern. Zudem fürchtet die EZB Zweitrundeneffekte: Steigen Löhne
als Reaktion auf hohe Inflation zu stark, könnte das die Preise
weiter nach oben treiben.

Im Juni hatte die EZB angesichts eines Inflationsschubs infolge des
Iran-Kriegs erstmals seit fast drei Jahren die Leitzinsen angehoben.
Sie will eine erneute Preiswelle im Euroraum unbedingt verhindern.
Nach Beginn des Ukraine-Kriegs 2022 stand sie in der Kritik, den
damaligen Preisanstieg in der Energiekrise lange unterschätzt zu
haben. Die Inflation im Euroraum schnellte bis auf mehr als zehn
Prozent hoch. Da die Inflation zuletzt wieder deutlich stieg, ist
nach Einschätzung von Volkswirten eine weitere Zinserhöhung der EZB
in diesem Jahr wahrscheinlicher geworden, einen Automatismus gebe es
aber nicht.

Lagarde und Bundesbank-Präsident Joachim Nagel äußerten sich in
Berlin auf Nachfrage auch besorgt über den Aufstieg eurokritischer
Parteien wie der AfD. Der Euro sei nie so populär gewesen wie
derzeit, betonte Lagarde. Nagel sagte, die Konzepte der Euro-Kritiker
seien kontraproduktiv und könnten Investoren zum Beispiel in
Deutschland abschrecken: «Ich bin besorgt.»