Europäer nehmen Kampf um Einfluss in der Arktis auf Von Ansgar Haase, Julia Wäschenbach und Michael Fischer, dpa
14.09.2026 15:11
Neue Schifffahrtsrouten, Bodenschätze und Sicherheit: Unweit des
Polarkreises berät Merz mit EU-Partnern über die europäische
Arktis-Strategie. Dabei werden auch erhebliche Bedrohungen gesehen.
Rovaniemi (dpa) - Deutschland und andere führende EU-Staaten nehmen
den Kampf um Einfluss in der Arktis auf und wollen dabei Russland,
China und den USA Paroli bieten. Bei einem Gipfeltreffen in der
nordfinnischen Stadt Rovaniemi am Polarkreis verpflichteten sich
Bundeskanzler Friedrich Merz und Spitzenvertreter aus elf weiteren
Ländern dazu, ihr Engagement über die EU auszubauen und dafür auch
die entsprechenden Ressourcen bereitzustellen.
Die Zeiten geringer Aufmerksamkeit für die Arktis seien vorbei, sagte
Merz nach Ende der Beratungen. Der Hohe Norden sei mittlerweile der
kritischste Bereich für die Sicherheit des europäischen Kontinents.
In der gemeinsamen Erklärung aller Gipfelteilnehmer heißt es, man sei
sich einig, dass die EU in der europäischen Arktis strategischer und
proaktiver handeln müsse. Konkret sollen nach dem Willen der
Unterzeichner etwa die Überwachung und der Informationsaustausch
verbessert und ein gemeinsames Lagebild geschaffen werden.
Zugleich wird dafür geworben, Investitionen in Verkehrswege, digitale
Netze, militärische Mobilität und andere Infrastruktur zu steigern -
auch mit Blick auf hybride Bedrohungen und den Schutz kritischer
Anlagen an Land und auf See. Wirtschaftlich sehen die Länder Chancen
vor allem bei kritischen Rohstoffen, aber auch im Tourismus und bei
neuen Schifffahrtsrouten, die durch den klimabedingten Rückgang des
arktischen Meereises entstehen.
Russland als größte Bedrohung
Als Hintergrund des Vorstoßes werden ein verschärfter
Großmachtwettbewerb, die Folgen des russischen Angriffskriegs gegen
die Ukraine, Chinas gewachsenes sicherheitspolitisches Interesse
sowie die sich beschleunigenden und gravierenden Auswirkungen des
Klimawandels genannt. «Die Arktis befindet sich in einem raschen und
tiefgreifenden Wandel, der zunehmend Auswirkungen auf die Sicherheit
und Stabilität Europas hat», heißt es in der Abschlusserklärung.
Geografisch liegen vor allem die nördlichen Teile der EU-Länder
Finnland und Schweden im Arktisgebiet. Zudem ist für die EU auch
Grönland äußerst relevant. Die riesige Arktisinsel ist zwar nicht
Teil der EU, gehört aber zum Königreich Dänemark. Die umstrittenen
Kontrollansprüche von US-Präsident Donald Trump auf das
rohstoffreiche Territorium werden in der Erklärung nicht explizit
erwähnt. Die Unterzeichner begrüßen allerdings ein kürzlich von der
EU-Kommission angekündigtes Investitionspaket im Umfang von 200
Millionen Euro. Genutzt werden soll es unter anderem für die
Infrastruktur, die nötig ist, um wertvolle Rohstoffe zu bergen.
Um den Konflikt mit Washington beizulegen und über eine zukünftige
Zusammenarbeit zu beraten, hatten Dänemark, Grönland und die USA
trilaterale Gespräche in Form einer Arbeitsgruppe ins Leben gerufen.
Dazu äußerte sich die dänische Regierungschefin Mette Frederiksen
beim Arktis-Gipfel zuversichtlich: «Ich bin optimistisch, dass wir
eine Lösung finden können. Wir sehen jetzt schon sehr klare Signale.»
Neben Dänemark mit Grönland werden auch Norwegen mit Spitzbergen
sowie Russland, die USA und Kanada zu den arktischen Polarstaaten
gezählt. Auch mit diesen Ländern sowie mit Island und Großbritannien
wollen die EU-Staaten eine noch engere Zusammenarbeit in Bezug auf
die Arktis suchen, hieß es bei dem Gipfel.
Kommt eine gemeinsame Eisbrecher-Flotte für Europa?
Die Ergebnisse des Gipfels will die EU-Kommission für die Erarbeitung
der geplanten neuen Arktis-Strategie nutzen. Vor allem Finnland will
erreichen, dass europäische Eisbrecherfähigkeiten als konkretes
Projekt darin aufgenommen werden. Die Finnen sehen Eisbrecher als
Schlüssel für Europas Handlungsfähigkeit im Hohen Norden: Ohne sie
lassen sich Versorgung, Handel und militärische Präsenz in weiten
Teilen der Region trotz schwindenden Meereises nicht zuverlässig
sichern.
Finnlands Regierungschef betonte in Rovaniemi die Kompetenz, die sein
Land in diesem Bereich habe: «Wir können diese Eisbrecher bauen - wir
verfügen da über jede Menge Fachwissen», sagte Petteri Orpo. «Aber
wir müssen Schritt für Schritt vorgehen.» Rückendeckung bekam er vo
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Bundeskanzler Friedrich Merz und der EU-Außenbeauftragten Kaja
Kallas. Merz sagte: «Wir brauchen auf jeden Fall Eisbrecher.» Das sei
nicht nur ein Anliegen der nordischen Länder, sondern der gesamten EU
und von ganz Europa.
EU will eigene Interessen in der Arktis verteidigen
Als größte Bedrohung wird in der Erklärung Russland genannt -
insbesondere wegen der feindseligen Haltung Moskaus gegenüber Europa
sowie der Zunahme hybrider Aktivitäten. Darunter versteht man eine
Kombination aus militärischen, wirtschaftlichen, geheimdienstlichen
und propagandistischen Mitteln.
Als ein Beispiel für Bedrohungen gelten von Norwegen und
Großbritannien offengelegte Aktivitäten russischer Unterseeboote im
Hohen Norden im Frühjahr. Nach Angaben aus Nato-Kreisen gilt es
mittlerweile als sicher, dass die Boote nahe Spitzbergen eine
neuartige Technologie zur weitgehend spurenlosen Sabotage von
Unterseekabeln erprobt haben.
