Europäer nehmen Kampf um Einfluss in der Arktis auf Von Ansgar Haase, Julia Wäschenbach und Michael Fischer, dpa

14.09.2026 04:10

Neue Schifffahrtsrouten, Bodenschätze und Sicherheit: Unweit des
Polarkreises berät Merz mit EU-Partnern über die europäische
Arktis-Strategie. Die Innenpolitik begleitet ihn in Finnland.

Rovaniemi (dpa) - Die Europäer nehmen den Kampf um Einfluss in der
Arktis auf. Bei einem Gipfeltreffen in der nordfinnischen Stadt
Rovaniemi am Polarkreis wollen Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und
andere Spitzenvertreter mehrerer EU-Staaten heute darüber beraten,
wie sich Europas Interessen in der Region sichern lassen. Dabei geht
es um neue Schifffahrtsrouten, die durch den klimabedingten Rückgang
des arktischen Meereises entstehen, aber auch um unerschlossene
Rohstoffvorkommen und Sicherheitsbedrohungen durch militärische
Aktivitäten Russlands und Chinas.

Merz wird bei dem Gipfel von der Krise seiner Kanzlerschaft nach dem
Wahldebakel von Sachsen-Anhalt begleitet. Es ist seine erste
Auslandsreise nach der Sommerpause, in die er mit seiner viel
kritisierten Personalrochade gestartet war. Das Wahldebakel der CDU
in Sachsen-Anhalt hat den Druck aus seiner eigenen Partei auf ihn
noch einmal deutlich erhöht. Bei den in einer Woche anstehenden
Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin geht es auch um
seine politische Zukunft.

Die Reise zum Arktis-Gipfel war ihm dennoch wichtig, um ein Zeichen
an die EU- und Nato-Partner zu senden, dass sich Deutschland auch in
dieser Region engagiert - vor allem unter sicherheitspolitischen
Gesichtspunkten.

Denn in dieser Hinsicht ist die Arktis Deutschland viel näher als man
denkt. «Die Arktis kann als Sicherheitsraum inzwischen nicht mehr von
Europa und der Ostsee abgetrennt werden», sagt der Nordeuropa- und
Sicherheitsexperte Tobias Etzold. Deshalb sind zu dem Gipfel etwa
auch Staats- und Regierungschefs aus dem Baltikum eingeladen, um ihre
Erfahrungen zu teilen. 

Ebenfalls erwartet wird die dänische Ministerpräsidentin Mette
Frederiksen, die sich mit Besitzansprüchen von US-Präsident Donald
Trump auf Grönland konfrontiert sieht. Trump argumentiert, dass
Dänemark die riesige Arktisinsel nicht vor Russland und China
schützen könne. Das weitgehend autonome, aber zum Königreich Dänema
rk
gehörende Territorium ist wegen seiner militärstrategischen Lage,
aber auch wegen der dort vermuteten Bodenschätze interessant.

EU will eigene Interessen in Grönland verteidigen

Grönland ist zwar nicht Teil der Europäischen Union. Erst Anfang der
Woche hatte Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen bei einem
Besuch auf der Arktisinsel aber eine engere Zusammenarbeit
angekündigt - und ein Investitionspaket von 200 Millionen Euro.
Genutzt werden soll es unter anderem für die Infrastruktur, die nötig
ist, um wertvolle Rohstoffe zu bergen. 

Neben Dänemark mit Grönland werden auch Norwegen mit Spitzbergen
sowie Russland, die USA und Kanada zu den arktischen Polarstaaten
gezählt. Dem 1996 für den Umweltschutz gegründeten Arktischen Rat
gehören zudem Island, Schweden und Finnland an.

Gipfelgastgeber Finnland will bei den Gesprächen deutlich machen,
dass die Arktis als ein integraler Bestandteil europäischer
Sicherheit betrachtet werden muss und bei Weitem nicht mehr nur aus
wissenschaftlicher und wirtschaftlicher Perspektive. Als ein Beispiel
für Bedrohungen gelten von Norwegen und Großbritannien offengelegte
Aktivitäten russischer Unterseeboote im Hohen Norden im Frühjahr.
Nach Angaben aus Nato-Kreisen gilt es mittlerweile als sicher, dass
die Boote nahe Spitzbergen eine neuartige Technologie zur weitgehend
spurenlosen Sabotage von Unterseekabeln erprobt haben.

Die Ergebnisse des Gipfels will die EU-Kommission für die Erarbeitung
der geplanten neuen Arktis-Strategie nutzen. Vor allem Finnland will
erreichen, dass europäische Eisbrecherfähigkeiten als konkretes
Projekt darin aufgenommen werden. Die Finnen sehen Eisbrecher als
Schlüssel für Europas Handlungsfähigkeit im Hohen Norden: Ohne sie
lassen sich Versorgung, Handel und militärische Präsenz in weiten
Teilen der Region trotz schwindenden Meereises nicht zuverlässig
sichern.

Kommt eine europäische Eisbrecher-Flotte?

Kommissionspräsidentin von der Leyen hat bereits vor Längerem
vorgeschlagen, höhere europäische Verteidigungsausgaben für eine
«europäische Eisbrecher-Flotte» beziehungsweise europäische
Eisbrecherfähigkeiten zu nutzen, die Kommission arbeitet zudem an
einem breiteren Paket für die Sicherheit der Arktis. Ein konkretes
Beschaffungsprogramm oder eine festgelegte Zahl neuer Schiffe gibt es
bislang allerdings nicht.

Anselm Küsters vom Centrum für Europäische Politik (cep) kommentiert

zum Gipfel: «Wenn die EU-Staats- und Regierungschefs in Rovaniemi
über die Arktis beraten, sollten sie den Blick von der Tagesordnung
auf die Werften Helsinkis richten. Europas Souveränität entscheidet
sich nicht unbedingt in teuren Chipfabriken und KI-Gigafactories, die
es auch andernorts gibt, sondern gerade bei unscheinbaren
Fähigkeiten, deren Ersatz Jahre dauern würde.» Küsters verweist
darauf, dass Finnland hier bereits über eine besondere
Schlüsselkompetenz verfüge: Dort heimische Unternehmen hätten rund 80

Prozent der Eisbrecher weltweit entworfen und rund 60 Prozent gebaut.

Russland militarisiert die Arktis

Aus der Gipfel-Delegation der EU-Außenbeauftragten Kaja Kallas heißt
es zu dem Spitzentreffen: «Die Sicherheit der Arktis ist europäische
Sicherheit, und Europa muss entsprechend handeln.» Der Klimawandel
bleibe eine zentrale Herausforderung und ein Kernelement der neuen
EU-Arktispolitik. Zugleich müsse sich Europa aber einer härteren
Sicherheitsrealität stellen, in der Russland die Arktis zunehmend
militarisiere und China seine Präsenz und Ambitionen ausweite.

Laut Tobias Etzold vom Experten-Netzwerk Forum Nordeuropäische
Politik dürfte es auch um eine Botschaft an Trump gehen. «Die EU will
gegenüber den USA ein Zeichen setzen, dass sie nicht untätig bleibt
und anderen das Feld überlässt, sondern ihre Interessen in der Region
wahrnimmt», sagte er.