, letzte Frage zu Hintergrund ergänzt) Für Kinder tabu: EU-Kommission will Social Media erst ab 13 Von Niklas Treppner, Ann-Kristin Wenzel und Jörg Ratzsch, dpa
16.09.2026 11:02
Schluss damit, dass Kinder am Handy daddeln? In Deutschland und dem
Rest der EU könnten soziale Netzwerke künftig erst ab dem Alter von
13 Jahren erlaubt sein. Was plant Brüssel?
Straßburg (dpa) - Die EU-Kommission will den Zugang zu sozialen
Netzwerken für Kinder unter 13 Jahren in Deutschland und anderen
Mitgliedsländern beschränken. «Keine sozialen Netzwerke unter dem
Alter von 13 Jahren. Kein eigenes Nutzerkonto unter dem Alter von 15
Jahren», sagte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen im
EU-Parlament in Straßburg. Auch für Deutschland ist das wichtig.
Worum es geht.
Heißt das, ein Social-Media-Verbot kommt?
Nein, das ist noch lange nicht beschlossene Sache. An diesem
Donnerstag will von der Leyen einen Gesetzestext mit den Details des
Vorschlags vorstellen. Anschließend müssen sich das EU-Parlament und
die Mitgliedsländer damit befassen. Bis es zu einer Einigung kommt
und ein Mindestalter tatsächlich eingeführt wird, könnten Monate oder
sogar Jahre vergehen.
Was schlägt die EU-Kommission vor?
Eigene Konten auf TikTok, Snapchat, Instagram und Co. sollen für
Kinder unter 13 Jahren nach von der Leyens Plänen komplett tabu sein.
Die großen Plattformen sehen schon jetzt in ihren
Geschäftsbedingungen ein Mindestalter von 13 Jahren vor. Die
Internetwächter in Brüssel kritisierten jedoch wiederholt, dass diese
Altersgrenze nicht richtig durchgesetzt werde. Das soll sich durch
die neuen Vorgaben ändern - die Plattformen sollen in die Pflicht
genommen werden.
Die Beweislast solle umgekehrt werden, sagte von der Leyen: «Die
Plattformen müssen beweisen, dass sie sicher sind. Es geht nämlich
nicht darum, dass unsere Minderjährigen auf soziale Medien zugreifen.
Es geht darum, wann und in welchem Ausmaß wir sozialen Medien den
Zugang zu Minderjährigen erlauben.»
Ab 13 Jahren dürfen Jugendliche künftig nach von der Leyens
Vorstellung etwas mehr: Dann sollen sie «Mini-Konten» nutzen dürfen,
die von den Eltern eingerichtet und beaufsichtigt werden, mit
begrenzten Funktionen und einer Beschränkung auf eine Stunde pro
Tag.
Jugendliche ab 15 Jahren sollen auch auf soziale Medien zugreifen
dürfen und eigene Konten haben können - falls das Design sicher ist.
Dies müssten die Plattformen dann nachweisen.
Was ist mit sicherem Design gemeint?
Die EU-Kommission versteht unter «safety by design» etwa, dass
Social-Media-Plattformen keine suchtfördernden Algorithmen haben und
Funktionen wie endloses Scrollen oder das automatische Abspielen von
Videos deaktiviert sind. Die Online-Angebote sollen demnach
Sicherheitsvorkehrungen zum Kinder- und Jugendschutz grundsätzlich
«verbaut» haben. Auch Beschränkungen für Bildschirmzeiten oder ande
re
Maßnahmen zum Kinder- und Jugendschutz zählen dazu.
Warum ist das für Deutschland wichtig?
Was die EU-Kommission vorhat, ist auch für die deutsche Debatte über
ein Social-Media-Verbot entscheidend. Denn die Brüsseler Behörde hat
in Teilen der Digitalpolitik ein Vorrecht. Deutschland darf zwar
grundsätzlich selbst der Bevölkerung vorschreiben, ab welchem Alter
Social Media erlaubt ist. Dann müssten Eltern kontrollieren, ob sich
ihre Kinder an die Regeln halten.
Sollen die großen Plattformen wie TikTok, Snapchat, Instagram und Co.
in die Verantwortung genommen werden, kann das aber nur die
EU-Kommission durchsetzen. Genau das wollen viele Politiker in
Mitgliedsländern der EU, sie wollen quasi den Plattformen die Rolle
der Türsteher geben. Doch nur die EU kann per Gesetz von den
Online-Riesen eine Alterskontrolle verlangen. Die Europäische
Kommission setzt die Digitalgesetze ihnen gegenüber durch.
Was plant die Bundesregierung?
Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) hat sich für ein
Social-Media-Verbot für Kinder unter 13 Jahren ausgesprochen. Sie
hatte eine Expertenkommission eingesetzt, die im Sommer umfangreiche
Vorschläge für einen besseren Kinder- und Jugendschutz in der
digitalen Welt vorlegte. Darin geht es etwa um die Option einer
«gesetzlichen Mindestaltersgrenze von 13 Jahren» für die
eigenständige Nutzung von Social-Media-Konten. Prien sprach sich
zudem für «abgestufte Schutzkonzepte» bei der Nutzung von TikTok,
Instagram und Co. für Jugendliche zwischen 13 und 18 Jahren aus.
Zuletzt hatte sie eingeschränkt, der Schlüssel liege «ein bisschen in
Brüssel». Es gebe Grenzen dessen, was man in Deutschland regeln
könne. Man müsse auf eine europäische Lösung drängen und gleichze
itig
Übergangslösungen für Deutschland in Gesetzesform gießen. Prien
kündigte Eckpunkte für Regelungen in Deutschland für Oktober an, ohne
zunächst weitere Details zu nennen.
Im Nachbarland Frankreich sind die Pläne bereits weiter
fortgeschritten. Dort ist ein Social-Media-Verbot für alle unter 15
Jahren geplant. Ein erster Gesetzesvorschlag war aus Sicht der
EU-Kommission nicht mit EU-Recht kompatibel, just am Montag reichte
Paris eine überarbeitete Fassung ein.
Wie soll das praktisch funktionieren?
Bei der technischen Umsetzung der Alterskontrolle dürfte auch eine
App der EU-Kommission eine große Rolle spielen. Die digitale
Brieftasche EUDI-Wallet soll Anfang 2027 auch in Deutschland
verfügbar sein. Darin soll es dann eine Möglichkeit der
Altersverifikation geben.
Vorgesehen ist, dass Nutzerinnen und Nutzer ein bestimmtes
Mindestalter nachweisen, ohne dabei persönliche Daten wie Name oder
Geburtsdatum zu speichern oder an die großen Online-Plattformen
weiterzugeben. Kommt das Gesetz wie geplant, müssten voraussichtlich
alle Nutzer beliebter Online-Angebote regelmäßig auf diese Weise ihr
Alter verifizieren.
Warum schlägt die EU-Kommission Einschränkungen vor?
Von der Leyen warnte in ihrer Rede vor den Folgen von Smartphones für
Kinder. Junge Europäer verbrächten mittlerweile vier bis sechs
Stunden am Tag vor Bildschirmen. «Kinder werden immer tiefer in Feeds
hineingezogen, die darauf ausgelegt sind, sie zum Weiterscrollen zu
verleiten. Was wir derzeit erleben, ist eine massive Vereinnahmung
unserer Kinder - eine Vereinnahmung ihrer Aufmerksamkeit, ihrer
Konzentration und ihres Geistes», sagte die Politikerin. «Das beraubt
Kinder ihrer Kindheit. Was unsere Kinder brauchen, ist Zeit.»
Auch Langeweile sei wichtig, damit Kinder ihre Fantasie nutzen und
mit anderen reden, diskutieren, sich eine Meinung bilden. «Doch wenn
ein Kind ein Smartphone hat, wird ihm all das genommen. Tag und Nacht
sehen Eltern die Folgen: Schlafmangel, Ängste, sogar
Selbstverletzung.» Sie erinnerte unter anderem auch an KI-generierte
sexualisierte Bilder.
Von der Leyen hatte eine Expertenkommission einberufen, die im Juli
empfahl, den Zugang zu Social Media für Kinder unter 13 Jahren in
allen Mitgliedsländern zu beschränken. Bis zu dieser Altersgrenze
sollten Kinder soziale Medien und andere digitale Dienste nur unter
Aufsicht der Eltern oder in einem pädagogischen Kontext sowie
zeitlich begrenzt nutzen, so die Empfehlung. Ab 13 sollten
Jugendliche dann zunehmend selbstständig Zugang zu
altersentsprechenden Social-Media-Angeboten haben.
