Kanada ist offen für Idee einer EU-Sondermitgliedschaft Von Ansgar Haase und Ann-Kristin Wenzel, dpa

17.09.2026 12:34

Wird Kanada das «erste assoziierte Mitglied» der EU? In einer Rede
vor dem Europäischen Parlament bezieht nun erstmals Premier Carney
vor großem Publikum Stellung.

Straßburg (dpa) - Kanada ist offen für die Idee einer Art
EU-Sondermitgliedschaft. «Wir begrüßen diesen Vorstoß», sagte
Premierminister Mark Carney in einer Rede vor dem Europäischen
Parlament in Straßburg. Umfragen zeigten, dass eine überwältigende
Mehrheit der Kanadierinnen und Kanadier deutlich engere Beziehungen
unterstützten. «Europa und Kanada sind jeweils für sich stark.
Gemeinsam sind sie noch stärker», sagte er.

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hatte am Mittwoch in
ihrer diesjährigen Rede zur Lage der Union dafür geworben, Kanada zum
ersten «assoziierten Mitglied» der Europäischen Union zu machen. Als

konkrete Bereiche für eine mögliche noch engere Zusammenarbeit nannte
von der Leyen Technologiefragen, die Produktion von Rüstungsgütern
sowie die Künstliche Intelligenz und die Arktispolitik. Wie die
geplante assoziierte EU-Mitgliedschaft konkret gestaltet werden soll,
erklärte sie allerdings zunächst nicht.

Carney: Es geht nicht um Großmacht-Rivalität

Carney sagte nun, Kanada und Europa sollten ihre strategische
Autonomie durch eine enge Zusammenarbeit über das gesamte Spektrum
strategischer Fähigkeiten hinweg sichern. «Wir wollen
widerstandsfähiger werden, damit niemand unsere offenen Märkte
kontrollieren, unsere Souveränität beeinträchtigen, unsere
territoriale Unversehrtheit bedrohen oder unsere Freiheiten, unsere
Demokratien und unsere Rechtsstaatlichkeit untergraben kann»,
erklärte er.

Carney betonte, es gehe nicht darum, einen dritten Block zu schaffen,
der zu einem Rivalen der Großmächte werden solle. Man strebe nicht
nach Macht, um andere zu beherrschen.

Zahlreiche EU-Abgeordnete standen nach seiner Rede auf und
klatschten. Vor allem Abgeordnete aus dem rechten Spektrum des
Parlaments blieben hier wie am Vortag bei von der Leyens Ankündigung
leise.

Trump drohte EU

US-Präsident Donald Trump hatte zuvor auf den Vorschlag von der
Leyens mit einer Drohung reagiert. «Ich halte das für lächerlich»,

sagte er auf den Vorschlag angesprochen. Falls er es als
«feindseligen Akt» empfinden sollte, würde er hohe Zölle verhänge
n
oder den Handel mit Europa in vielen Bereichen einstellen, warnte
Trump vor Reportern. 

Er sagte allerdings auch, dass es in Ordnung sei, falls die Absicht
gut sei - ohne genauer zu erläutern, woran er das festmachen würde.
Zu Kanada sagte er nur, das Nachbarland sei zuletzt ein
«schrecklicher Handelspartner» gewesen.

Die USA und Kanada befinden sich aktuell in einem festgefahrenen
Handelsstreit, der zuletzt wieder eskaliert war. Im Zollkonflikt mit
der EU hatten sich die Vereinigten Staaten vor mehr als einem Jahr
auf ein Zollabkommen geeinigt.

EU-Kommission: Gegen niemanden gerichtet

Ein Sprecher der EU-Kommission erklärte am Donnerstag: «Wie unsere
Präsidentin gestern klargemacht hat, richtet sich die vorgeschlagene
Stärkung unserer Partnerschaft mit Kanada gegen niemanden. Sie soll
vielmehr unsere gemeinsame Stärke fördern.»

Bundeskanzler Friedrich Merz hatte einen ähnlichen Vorschlag zuletzt
bereits für die Ukraine gemacht. Nach den Vorstellungen von Merz
könnte eine assoziierte Mitgliedschaft die Teilnahme der Ukraine an
EU-Gipfeln und Ministerräten ermöglichen - allerdings ohne
Stimmrecht. Als denkbar für die Ukraine nannte er zudem eine Rolle
als assoziiertes Mitglied der EU-Kommission ohne Geschäftsbereich und
ohne Stimmrecht, assoziierte Abgeordnete im Europäischen Parlament
sowie einen assoziierten Richter am Europäischen Gerichtshof.

Kanada kann nicht reguläres EU-Mitglied werden

Eine reguläre EU-Mitgliedschaft Kanadas ist nach den geltenden
Verträgen nicht möglich. Nach Artikel 49 des EU-Vertrags können nur
europäische Staaten der Union beitreten.

Als ein Hintergrund von Kanadas Wunsch nach einer engeren Bindung an
die EU gilt der immer weiter eskalierende Streit mit dem mächtigen
Nachbarland USA. Die USA haben jüngst Zölle von bis zu 50 Prozent auf
eine lange Liste kanadischer Produkte verhängt. Kanada hat darauf mit
Gegenzöllen reagiert. Carney selbst hat für seinen Kurs gegenüber der

Regierung von US-Präsident Trump in Kanada großen Rückhalt erhalten -

auch wenn der Streit die Wirtschaft auf die Probe stellt.

Die USA sind mit Abstand Kanadas wichtigster Handelspartner. Aus
dieser Abhängigkeit will sich Carney nun zumindest teilweise lösen
und die Handelsbeziehungen seines Landes breiter aufstellen. Erste
Verschiebungen sind bereits sichtbar: 2025 gingen Kanadas Exporte in
die USA um 3,7 Prozent zurück, während die Ausfuhren in andere Länder

um 11,1 Prozent zunahmen. Der Anteil der Nicht-US-Märkte an den
kanadischen Exporten stieg damit auf den höchsten Stand seit mehr als
vier Jahrzehnten, wie das kanadische Statistikamt mitteilte.

Handelsabkommen noch immer nicht endgültig in Kraft

Mit der EU ist Kanada derzeit vor allem über das Freihandelsabkommen
Ceta eng verbunden. Dieses wird seit 2017 vorläufig angewendet, ist
aber noch immer nicht endgültig in Kraft, weil zehn Mitgliedstaaten
wie Belgien, Frankreich und Irland es bis heute nicht ratifiziert
haben. Auch deswegen gilt es als äußerst ungewiss, ob die Idee für
eine assoziierte EU-Mitgliedschaft Kanadas umgesetzt werden kann.