Trotz Trump-Drohung: Kanada geht auf Vorstoß aus EU ein Von Ansgar Haase und Ann-Kristin Wenzel, dpa
17.09.2026 16:24
Wird Kanada das «erste assoziierte Mitglied» der EU? In einer Rede
vor dem Europäischen Parlament bezieht nun erstmals Premier Carney
vor großem Publikum Stellung - und sorgt für Begeisterung.
Straßburg (dpa) - Kanada ist trotz neuer Drohungen von US-Präsident
Donald Trump offen für die Idee einer Art EU-Sondermitgliedschaft.
«Wir begrüßen diesen Vorstoß», sagte Premierminister Mark Carney
in
einer Rede vor dem Europäischen Parlament in Straßburg. Umfragen
zeigten, dass eine überwältigende Mehrheit der Kanadierinnen und
Kanadier deutlich engere Beziehungen unterstütze. «Europa und Kanada
sind jeweils für sich stark. Gemeinsam sind sie noch stärker», sagte
er.
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hatte am Mittwoch in
ihrer diesjährigen Rede zur Lage der Union dafür geworben, Kanada zum
ersten «assoziierten Mitglied» der Europäischen Union zu machen. Als
konkrete Bereiche für eine mögliche noch engere Zusammenarbeit nannte
sie Technologiefragen, die Produktion von Rüstungsgütern sowie die
Künstliche Intelligenz und die Arktispolitik. Wie die geplante
assoziierte EU-Mitgliedschaft konkret gestaltet werden soll, erklärte
von der Leyen allerdings zunächst nicht.
Trump: Lächerliches Projekt
US-Präsident Donald Trump bezeichnete das Projekt als lächerlich. Für
den Fall, dass es als «feindseliger Akt» US-Interessen schaden
sollte, drohte er mit Konsequenzen. Er würde dann hohe Zölle
verhängen oder den Handel mit Europa in vielen Bereichen einstellen,
warnte Trump vor Reportern.
Er sagte allerdings auch, dass es in Ordnung sei, falls die Absicht
gut sei - ohne genauer zu erläutern, woran er das festmachen würde.
Zu Kanada sagte er nur, das Nachbarland sei zuletzt ein
«schrecklicher Handelspartner» gewesen.
Carney: Es geht nicht um Großmacht-Rivalität
Carney sagte zu dem Thema in seiner Rede, es gehe nicht darum, einen
dritten Block zu schaffen, der zu einem Rivalen der Großmächte werden
solle. Man strebe nicht nach Macht, um andere zu beherrschen.
Seinen Worten zufolge geht es stattdessen darum, die strategische
Autonomie Kanadas und Europas zu sichern. «Wir wollen
widerstandsfähiger werden, damit niemand unsere offenen Märkte
kontrollieren, unsere Souveränität beeinträchtigen, unsere
territoriale Unversehrtheit bedrohen oder unsere Freiheiten, unsere
Demokratien und unsere Rechtsstaatlichkeit untergraben kann»,
erklärte er.
Als Felder für eine noch engere Zusammenarbeit mit der EU nannte er
kritische Rohstoffe, die Verteidigungsindustrie, Künstliche
Intelligenz, Energie, Raumfahrt, Zahlungssysteme, Handel, Bildung,
Forschung und Finanzdienstleistungen.
Zahlreiche EU-Abgeordnete standen nach Carneys Rede auf und
klatschten. Vor allem Abgeordnete aus dem rechten Spektrum des
Parlaments blieben allerdings wie am Vortag bei von der Leyens
Ankündigung leise.
Carney: Plan ist auch für die USA gut
Auf Trumps Drohung angesprochen, sagte Carney im Anschluss vor
Reportern, der Plan sei keine Reaktion auf etwas, sondern der Wunsch,
etwas Positives für die Zukunft zu verändern. Seine Antwort an Trump
sei: «Ein Bündnis ist ein positiver Prozess.» Ein stärkeres,
widerstandsfähigeres und souveräneres Kanada werde auch ein besserer
Partner für die USA sein. «Das Bündnis zwischen Kanada und Europa
definiert sich nicht darüber, wogegen wir sind, sondern darüber,
wofür wir stehen», wurde er in einer Mitteilung seines Büros zitiert.
«Ein Bündnis, das stark genug ist, damit niemand uns vorschreiben
kann, welche Entscheidungen wir treffen.»
Carney nutzte vor allem den Begriff «Allianz für die Zukunft», den
Ursula von der Leyen ebenfalls in ihrer Rede verwendet hatte. Darauf
angesprochen, sagte er, welchen Namen Europa verwende, sei eine
Entscheidung der Europäer. Ausschlaggebend sei der Inhalt. Ein
vollwertiges EU-Mitglied könne Kanada nicht werden und dies wolle es
auch nicht. Carney spielte damit darauf an, dass nach Artikel 49 des
EU-Vertrags nur europäische Staaten der Union beitreten können. Aus
seiner Sicht soll die neue Allianz auch offen für andere Staaten
sein.
Als ein Hintergrund von Kanadas Wunsch nach einer engeren Bindung an
die EU gilt der immer weiter eskalierende Streit mit dem mächtigen
Nachbarland USA. Die USA haben jüngst Zölle von bis zu 50 Prozent auf
eine lange Liste kanadischer Produkte verhängt. Kanada hat darauf mit
Gegenzöllen reagiert. Carney selbst hat für seinen Kurs gegenüber der
Regierung von US-Präsident Trump in Kanada großen Rückhalt erhalten -
auch wenn der Streit die Wirtschaft auf die Probe stellt.
Handelsabkommen noch immer nicht endgültig in Kraft
Mit der EU ist Kanada derzeit vor allem über das Freihandelsabkommen
Ceta eng verbunden. Dieses wird seit 2017 vorläufig angewendet, ist
aber noch immer nicht endgültig in Kraft, weil zehn Mitgliedstaaten
wie Belgien, Frankreich und Irland es bis heute nicht ratifiziert
haben. Auch deswegen gilt es als äußerst ungewiss, ob die Idee für
eine assoziierte EU-Mitgliedschaft Kanadas umgesetzt werden kann.
Vollkommen unklar ist auch noch, wie die Partnerschaftspläne
praktisch ausgestaltet werden sollen. Bundeskanzler Friedrich Merz
hatte einen ähnlichen Vorschlag jüngst für die Ukraine gemacht. Nach
den Vorstellungen von Merz könnte eine assoziierte Mitgliedschaft die
Teilnahme der Ukraine an EU-Gipfeln und Ministerräten ermöglichen -
allerdings ohne Stimmrecht. Als denkbar für die Ukraine nannte er
zudem eine Rolle als assoziiertes Mitglied der EU-Kommission ohne
Geschäftsbereich ohne Stimmrecht sowie stimmrechtslose assoziierte
Abgeordnete im Europäischen Parlament.
