Europas Währungshüter digitalisieren Wertpapierhandel
21.09.2026 12:00
Die EZB macht den Wertpapierhandel fit für das Digitalzeitalter. Über
ein neues System können Banken digitale Vermögenswerte künftig direkt
in risikofreiem Zentralbank-Euro abrechnen.
Frankfurt/Main (dpa) - Die Europäische Zentralbank (EZB) und die
nationalen Notenbanken des Euroraums wagen einen bedeutenden Schritt
in die digitale Finanzzukunft. Mit dem Start der neuen Plattform
namens «Pontes» ermöglicht das Eurosystem Finanzinstituten künftig,
digitale Wertpapiere direkt mit sicherem Zentralbankgeld zu
verrechnen. Gleichzeitig kündigte die EZB an, künftig selbst einen
Teil ihrer eigenen Finanzmittel in solche neuartigen Papiere
anzulegen, um die Technologie in der Praxis zu erproben.
Schnellere Geschäfte durch Tokenisierung
Bislang beruht der traditionelle Wertpapierhandel auf einer Kette von
Zwischenstationen: Wer Anleihen oder Aktien kauft, durchläuft
getrennte Prozesse von der Börse über Clearingstellen bis hin zur
Verwahrung bei Spezialbanken. Durch die sogenannte Tokenisierung -
bei der Vermögenswerte in Form digitaler Token auf Basis moderner
Blockchain-Technologie (Distributed Ledger Technology, DLT) erfasst
werden - lassen sich diese Schritte in einem einzigen,
automatisierten Vorgang bündeln.
Diese dezentrale Datenbank-Technologie ist der breiten Öffentlichkeit
bislang vor allem als technisches Fundament von Kryptowährungen wie
Bitcoin bekannt. Sie findet nun aber zunehmend Einzug in die
regulierte Finanzwelt. Das spart Zeit, verringert Kosten und senkt
Risiken im Großkundengeschäft.
Zentralbankgeld als risikofreies Fundament
Allerdings fehlte auf diesen modernen Plattformen bislang ein
zentraler Baustein: ein vollkommen sicheres und stabiles
Zahlungsmittel. Genau hier setzt «Pontes» an, dessen Name sich vom
lateinischen Wort für «Brücken» ableitet. Die Plattform fungiert al
s
Verbindung zwischen der Welt der Blockchain-Netzwerke und dem
klassischen Zentralbankgeld, das als risikofrei gilt. EZB-Präsidentin
Christine Lagarde betonte, das Eurosystem arbeite daran, den
europäischen Finanzmarkt im digitalen Zeitalter integrierter,
innovativer und krisenfester aufzustellen. Nach Angaben von
EZB-Direktoriumsmitglied Piero Cipollone bringt «Pontes» die
notwendige Stabilität und das Vertrauen in die tokenisierte
Finanzwelt, um dieser zum Durchbruch zu verhelfen.
Großbanken von Beginn an mit an Bord
Zum Start steht «Pontes» zunächst mit grundlegenden Funktionen
bereit; bis 2028 soll das System schrittweise ausgebaut werden. Das
Interesse aus der Finanzbranche ist bereits groß: Eine erste Gruppe
führender Banken - darunter Institute wie die Deutsche Bank, die
BayernLB, die DZ Bank sowie Förderbanken wie die KfW und die
Europäische Investitionsbank - sowie Betreiber von DLT-Netzwerken
haben sich der Plattform schon angeschlossen oder Vorbereitungen
dafür abgeschlossen.
Notenbank investiert eigenes Geld
Um die Praxistauglichkeit nicht nur von außen zu begleiten, will die
EZB zudem selbst als Anlegerin aktiv werden. Die Notenbank bereitet
vor, einen kleinen Teil ihres sogenannten Eigenmittelportfolios - aus
dem unter anderem laufende Betriebsausgaben bestritten werden - in
tokenisierte Wertpapiere zu investieren. Die Notenbank will damit aus
erster Hand Erfahrungen über den gesamten Lebenszyklus digitaler
Wertpapiere sammeln und ein deutliches Signal für den Finanzstandort
Europa setzen.
