Exit vom Brexit? Wie realistisch ein EU-Wiedereintritt ist Von Patricia Bartos, Ann-Kristin Wenzel und Christoph Meyer, dpa

01.10.2026 14:37

Auch Jahre nach dem Austritt der Briten aus der EU polarisiert der
Brexit. Premierminister Burnham wagt nun einen Vorstoß in Richtung
Rückkehr. Davon ist Großbritannien allerdings weit entfernt.

London/Brüssel (dpa) - Als erster britischer Premierminister seit dem
Votum für einen EU-Austritt vor zehn Jahren hat es Andy Burnham
gewagt, die Möglichkeit einer britischen Rückkehr in die Union zu
thematisieren. Der Labour-Politiker spricht damit etwas aus, was -
zumindest theoretisch - bei den Briten schon lange mehrheitsfähig
ist. In Umfragen liegen die proeuropäischen Wähler seit Jahren vor
den Brexit-Befürwortern. Doch die Umsetzung eines Projekts zum
Wiedereintritt dürfte nicht nur alte Wunden wieder aufreißen. Ein
Überblick:

Wie realistisch ist der Exit vom Brexit?

Noch ist Burnhams sehr vorsichtiger Vorstoß weit davon entfernt,
Realität zu werden. Bei dem noch in diesem Jahr anstehenden
EU-UK-Gipfel will der Labour-Politiker erst einmal darlegen, welche
Möglichkeiten es seiner Meinung nach für Großbritanniens langfristige

Beziehung zu den europäischen Partnern gibt. «Wir müssen schauen, was

machbar ist und was jeweils die Vor- und Nachteile wären», sagte der
Labour-Politiker.

Dabei dürfte sich der als volksnah geltende Burnham vor allem auch an
der Haltung der Wählerinnen und Wähler orientieren wollen. Sollten
die Briten den Status quo beibehalten wollen, wäre auch das
«definitiv eine Option», wie er versicherte. Der «Guardian»
berichtete zudem, Regierungsbeamte hätten sich an
Meinungsforschungsinstitute und Denkfabriken gewandt, um die
öffentliche Meinung zu ermitteln.

Ein Wiedereintritt Großbritanniens in die EU wäre ein aufwendiger,
jahrelanger Prozess. Ein Sonderverfahren für Ex-Mitglieder ist in den
Verträgen nicht vorgesehen, die Briten müssten einen regulären Antrag

stellen. Sonderabsprachen, die Großbritannien früher als EU-Mitglied
etwa zum Schengen-Raum und dem Euro hatte, würden nicht automatisch
wieder gelten. Am Ende der Verhandlungen stünde ein Vertrag, dem alle
Mitgliedstaaten, EU-Institutionen und London zustimmen und den sie
ratifizieren müssten.

Wie geht es Großbritannien seit dem Brexit?

Politisches Chaos, angeschlagene Wirtschaft und eine Spaltung der
Gesellschaft in «Remainer» und «Leaver»: Auch wenn nicht alles auf

den Brexit zurückzuführen ist, kommt das Land seit 2016 nicht aus dem
Krisenmodus. Sieben Premierministerinnen und Premierminister gaben
sich seitdem die Klinke in die Hand. Reformen blieben auf der
Strecke.

Auch Brexit-Versprechen wie eine bessere Kontrolle über die Grenzen
erfüllten sich nicht - mit dem Austritt gingen die Einwandererzahlen
steil nach oben. Erst mit dem Brexit begannen die Überfahrten
Zehntausender irregulärer Migranten über den Ärmelkanal. Ausgerechnet

Brexit-Vorkämpfer Nigel Farage geht nun mit seiner Warnung vor den
«small boat migrants» auf Stimmenfang.

Wie sind die Beziehungen aktuell?

Großbritannien und die EU sind sich wieder ein gutes Stück
nähergekommen - auch angesichts der Weltlage mit den unter Präsident
Donald Trump unzuverlässiger gewordenen USA und Russlands
Angriffskrieg auf die Ukraine. Die Partner arbeiten zum Beispiel zu
Sicherheit und Verteidigung enger zusammen, etwa bei der
Unterstützung der Ukraine. Ab 2027 können Studenten vom europäischen

Festland wieder über Erasmus+ an britischen Unis studieren und
umgekehrt. 

Wie reagiert die EU auf Burnhams Vorstoß?

Ein Sprecher der EU-Kommission teilte auf Anfrage mit, das Vereinigte
Königreich sei «ein enger und geschätzter Partner der Europäischen

Union». «Es ist Sache der britischen Regierung, darzulegen, wie sie
ihre Beziehungen zur EU künftig gestalten möchte. Wir sind weiterhin
offen für einen Dialog über die Optionen, die sie möglicherweise
vorschlagen wird.»

Was sagen die britischen Parteien?

Für die beiden traditionellen Volksparteien Konservative und Labour
war die Idee eines Wiedereintritts lange ein Tabuthema. Zu viele
Stammwähler hatten sich für den Austritt ausgesprochen. Doch die
Wählerschaft hat sich seitdem stark verändert.

Der Premier dürfte mit seiner Äußerung daher nicht zuletzt auch die
Wähler der Liberaldemokraten im Blick haben. Die Liberalen sprechen
sich dafür aus, den Brexit zumindest langfristig rückgängig zu machen

und dürften damit sowohl von Burnhams Sozialdemokraten als auch von
den Konservativen Stimmen im Lager der Akademiker abgeworben haben. 

Dankbar für den Tabubruch bei Labour dürfte die rechtspopulistische
Reform-Partei von Nigel Farage sein. Deren Vorgängerorganisationen
Brexit-Partei und Ukip (UK Independence Party) waren mit ihrem
Wahlkampf maßgeblich daran beteiligt, dass es überhaupt zum
Referendum und später zu einem harten Brexit mit Austritt aus dem
Binnenmarkt und der Zollunion kam. Farage spricht bereits vom
«Brexit-Verrat». Sollte er je Premier werden, dürfte das Pendel
wieder in die andere Richtung schwingen.

Was sagt die Wirtschaft?

Die genauen Auswirkungen des Brexits auf die britische Wirtschaft
sind mittlerweile unmöglich festzustellen. Viel zu sehr haben
Großereignisse wie die Pandemie, der Ukraine-Krieg und andere Krisen
die ökonomische Entwicklung seither beeinflusst. Gegner eines
Wiedereintritts verweisen auch gerne darauf, dass Großbritanniens
Bruttoinlandsprodukt seit dem Brexit erheblich stärker gewachsen ist
als das Deutschlands, wenn auch nicht im Verhältnis zur gesamten EU.
Unstrittig ist jedoch, dass der Handel zwischen Großbritannien und
dem Kontinent mit dem Austritt deutlich zurückgegangen ist.

York-Alexander von Massenbach von der Britischen Handelskammer in
Deutschland (BCCG) warnt vor zu hohen Erwartungen nach Burnhams
Äußerungen. «Eine weitere Annäherung an die EU, zum Beispiel ein
möglicher Eintritt in die Zollunion, was auch der schwächelnden
Wirtschaft im Vereinigten Königreich helfen würde, halte ich dagegen
für möglich und sogar für zunehmend wahrscheinlich», teilte von
Massenbach auf dpa-Anfrage mit.