G7-Staaten wollen 100 Millionen Barrel Öl aus Reserven
02.10.2026 18:47
Wegen weltweit steigender Kraftstoffpreise wollen Staats- und
Regierungschefs von Industrienationen Ölreserven nutzen. Das soll die
angespannte Marktlage entspannen.
Paris (dpa) - Deutschland und die übrigen G7-Staaten dringen
angesichts der steigenden Kraftstoffpreise auf eine Nutzung von
Ölnotreserven. Ab sofort und über vier Monate sollten 100 Millionen
Barrel Rohöl und Diesel der im März beschlossenen Freigabe unter
Koordination der Internationalen Energieagentur (IEA) tatsächlich
freigegeben werden, hieß es in einem gemeinsamen Schreiben der Gruppe
demokratischer Industrienationen. Zuvor hatten sich die G7 in einer
Videoschalte beraten, auch Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) nahm
teil.
Die G7, zu denen neben Deutschland auch Frankreich, Großbritannien,
Italien, die USA, Japan und Kanada gehören, kündigten zudem an, in
den kommenden Tagen im Rahmen der IEA die Möglichkeit zusätzlicher
Diesel-Freigaben zu erörtern. In der Stellungnahme schreiben sie von
einer «beispiellosen Volatilität auf den Ölmärkten». 100 Millione
n
Barrel entsprechen in etwa der Nachfrage an Rohöl, von der die IEA
weltweit pro Tag ausgeht.
Maßnahmen sollen Preise senken
Die grundsätzliche Entscheidung über eine Freigabe von Reserven liegt
bei der IEA mit ihren 32 Mitgliedsländern. IEA-Chef Fatih Birol
unterstrich auf X die Bereitschaft der Organisation, zu unterstützen.
Die IEA hatte zuletzt im März als Reaktion auf den Iran-Krieg eine
Rekordmenge von 400 Millionen Barrel Rohöl strategischer Ölreserven
freigegeben. Wegen der weltweit steigenden Preise, vor allem für
Diesel, kam die Frage erneut auf.
US-Finanzminister Scott Bessent schrieb am Donnerstag auf der
Plattform X, Europa solle «zusätzliche Liefermengen unverzüglich
bereitstellen». Im Anschluss an die Videoschalte schrieb US-Präsident
Donald Trump auf der Plattform Truth Social, dass Europa der Freigabe
einer großen Menge seiner Dieselvorräte zugestimmt habe.
Aus deutschen Regierungskreisen hieß es, der G7-Beschluss mit der
vorgesehenen Öl-Freigabe sei ein substanzieller Impuls, um die
Versorgungslage und das Marktgeschehen zu stabilisieren.
Der französische Präsident Emmanuel Macron, unter dessen Vorsitz die
Videoschalte stattfand, sagte, er hoffe, dass die Maßnahmen zu einem
Rückgang der Preise auf den Weltmärkten führen. Außerdem wollten di
e
G7-Länder sich dabei koordinieren, die Margen der Raffinerien und
Transportkosten zu senken. «Anschließend werden wir sehr darauf
achten, dass sich dies so schnell wie möglich an der Tankstelle
niederschlägt», so Frankreichs Staatschef. Er betonte zudem, dass die
Preise auch aufgrund von Spekulationen gestiegen seien, insbesondere
von Gerüchten über ein Exportverbot.
Diesel-Exportverbot der USA vorerst vom Tisch
In der Vorwoche hatte Trump angekündigt, einen Exportstopp für Diesel
zu prüfen. Eine Unterbrechung der Ausfuhren könnte auch einen kleinen
Effekt auf die Spritpreise in den USA haben, so Trump. Die Folgen
eines solchen Schritts könnten auch in Europa spürbar sein: Nach dem
Nahen Osten waren die Vereinigten Staaten in den vergangenen Jahren
Europas wichtigster Lieferant von Diesel.
In der gemeinsamen Erklärung nach dem Gespräch unter den sieben
Industrienationen hieß es nun: «Wir bekräftigen unsere Verpflichtung,
auf Exportbeschränkungen für Energie und Energieprodukte zwischen den
G7-Staaten zu verzichten». EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der
Leyen begrüßte diese Entscheidung auf der Plattform X. Europas Bürger
bräuchten und verdienten bezahlbare Energie. «Als G7 werden wir uns
eng abstimmen, um dieses Ziel zu erreichen.»
IEA-Länder haben erst sechsmal gemeinsam Reserven angezapft
Um auf Krisen vorbereitet zu sein, müssen alle 32-IEA-Mitglieder von
Österreich bis Südkorea Notreserven anlegen. Insgesamt verfügen sie
über Reserven in Höhe von 1,2 Milliarden Barrel (je 159 Liter) und
600 Millionen Barrel an Industrievorräten. Dass zu einer gemeinsamen
Freigabe von Reserven gegriffen wird, ist selten. Von der
kurzfristigen Aktivierung zusätzlicher Produktionskapazitäten hin zur
Aussetzung von Qualitätsstandards listet die IEA etliche weitere
Maßnahmen, um auf Engpässe zu reagieren.
Seit Gründung der IEA Mitte der 1970er Jahre als Reaktion auf die
damalige Ölkrise wurden sechsmal in koordinierter Weise Reserven
freigegeben. Anlass waren der Golfkrieg 1990/91, die von den
Hurrikans «Katrina» und «Rita» 2005 angerichteten Schäden in den
USA
sowie der Ausfall libyscher Ölexporte im Jahr 2011. 2022 wurden wegen
des Ukraine-Kriegs nationale Ölreserven freigegeben und das gleich
zweimal. Im März folgte dann die Rekordfreigabe wegen des
Iran-Kriegs.
Auch in Deutschland lagern große Ölreserven
Auch Deutschland hält strategische Ölreserven, um
Versorgungsstörungen auszugleichen. Mit diesen sogenannten
strategischen Ölvorräten könnte laut Bundeswirtschaftsministerium f
ür
drei Monate ein vollständiger Ausfall aller Importe ausgeglichen
werden. Verantwortlich ist der Erdölbevorratungsverband (EBV), der
Rohöl und Mineralölerzeugnisse (Benzin, Diesel, Kerosin) lagert. Die
Vorräte an Erdölerzeugnissen sind den Angaben zufolge über ganz
Deutschland verteilt.
