«Worauf wartet ihr noch?»: Der Kampf gegen digitale Gewalt Von Mareike Graepel, dpa

08.10.2026 09:10

Nicole nahm sich wegen Cybermobbings das Leben - ihre Mutter Jackie
erkämpfte deshalb ein neues Gesetz. Nun will die Irin «Coco's Law»
nach Europa bringen. Eine Studie zeigt, warum das Thema drängt.

Dublin (dpa) - «Sie haben ihr jeden Tag gesagt, sie solle sterben,
geh dich aufhängen.» Die Frau mit dem langen weißen Haar, der dunklen

Brille, im schwarzen Blazer und heller Bluse, schaut in das Rund des
Europäischen Parlament in Straßburg, ihre Stimme ist fest. «Ich
musste Nicole verlieren, damit andere Menschen leben können», sagt
sie. 

Jackie Fox kommt aus Dublin und hat im März vor den EU-Abgeordneten
über ein irisches Gesetz gesprochen - und damit über ihre Tochter.
Nicole, genannt Coco, starb 2018 durch Suizid. In den dreieinhalb
Jahren davor war die junge Frau körperlich misshandelt und im
Internet gemobbt worden. In einem langen Kampf und unter hohem
emotionalem Druck setzte ihre Mutter ein Gesetz durch, das verhindern
soll, das andere ähnlich leiden: «Coco's Law» ist seit 2021 Teil des

irischen Strafrechts.

Wie aktuell das Problem ist, zeigen Nachrichten, Statistiken und
Meldungen über digitale Gewalt. Viele Tausende Fälle pro Tag allein
im deutschsprachigen Raum, weltweit sind es Millionen. Eine
repräsentative Umfrage im Auftrag des Deutschen Frauenrats unter
1.380 Frauen zwischen 18 und 74 Jahren zu digitaler und KI-gestützter
sexualisierter Gewalt verdeutlicht den Eindruck: Zwei Drittel
verändern aus Sorge vor digitaler Gewalt ihr Verhalten im Internet.
Sie teilen weniger Bilder, verzichten auf Online-Aktivitäten oder
ziehen sich ganz aus digitalen Räumen zurück. Der Deutsche Frauenrat
bezeichnet das ausdrücklich als Demokratieproblem, in dem Menschen
aus öffentlichen Debatten verdrängt werden.

Wie kann ein Gesetz helfen?

Jackie Fox kennt die schlimmstmöglichen Folgen aus der persönlichsten
aller Perspektiven, tiefster Trauer. Nach Nicoles Tod habe sie kaum
gewusst, wie sie weiterleben sollte, erzählte sie im Gespräch mit der
Deutschen Presse-Agentur. «Ich brauchte einen Fokus. Ich brauchte
einen Plan. Ich brauchte etwas, das mich aus dem Bett holt», sagte
sie. Eines Nachts sei sie aufgewacht und habe beschlossen, etwas zu
ändern und für ein Gesetz zu kämpfen, das Online-Mobbing strafbar
macht. In der nächsten Sekunde habe sie sich gefragt: «Aber wie soll
ich das überhaupt schaffen?»

Fox ist keine Juristin, keine Politikerin und sprach früher nicht
einmal gern vor anderen Menschen. Trotzdem ging sie ins irische
Parlament, suchte Gespräche mit Abgeordneten, protestierte vor
Regierungsgebäuden und organisierte Demonstrationen.

Ganz bei null musste sie dabei nicht anfangen. Der Labour-Politiker
Brendan Howlin hatte bereits 2017 einen Gesetzentwurf zu schädlicher
Online-Kommunikation ins Parlament eingebracht, kam damit aber kaum
voran. Erst der Fall Coco Fox gab dem abstrakten Problem ein Gesicht,
die trauernde Mutter erhöhte den politischen Druck. Den Abgeordneten
sagte sie: «Ich werde die größte Nervensäge sein, die ihr je
getroffen habt. Ich werde nicht aufgeben.»

Ein Gesetz, das für Nicole zu spät kam

2020 wurde der «Harassment, Harmful Communications and Related
Offences Act» verabschiedet. Bekannt ist er in Irland als «Coco's
Law». Das Gesetz stellt unter anderem das nicht einvernehmliche
Verbreiten intimer Bilder sowie die Drohung damit unter Strafe und
erfasst bestimmte Formen schädigender Kommunikation. Bis jetzt gab es
über 240 Strafverfahren nach «Coco's Law».

Für Fox war der Erfolg dennoch kein Happy End. Die Verabschiedung des
Gesetzes sei «der bittersüßeste Moment meines Lebens» gewesen, sagt
e
sie. «Ich musste meine Tochter verlieren, damit andere davon
profitieren konnten. Ich wünschte, ich hätte kein Gesetz einbringen
müssen. Es hätte schon eins geben müssen. Eins, das Nicole und andere

Menschen schützt.»

Heute versucht sie auch deshalb, früher anzusetzen. Fox reist durch
Irland und spricht in Schulen und Jugendzentren. Sie erzählt
Jugendlichen zunächst von Nicole - wie lustig sie war - und von ihrer
Familie. Erst dann erzählt sie von der Gewalt im Netz und im realen
Leben und warum ihre Tochter nicht mehr lebt. «Ich beschönige da
nichts», sagt Fox. Sie will zeigen, welche Folgen ein vermeintlicher
Witz, eine Nachricht oder ein weitergeschicktes Bild haben kann, die
beim Klick auf «Senden» niemand sieht.

Kampf auf EU-Ebene

Und Irland allein reicht Jackie Fox nicht. Deswegen sprach sie im
Europäischen Parlament in Straßburg: «Ich möchte, dass es sowas wie

«Coco's Law» europaweit gibt», sagte sie im dpa-Gespräch. «Diese

schlimmen Dinge passieren doch überall.»

Ihre Forderung blieb im EU-Parlament nicht folgenlos. Inzwischen
verabschiedeten die Abgeordneten eine gemeinsame Position zu
Cybermobbing und Online-Belästigung, in der ausdrücklich auf das
irische «Coco's Law» verwiesen wird. In der vorausgehenden Debatte
griffen mehrere Abgeordnete auch Jackie Fox' Rede und die Geschichte
ihrer Tochter direkt auf. Das Parlament fordert einen besser
abgestimmten europäischen Ansatz und eine gemeinsame Definition von
Cybermobbing. Denn bislang gibt es trotz verschiedener EU-Regeln kein
einheitliches europäisches Anti-Cybermobbing-Gesetz.

Die aktuellen Zahlen des Deutschen Frauenrats zeigen, warum das weit
über einzelne dramatische Fälle hinausgeht. Jackie Fox zeigt, dass
digitale Gewalt schnell abstrakt klingt, solange sie die anderen
betrifft, aber auch, wie daraus persönliche Schmerzen werden. «Worauf
wartet ihr noch?», fragte sie im EU-Parlament. «Wollt ihr, dass eure
Familie davon betroffen ist? Wollt ihr, dass jemand stirbt?»