Frankreichs Schulden erreichen Rekord - Gefahr für Europa? Von Michael Evers, dpa
11.10.2026 04:00
Politische Lähmung trifft auf Rekordschulden: Welche Risiken drohen
Frankreich und Europa, wenn Reformen weiter auf sich warten lassen?
Paris (dpa) - Zwar ächzt Frankreich schon lange unter einem hohen
Schuldberg, doch nun gibt es abermals einen Anstieg, der in
Kombination mit schwachem Wachstum und politischer Lähmung für
Besorgnis über die Landesgrenzen hinaus sorgt. Könnte die
französische Finanzkrise, wie schon öfter befürchtet, zu einer
Belastung für Europa werden? Und wie reformfähig ist die zweitgrößt
e
Volkswirtschaft in der Eurozone, wo dem zerstrittenen Parlament
sieben Monate vor der Präsidentschaftswahl ein zähes Ringen um einen
Sparhaushalt bevorsteht?
Warum ist die Lage in Frankreich so prekär?
Die französische Staatsverschuldung ist gemessen an der
Wirtschaftsleistung zum Ende des zweiten Quartals 2026 auf 119,0
Prozent und damit auf einen neuen historischen Höchststand gestiegen.
Wie die Statistikbehörde Insee in Paris mitteilte, belief sich der
Gesamtbetrag der Schulden auf knapp 3,6 Billionen Euro, was ebenfalls
einen noch nie dagewesenen Wert darstellt. Kürzlich erst hatte die
Regierung einen weiteren Anstieg der Staatsverschuldung auf 121,7
Prozent des Bruttoinlandsprodukts im kommenden Jahr prognostiziert.
Die Regeln für die Eurozone besagen, dass der Schuldenstand
eigentlich 60 Prozent der Wirtschaftsleistung, gemessen am
Bruttoinlandsprodukt nicht übersteigen soll.
Seit längerem reißt Frankreich auch die EU-Regeln zur Begrenzung der
Neuverschuldung. In diesem Jahr geht die Regierung von einem
Haushaltsdefizit von 5,4 Prozent und im kommenden Jahr von 5 Prozent
aus. Die von der EU vorgeschriebene Grenze liegt bei 3 Prozent.
Was bedeutet die hohe Schuldenlast für Frankreich?
Wegen des hohen Schuldenstandes muss Frankreich in seinem
Staatshaushalt nach jüngsten Schätzungen inzwischen rund sieben
Prozent für Zinskosten vorsehen. Diese sind damit der größte
Einzelposten, noch vor dem Bildungshaushalt, und das in Zinszahlungen
fließende Geld fehlt an anderer Stelle. Wegen der desolaten
Finanzlage verlangen Anleger außerdem für französische Schulden einen
höheren Risikoaufschlag, das heißt Frankreich muss sich am
Kapitalmarkt inzwischen deutlich teurer finanzieren. Diese
Entwicklung beinhalte die Gefahr, dass der politische
Handlungsspielraum immer mehr eingeengt wird, warnte Zentralbankchef
Emmanuel Moulin im Interview mit der «Financial Times».
In ihrem Finanzstabilitätsbericht vom Juni warnte die Zentralbank
bereits, dass eine erhebliche Verschlechterung der staatlichen
Finanzierungsbedingungen auf französische Banken und Unternehmen
übergreifen könne. Höhere Refinanzierungskosten und schlechtere
Kreditbedingungen könnten Investitionen und die Schuldentragfähigkeit
weiter belasten.
Wie groß ist das Risiko für den Euro und andere europäische Staaten?
Zwar seien Frankreichs Haushaltsprobleme ernst und nicht frei von
Risiken, eine erneute Krise für die Gemeinschaftswährung hält die
Deutsche Gesellschaft für Wertpapiersparen (DWS) aber für
unwahrscheinlich. Die hohen Ersparnisse im Land machten eine
Finanzierungskrise unwahrscheinlich, politische Entwicklungen könnten
jedoch Herausforderungen mit sich bringen. «Auch wenn Frankreichs
fiskalische Probleme ungelöst bleiben, erwarten wir keine neue
Eurokrise», sagt Johannes Müller, Leiter Research der DWS.
Zwar handele es sich wohl noch nicht um eine Krise, doch Frankreichs
Schuldenprobleme hätten sich zuletzt rasch verschärft, analysiert der
Eurozonen-Experte der ABN AMRO-Bank, Bill Diviney. Frankreich sei
gefangen in einer ungünstigen Kombination aus steigenden Zinsen,
schwachem Wachstum, politischer Lähmung und begrenztem Spielraum für
weitere Einnahmen. Auch der Internationale Währungsfonds (IWF) ging
in seinem letzten Länderbericht im Juni kurzfristig kaum von einer
Staatsschuldenkrise in Frankreich aus. Politische Unsicherheit und
eine verzögerte Haushaltskonsolidierung verschärften die Risiken aber
mittelfristig.
Welche wirtschaftlichen und finanziellen Puffer hat Frankreich noch?
Frankreich hat eine robuste, vielfältige Wirtschaft, eine gut
aufgestellte Energieversorgung und etablierte Institutionen. Außerdem
gibt es einen großen inländischen Kapitalbestand, der es dem Staat
ermöglicht, sich im eigenen Land zu finanzieren, statt ausschließlich
auf ausländische Geldgeber angewiesen zu sein. Außerdem verteuern
höhere Marktzinsen nicht sofort die gesamte bestehende Verschuldung,
sondern wirken sich nach und nach aus, wenn alte Anleihen auslaufen
und durch neue ersetzt werden.
Wie kann die EZB notfalls eingreifen?
Die Europäische Zentralbank verfügt über das «Transmission Protecti
on
Instrument» (TPI), in dessen Rahmen sie im Krisenfall Anleihen
einzelner Eurostaaten in unbegrenztem Umfang kaufen könnte. Dieses
Instrument würde die EZB grundsätzlich für Frankreich aktivieren,
meint Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer, allerdings nicht so
schnell, wie einige hofften. Denn die EZB werde wohl nicht zu früh
Druck von den französischen Politikern nehmen wollen, die letztlich
für die fiskalischen Probleme verantwortlich seien.
Reformen dringend nötig - doch wer setzt sie durch?
Eigentlich reden alle Politiker in Frankreich vom Zwang zum Sparen,
und das nicht erst seit der jüngsten Krise, aber im zerstrittenen
Parlament ohne klare Mehrheit kann man sich nicht auf einen Kurs
verständigen. Premier Sébastien Lecornu hat kürzlich einen
Sparhaushalt für 2027 vorgelegt und in einer Ansprache am Mittwoch
erst die Notwendigkeit beschworen, dass Frankreich seine Finanzen in
Ordnung bringen muss. «Die Franzosen, unsere Partner, aber auch
diejenigen, die uns auf den Märkten Kredite gewähren, müssen wissen,
dass wir diese Verpflichtung einhalten werden.»
