Nach Diesel-Deal: Beziehung zwischen Washington und Kiew auf Tiefpunkt Von Katharina Schröder, dpa

11.10.2026 17:23

Trump fordert einen neuen Präsidenten für die Ukraine und schließt
einen Diesel-Deal mit Kremlchef Putin. Was das für Kiew und den Krieg
bedeutet.

Washington/Moskau/Kiew (dpa) - Vor den Zwischenwahlen in den USA
steht Präsident Donald Trump wegen der hohen Lebenshaltungs- und
Spritpreise unter Druck - und verkündet einen Diesel-Deal mit
Kremlchef Wladimir Putin. Gegen den ukrainischen Präsidenten
Wolodymyr Selenskyj hingegen teilt er aus und fordert sogar dessen
Ablösung. Wie ist es um das Verhältnis zwischen Washington, Moskau
und Kiew derzeit bestellt?

Wie ist das Verhältnis zwischen Trump und Selenskyj?

Das Verhältnis der beiden ist wechselhaft. Ein Tiefpunkt war der
Eklat im Weißen Haus im Februar 2025, bei dem Trump und sein Vize JD
Vance Selenskyj vor laufenden Kameras in die Mangel nahmen und ihm
fehlenden Respekt und mangelnde Dankbarkeit vorwarfen. Darauf folgte
jedoch eine Wiederannäherung, ein umstrittenes Rohstoffabkommen und
sogar Lob für Selenskyj als starken Staatschef.

Warum haben sich die Beziehungen jetzt wieder verschlechtert?

Kiew verstärkte in seinem Abwehrkampf gegen den russischen
Angriffskrieg zuletzt seine Gegenangriffe auf den für Moskaus
Kriegskasse so wichtigen Ölsektor in Russland. Selenskyj wiederholte
aber am Sonntag, dass Kiew die Angriffe auf Raffinerien einstellen
werde, wenn Russland keine ukrainischen Energieanlagen mehr
attackiere. Moskau lehnte das bisher ab.

Trump hatte die Ukraine in den vergangenen Wochen mehrfach für eine
weltweite Dieselknappheit verantwortlich gemacht. Allerdings waren
die Treibstoffpreise aufgrund des Kriegs der USA gegen den Iran
deutlich in die Höhe geschnellt. Am Sonntag behauptete Trump dann
erneut, Moskau und Kiew hätten sich auf ein Ende der Angriffe auf die
Energiesektoren geeinigt. Bestätigungen der beiden Kriegsparteien
lagen zunächst nicht vor.

Auf der anderen Seite unterzeichnete der US-Präsident im September
ein vom Parlament verabschiedetes Gesetz, das ihm weitreichende
Befugnisse für neue Sanktionen gegen Russland einräumt - auch um die
russischen Öl- und Gas-Exporte stärker einzudämmen. 

Mit seiner Aussage, dass die Ukraine einen neuen Präsidenten brauche,
schlägt sich Trump nun wieder auf die Seite Moskaus, das Selenskyj
immer wieder die Legitimität abspricht. Allerdings verbietet das in
der Ukraine geltende Kriegsrecht Wahlen zu Kriegszeiten.

Am Sonntag sagte Selenskyj, falls Trump den russischen Präsidenten zu
einer 60-tägigen Feuerpause bewegen könne, hätte die Ukraine Zeit,
Neuwahlen zu organisieren. Seinen Bürgern müsse während der Wahlen
Sicherheit garantiert werden.

Warum sind die USA wichtig für die Ukraine?

Der größte Unterstützer der Ukraine ist inzwischen Deutschland.
Allerdings sind etwa US-Geheimdienstinformationen für Kiew wichtig.
Nach dem Eklat im Weißen Haus hatte Washington die geheimdienstliche
Kooperation bereits einmal vorübergehend eingestellt. 

Außerdem gelten die US-Flugabwehrsysteme vom Typ Patriot als
wirksames Mittel zur Abwehr ballistischer Raketen. Moskau setzt diese
zunehmend gegen die Ukraine ein - in dem Wissen, dass es dort an
Abwehrmöglichkeiten mangelt. Kiew hoffte im Sommer auf eine
Produktionslizenz. Hinzu kommt, dass die USA sich in dem Konflikt als
Vermittler sehen und mit Russland und der Ukraine über ein mögliches
Ende des Kriegs sprechen.

Auch das Satelliten-Internetsystem Starlink von Tech-Milliardär und
Trump-Unterstützer Elon Musk könnte den ukrainischen Streitkräften
helfen. Die Ukraine bemüht sich derzeit um eine Freischaltung des
Dienstes für ihre Drohnenangriffe auf russischem Gebiet. Musk stellte
sich in einem Post auf seiner Plattform X hinter den US-Präsidenten.
Selenskyj sei zu weit gegangen, schrieb er in einer Reaktion auf eine
Äußerung Trumps zu ukrainischen Angriffen auf Raffinerien. 

Welche Kritik gibt es?

Bundesbildungsministerin Karin Prien kritisierte Trumps Forderung
nach einem neuen Präsidenten scharf. «Für ein paar Liter Diesel. Was

für ein moralischer Bankrott», schrieb die stellvertretende
CDU-Vorsitzende auf der Plattform X zu einem Artikel über Trumps
Äußerungen. Außenminister Johann Wadephul sagte: «Wir brauchen nich
t
weniger, wir brauchen mehr Druck auf Putin, dass er bereit ist, zu
verhandeln.» 

Der britische Premierminister Andy Burnham sicherte Selenskyj nach
Angaben aus London zu, Sanktionen gegen Russland zu verstärken. Auch
die EU kritisierte die Vereinbarung scharf. Aus den USA kommt
ebenfalls Kritik. Ex-Vizepräsident Mike Pence schrieb etwa auf der
Plattform X, dass Trumps Entscheidung, Sanktionen zu lockern keinen
Sinn ergebe und Putins Kriegsmaschine anheize. 

Was bedeutet der Diesel-Deal für Russland?

Die Vereinbarung bringt Moskau wieder ein Stück weiter auf die
Weltbühne, wie schon das Treffen von Trump und Kremlchef Putin in
Anchorage im vergangenen Jahr oder zuletzt die Einladung zum
G20-Gipfel in den USA. 

Die Regierung in Moskau hob das Export-Verbot für Diesel teilweise
auf. Der Beschluss ermöglicht es, sofort mehr als 300.000 Tonnen
Diesel auf den Weltmarkt zu bringen. Im Laufe des Novembers soll laut
Trump eine weitere halbe Million Tonnen Diesel freigegeben werden
sowie eine Million Tonnen «sofort danach».

Zuvor hatte Russland den Export von Diesel verboten, um der
Spritknappheit im eigenen Land Herr zu werden. Infolge ukrainischer
Drohnenangriffe kam es zu Engpässen in der Rohstoffmacht. Immer
wieder gibt es lange Schlangen und Beschränkungen an Tankstellen -
sogar in der Hauptstadt Moskau.