Raketen treffen Kiew - Selenskyj beklagt fehlende Vorwarnung

14.10.2026 04:36

Wieder explodieren russische Raketen in Kiew, wieder gab es vorher
offenbar keine Warnhinweise der USA. Bürgermeister Klitschko spricht
von mehreren Opfern - und einer gezielten Kampagne gegen ihn.

Kiew (dpa) - Die ukrainische Hauptstadt Kiew ist erneut von
ballistischen Raketen aus Russland getroffen worden - und auch
diesmal habe es keine vorherige Warnung der Verbündeten gegeben,
beklagte die Staatsführung. Unmittelbar nach Auslösung des Luftalarms
waren schon die ersten Explosionen in der Millionenmetropole zu
hören, wie das ukrainische Nachrichtenportal «The Kyiv Independent»
berichtete. Ein neunstöckiges Wohngebäude ging nach einem Treffer in
Flammen auf, laut Bürgermeister Vitali Klitschko gab es mindestens 2
Tote und mehr als 20 Verletzte.

Wie schon am Vortag hätten die internationalen Partner auch diesmal
keine Warnhinweise auf einfliegende Raketen gegeben, sagte der
ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj am Abend. Die Geschosse
seien quasi erst im Anflug auf Kiew von den Radaren entdeckt worden.
Außer dem Wohnblock sei auch ein Heizkraftwerk getroffen worden. Den
russischen Angreifern werde es zu einfach gemacht, beklagte
Selenskyj. Am Morgen wurde dann eine weitere Angriffswelle gemeldet,
deren Folgen zunächst unklar waren.

US-Regierung bestreitet Vorwürfe aus Kiew

Die Ukraine verließ sich in ihrem seit 2022 andauernden Abwehrkampf
gegen Russland bislang vor allem auf Aufklärungsdaten des
US-Militärs, aber auch auf die anderer Nato-Mitgliedsstaaten. Zuletzt
traten jedoch wieder Spannungen zwischen den Regierungen in Kiew und
Washington offen zutage. Die US-Regierung bestritt Vorwürfe aus Kiew,
wonach militärische Informationen nicht mehr mit den Ukrainern
geteilt würden.

Selenskyj machte aus seinem Unmut über die Situation keinen Hehl.
«Das ist überhaupt nicht gerecht, wenn sie (die Russen)
Energieanlagen zerstören und die Ukraine nicht einmal Warnungen vor
dem Start von ballistischen Raketen erhält», schrieb er auf Telegram.
Es sei wichtig, dass die USA wirklich sehen würden, was vor sich gehe
und wer Schuld daran habe, dass der Krieg weitergehe.

Verschärft wird die aktuelle Lage durch akuten Munitionsmangel der
ukrainischen Streitkräfte. Während es ihnen nach langen Jahren des
Verteidigungskriegs an Geschossen zur Raketenabwehr mangelt, hat
Russland die Angriffe auf Kiew und andere Städte verstärkt. Als
effektivste Abwehr gegen ballistische Raketen, die aufgrund ihrer
hohen Geschwindigkeit besonders schwierig abzufangen sind, gelten die
von den USA produzierten Patriot-Systeme. Die ukrainische Armee hat
mehrere davon, aber nicht genügend Munition. Ein Grund dafür: Der
Krieg der USA und Israels gegen den Iran hat die weltweiten
Munitionsbestände zusätzlich verknappt.

Selenskyj im Clinch mit Klitschko

Da Russlands Angriffe immer wieder auf die Energieversorgung der
Ukraine zielen, könnte die kalte Jahreszeit mit drohenden Strom- und
Heizungsausfällen für die von gut viereinhalb Kriegsjahren zermürbte

Zivilbevölkerung noch härter werden. Selenskyj warf den
Hauptstadtbehörden eine schlechte Vorbereitung vor. «Jeder Kiewer
sieht, dass die Stadt wirklich nicht vorbereitet ist», rügte der
Staatschef in einer Videobotschaft - und griff damit auch Kritik in
sozialen Netzwerken auf.

Die Situation sei schlechter als in den Wintern der vorherigen
Kriegsjahre - selbst einzelne Drohnenangriffe würden schon zu Strom-
und Wasserausfällen führen, kritisierte Selenskyj. Es gebe auch
Probleme bei Schutzräumen, der Vorbereitung von Schulen, dem Bau von
Schutzanlagen für wichtige Objekte und beim öffentlichen Nahverkehr.
«Kiew hängt anderen Regionen bei der Umsetzung der Stabilitätspläne

hinterher», resümierte der Präsident, ohne Bürgermeister Vitali
Klitschko beim Namen zu nennen.

Der wies die Vorwürfe unter Verweis auf die besonders harten Angriffe
der vergangenen Wochen zurück. «Das Stadtoberhaupt trägt nicht die
Verantwortung für die Flugabwehr», sagte Klitschko zu Journalisten.
Kiew sei das Hauptziel russischer Attacken - und er selbst Opfer
einer Kampagne mit dem Ziel, ihn durch ein loyaleres Stadtoberhaupt
zu ersetzen. Klitschko sprach von einem Angriff auf die kommunale
Selbstverwaltung. Landesweit seien bereits 300 missliebige
Bürgermeister von der Zentralregierung ersetzt worden.

Klitschko und Selenskyj gelten als politische Gegner und tragen ihren
seit langem schwelenden Konflikt immer wieder auch öffentlich aus.
Der Präsident sieht im Bürgermeister der Hauptstadt womöglich einen
potenziellen Konkurrenten bei einer kommenden Präsidentschaftswahl
und kritisiert regelmäßig dessen Amtsführung. Umgekehrt wirft
Klitschko dem Staatschef einen autoritären Regierungsstil und
Aushöhlung der Demokratie vor.

EU treibt Beitrittsgespräche mit Ukraine voran

Unterdessen treibt die Europäische Union die Beitrittsverhandlungen
mit der Ukraine voran. In Luxemburg wurden am Dienstag Gespräche über
weitere Themenblöcke begonnen - namentlich über den Binnenmarkt sowie
Wettbewerbsfähigkeit und inklusives Wachstum. Die irische
EU-Ratspräsidentschaft sprach von einem weiteren Meilenstein für die
Ukraine.

Die Entscheidung zur Ausweitung der Verhandlungen, die neben der
Ukraine auch den Nachbarn Moldau betrifft, gilt für beide Länder als
wichtiges Zeichen, dass sich ihre Reformanstrengungen lohnen. Vor
allem die seit Jahren in den Krieg verwickelte Ukraine kosten diese
Reformen viel Kraft.

Im Verhandlungsprozess zur Aufnahme in die EU soll sichergestellt
werden, dass ein Kandidatenland alle Voraussetzungen für eine
Mitgliedschaft erfüllt. Mit einem Abschluss der Gespräche wird vor
allem bei der Ukraine nicht vor dem kommenden Jahrzehnt gerechnet.
Das Land ist nach Einschätzung von Experten nicht nur im Bereich der
Korruptionsbekämpfung noch weit von EU-Standards entfernt.