Neue Therapie gegen tödliche Krebsform - Was bringt sie? Von Christina Sticht, dpa
15.10.2026 16:37
Ein neues Medikament verlängert laut einer Studie das Leben von
Menschen mit fortgeschrittenem Bauchspeicheldrüsenkrebs, verspricht
aber keine Heilung. Nun ist die Zulassung in Europa ein Stück näher.
Berlin (dpa) - Bauchspeicheldrüsenkrebs ist eine gefürchtete Diagnose
- er wird oft spät erkannt und dann sind die Überlebenschancen
schlecht. Ein neues Medikament weckt Hoffnung für Menschen mit der
Krankheit in einem fortgeschrittenen Stadium. Das Mittel Daraxonrasib
verspricht keine Heilung, aber soll das Überleben im Vergleich zu
einer Chemotherapie verlängern. Die Europäische Arzneimittel-Agentur
EMA empfiehlt nun die Zulassung in der EU für Erwachsene mit
Pankreaskarzinom mit Metastasen, die schon mindestens eine vorherige
Behandlung hatten. Die Behörde hat den Wirkstoff mit dem Handelsnamen
«Rasonque» in einem beschleunigten Verfahren geprüft.
Worum geht es bei dem neuen Medikament?
Daraxonrasib ist ein Wirkstoff gegen Tumore, bei denen ein bestimmtes
Steuerprotein der Zelle dauerhaft aktiv ist. In einer
Phase-III-Studie mit 500 Patienten mit fortgeschrittenem
Bauchspeicheldrüsenkrebs lebten Betroffene, die das Mittel erhielten,
im Median laut EMA noch 12,4 Monate. In der Vergleichsgruppe mit
Chemotherapie waren es 6,7 Monate. Alle Patienten hatten bereits
einen ersten Durchgang Chemotherapie hinter sich. Mit dem neuen
Medikament lebten sie 7,2 Monate ohne Verschlechterung, mit
Chemotherapie 3,6 Monate.
«Das Medikament ist ein «Gamechanger» im Kampf gegen
Bauchspeicheldrüsenkrebs, nicht nur für die jetzt zugelassene
Indikation», sagte der Präsident der Deutschen Krebsgesellschaft
(DKG), Thomas Seufferlein der dpa.
Wie häufig ist Bauchspeicheldrüsenkrebs in Deutschland?
Er gehört zu den häufigsten Krebserkrankungen des Magen-Darm-Trakts.
In Deutschland erkranken dem Krebsinformationsdienst und dem Robert
Koch-Institut (RKI) zufolge jedes Jahr rund 20.000 Menschen an
Bauchspeicheldrüsenkrebs (Pankreaskarzinom). Damit ist die Zahl
deutlich kleiner als bei Brust- oder Prostatakrebs, die Erkrankung
ist aber besonders gefährlich.
Warum ist die Prognose so ungünstig?
Bauchspeicheldrüsenkrebs verursacht lange keine oder nur
unspezifische Beschwerden wie Gewichtsverlust oder Schmerzen im
Oberbauch oder Rücken. Der Tumor wird deshalb oft spät entdeckt,
häufig erst, wenn er bereits gestreut hat. Deshalb ist diese Krebsart
für die meisten Erkrankten in kurzer Zeit tödlich. Nur etwa jeder
Zehnte lebt fünf Jahre nach der Diagnose noch, so die
Krebsregisterdaten des RKI. Die Erkrankung tritt meist im Alter von
über 70 auf.
Welche Heilungschancen gibt es?
Eine Heilung ist aktuell nur möglich, wenn der Tumor früh entdeckt
und vollständig operativ entfernt werden kann. Das betrifft nur einen
kleinen Teil der Betroffenen. Bei metastasiertem
Bauchspeicheldrüsenkrebs ist die Behandlung palliativ. Ziel ist, die
Überlebenszeit zu verlängern und die Lebensqualität zu erhalten.
Schreitet die Erkrankung nach einer ersten Therapie fort, sind die
Optionen bislang begrenzt. «Daraxonrasib eröffnet ein Fenster für
neue Therapiemöglichkeiten in Kombination mit der Substanz», sagte
Matthias Ebert von der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie,
Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten der dpa.
Wie wirkt Daraxonrasib?
Daraxonrasib gehört zu einer neuen Klasse von Wirkstoffen, den
sogenannten RAS(ON)-Inhibitoren. RAS ist ein sogenanntes
Protoonkogen. Es enthält die Bauanleitung für ein Protein, das in
Zellen Wachstums- und Teilungsprozesse anstößt. Normalerweise ist
dieses Protein nur zeitweise aktiv und schaltet sich selbst wieder
ab. Durch Mutationen bleibt es dauerhaft aktiv und begünstigt das
Tumorwachstum. «Dann ist das so wie ein durchgetretenes Gaspedal.
Dann ist der Signalweg die ganz Zeit aktiv», erläutert Ebert. Bei
rund 90 Prozent der Bauchspeicheldrüsenkrebs-Fälle liegen solche
Mutationen vor.
Daraxonrasib hemmt das Zusammenspiel des RAS-Proteins mit
nachgeschalteten Signalwegen. Ebert vergleicht dies mit einer Kugel,
die hinter das Gaspedal gelegt wird, so dass es nicht mehr
durchgetreten werden kann. Das neue Mittel wirkt - anders als
bisherige Hemmer - nicht nur gegen eine bestimmte Mutation, sondern
verschiedene RAS-Varianten.
Welche Nebenwirkungen treten auf?
Nebenwirkungen traten bei allen Patientinnen und Patienten auf,
häufig sind Hautausschlag, Durchfall und Entzündungen der
Mundschleimhaut. Schwere Nebenwirkungen traten mit 61,8 Prozent
seltener auf als unter Chemotherapie mit 69,6 Prozent.
Therapieabbrüche lagen nur bei 1,2 Prozent gegenüber 11,2 Prozent.
Lebensbedrohliche Nebenwirkungen traten nicht auf.
Wann wird das Medikament verfügbar sein?
Seit Ende August ist das Medikament in den USA zugelassen, und zwar
für Erwachsene mit metastasiertem Pankreasadenokarzinom, die bereits
eine erste Chemotherapie hatten. Wann es in Deutschland erhältlich
ist, ist noch unklar. Viele Patienten fragten schon danach, sagt
Ebert, der an der Medizinischen Fakultät Mannheim der Universität
Heidelberg zu Tumorerkrankungen des Verdauungstrakts forscht.
Wie schnell das Mittel tatsächlich in Deutschland zum Einsatz kommen
kann, hängt nun von der EU ab. Die Europäische Kommission muss nach
der Empfehlung der EMA die offizielle Marktzulassung erteilen.
Könnte das Mittel auch bei anderen Diagnosen helfen?
Laut Ebert haben auch manche Bronchialkarzinome sowie ungefähr die
Hälfte aller Dickdarmkrebse die gleiche Mutation. Es laufen Studien
zu dem Wirkstoff bei anderen Krebsarten, noch liegen keine Ergebnisse
vor.
Daraxonrasib ist nicht das erste zielgerichtete Krebsmedikament, das
sogenannte Wachstumstreiber-Gene angreift. Ähnliche Medikamente
funktionieren laut Ebert etwa schon bei bestimmten Lungentumoren.
