Trump legt bei Selenskyj-Kritik nach - EU will deeskalieren Von Ansgar Haase und Michael Fischer, dpa

16.10.2026 15:09

Der Konflikt zwischen US-Präsident Trump und seinem ukrainischen
Amtskollegen hat sich gefährlich zugespitzt. Jetzt war Selenskyj bei
einem EU-Gipfel in Brüssel zu Gast und macht eine Ankündigung.

Brüssel (dpa) - Die EU bemüht sich um eine Entschärfung der
dramatisch eskalierten Spannungen zwischen US-Präsident Donald Trump
und dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj. Bei einem
Gipfeltreffen mit Selenskyj in Brüssel verzichteten Spitzenvertreter
weitgehend auf direkte öffentliche Kritik und Vorwürfe gegen Trump.
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen betonte stattdessen
noch einmal, dass die Europäische Union Trumps Vorstoß für eine
Energiewaffenruhe unterstützt habe.

Dieser sah vor, das Russland und die Ukraine vorerst gegenseitig auf
Angriffe auf Kraftwerke, Raffinerien und andere Energieinfrastruktur
verzichten. Von der Leyen sagte weiter, es sei Russland gewesen, dass
die Waffenruhe keine einzige Minute eingehalten habe. Stattdessen
habe das Land sogar weiter eskaliert.

Selenskyj machte deutlich, dass die Gesprächskanäle nach Washington
weiter offen seien. Sein Team stehe in ständigem Kontakt mit den
amerikanischen Unterhändlern, sagte er nach Beratungen mit
Bundeskanzler Friedrich Merz und den anderen Staats- und
Regierungschefs der EU-Staaten. Er rechne damit, dass «in den
kommenden Tagen» ein weiteres Treffen vereinbart werde.

Trump über Selenskyj: «Kein guter Mann zum Verhandeln»

Trump legte hingegen in seiner Auseinandersetzung mit Selenskyj noch
einmal nach und stellte diesen als Hindernis für einen
Friedensschluss im Krieg mit dem Angreifer Russland dar. Wenn es ein
Abkommen geben sollte, dann nur ohne Selenskyj, sagte er in einem
Interview des ultrakonservativen US-Senders Newsmax. Dieser sei «kein
guter Mann» für die USA zum Verhandeln.

«Er sagt, er möchte eine Übereinkunft, aber er will keine. Nein, ich

bin kein großer Fan von Selenskyj», kritisierte Trump, der nach
eigenen Worten mit einem baldigen Ende des seit Februar 2022
andauernden Krieges rechnet. Er halte es für schwieriger, mit
Selenskyj zu verhandeln als mit Russlands Präsident Wladimir Putin.
Trump wirft Selenskyj auch vor, durch Angriffe auf russische
Raffinerien für steigende Ölpreise auf dem Weltmarkt zu sorgen.

EU will Druck erhöhen

Vergleichsweise deutlich wurde von EU-Seite EU-Ratspräsident António
Costa. Dieser sagte: «Jetzt ist nicht die Zeit, die Unterstützung für

die Ukraine zurückzufahren. Jetzt ist nicht die Zeit, die Sanktionen
gegen Russland zu lockern. Jetzt ist die Zeit, unsere Unterstützung
zu verstärken und den Druck zu erhöhen.» Dies sei entscheidend, um
Russland dazu zu bringen, einer echten Waffenruhe zuzustimmen, an den
Verhandlungstisch zu kommen und den Krieg zu beenden.

Diesel-Deal mit Folgen

Zu der erneuten Eskalation von Spannungen zwischen Trump und
Selenskyj war es zuletzt gekommen, nachdem Trump Sanktionen gegen
russischen Diesel vorübergehend aufheben ließ. Dies soll es Russland
erlauben, in den kommenden Monaten große Mengen an Diesel für die USA
und den Weltmarkt zur Verfügung zu stellen. Trump hofft dadurch auf
sinkende Spritpreise vor den sogenannten Midterms, den wichtigen
Zwischenwahlen Anfang November. 

Selenskyj hatte empört auf die Ankündigung reagiert, woraufhin Trump
dann eine Ablösung Selenskyj forderte. Zuletzt gab es zudem Berichte
über ausgebliebene US-Geheimdienstinformationen zu russischen
Raketenstarts und Einschränkungen bei der Internetversorgung über das
US-Satellitennetzwerks Starlink, die zum Scheitern von ukrainischen
Drohneneinsätzen geführt haben sollen.

Für die EU ist die Lage höchst brisant. Sie weiß, dass sie die
technische und geheimdienstliche US-Unterstützung bis auf weiteres
nicht wird kompensieren können. Deswegen muss sie nun dafür sorgen,
dass der Streit zwischen Trump und Selenskyj nicht zu einem
vollständigen Stopp der US-Hilfen führt. Gleichzeitig gilt es, sich
auf einen weiteren Ausbau der eigenen Unterstützung vorzubereiten und
den Druck auf Russland hochzuhalten.

Von der Leyen sagte in Brüssel, es werde derzeit an einem 22. Paket
mit Russland-Sanktionen gearbeitet. Zudem kündigte sie weitere Hilfen
für den kommenden Winter an. «Russland versucht alles, um die
Energie- und Wasserinfrastruktur zu zerstören. Aber wir stehen an
Ihrer Seite. Wir werden Sie unterstützen, so wie wir es auch in den
vergangenen Wintern getan haben», sagte sie.

Merz wirbt für Aufstockung von Ukraine-Hilfe

Bundeskanzler Friedrich Merz hatte zum Auftakt des EU-Gipfels am
Donnerstag für eine weitere Aufstockung der Mittel für die Ukraine
geworben. «Ich habe heute Morgen in verschiedenen kleineren Treffen
dafür plädiert, dass wir alles tun, um der Ukraine auch über den
Winter zu helfen, auch im nächsten Jahr zu helfen», sagte der
CDU-Vorsitzende. Man werde auch noch einmal die Mittel aufstocken
müssen, um der Ukraine wirklich dauerhaft zu helfen. 

Der ukrainische Finanzminister Serhij Martschenko hatte im September
bei einem Besuch in Brüssel erklärt, im regulären Haushalt seines
Landes fehlten für nächstes Jahr 32,6 Milliarden US-Dollar (29,1
Milliarden Euro). Die Lücke für die Verteidigungsausgaben bezifferte
er auf 45 Milliarden US-Dollar. Unklar ist, wie verlässlich die
Zahlen sind. Das wird noch von der EU-Kommission überprüft.

Auf die Frage, ob er von Teilnehmern des EU-Gipfels auch kritische
Worte zu seiner Kritik an Trump gehört habe, sagte Selenskyj sagte
nach den Beratungen, er habe von den europäischen Kollegen
«Unterstützung und nur Unterstützung» erfahren. Sie verstünden di
e
Position der Ukraine. Dafür sei er ihnen dankbar.