Europas Mobilfunker greifen nach Weltraum-Frequenzen Von Wolf von Dewitz, dpa
19.10.2026 15:13
Deutschlands Handynetze werden immer besser, die Unternehmen
investieren Milliarden. Doch mancherorts bleibt der Mobilfunk eine
Schwachstelle. Nun blicken Netzbetreiber nach oben.
Bonn (dpa) - Damit die Handynutzer überall in Europa Netz bekommen,
wollen vier große Telekommunikationsanbieter an einem Strang ziehen.
Die Deutsche Telekom, der britische Anbieter Vodafone, Telefónica aus
Spanien und Orange aus Frankreich gaben bekannt, dass sie sich
gemeinsam um Funkfrequenzen bewerben wollen, die
Mobilfunk-Verbindungen über den Weltraum ermöglichen. Eine
entsprechende Absichtserklärung habe man unterschrieben. Es geht um
Frequenzen, die wohl 2029 frei werden und bislang etwa für
Internetverbindungen im Flugzeug genutzt werden.
Man wolle eine flächendeckende Versorgung auch in unterversorgten
Gebieten erreichen, die Resilienz mobiler Netze stärken, kritische
Kommunikation schützen und die Entwicklung einer europäischen
Satellitenkonstellation unterstützen, hieß es von den Unternehmen.
Mit der Zusammenarbeit wolle man die eigenständige Position Europas
im Bereich der Weltrauminfrastruktur sicherstellen. Man plane,
zentrale Infrastrukturen am Boden sowie wichtige Koordinierungs- und
Steuerungsfunktionen in Europa aufzubauen.
Weltraum-Funktion kommt erst in den Massenmarkt
Den Handykunden sollen Direct-to-Device-Dienste (D2D) angeboten
werden. Das Smartphone wird also da, wo bislang kein Handynetz ist,
direkt mit Satelliten im Weltraum verbunden. Die meisten Smartphones
haben diese D2D-Funktion bislang nicht integriert, in den kommenden
Jahren dürfte sie aber im Massenmarkt ankommen.
Es geht um Funklöcher - also um Gegenden, wo Stand jetzt nicht mal
das veraltete 2G-Netz verfügbar ist. Bei der Deutschen Telekom waren
das im Juni laut Bundesnetzagentur 1,2 Prozent der Fläche
Deutschlands, bei Vodafone 1,7 Prozent und bei O2Telefónica 1,6
Prozent. Auch auf Reisen im europäischen Ausland landen Handynutzer
immer mal wieder in Funklöchern.
In solchen Gegenden sollen die Handynutzer künftig mit Satelliten im
Weltraum verbunden werden. Bekommt man mit seinem Handy keine
Verbindung zum nächstgelegenen Funkmasten, so switcht das Gerät um
und stellt eine Verbindung mit dem Internet über einen
Weltraum-Satelliten her.
Wer der Satellitenbetreiber ist, ist noch unklar. Das
US-Raumfahrtunternehmen SpaceX mit seinem Internetdienst Starlink von
Elon Musk dürfte es nicht sein, da es bei dem Vorhaben der vier
Firmen um europäische Souveränität geht.
Einige Fragen sind noch offen
Das Vorhaben der Konzerne befindet sich in einem frühen Stadium. Klar
ist allerdings, dass es nicht darum geht, dass Verbraucher auch im
entlegenen Waldstück hochauflösende Videos streamen oder visuell
anspruchsvolle Smartphone-Games spielen können. Vielmehr dürfte ein
Minimum an digitalen Datenverbindungen angepeilt werden.
D2D-Satelliteninternet ist nicht zu verwechseln mit dem herkömmlichen
Satelliteninternet, bei dem der Nutzer eine Antenne auf dem Hausdach,
auf seinem Boot oder seinem Wohnwagen hat - dessen Endgeräte werden
nur über den Umweg der Antenne mit dem Internet verbunden.
Europa peilt digitale Souveränität an
Mit dem gemeinsamen Vorhaben übt sich Europas
Telekommunikationsbranche im Schulterschluss, um sich von der
US-Dominanz in der Internetwelt zu lösen. Damit kommen die Firmen dem
Wunsch großer Teile der Politik nach Maßnahmen zur europäischen
Souveränität nach. Denn der Einfluss der US-Tech-Riesen und die
ungeklärte Frage, wie stark die USA ihren technologischen Vorsprung
für politische Zwecke instrumentalisieren wollen, treiben Europas
Politikern Sorgenfalten auf die Stirn.
Pikanterweise hat die Deutsche Telekom erst im März eine
Partnerschaft mit dem US-Internetdienst Starlink verkündet, um ab
2028 Handynutzer in bisherigen Funklöchern mit Satelliten im Weltall
zu verbinden. Wandert dieses Vorhaben nun in den Papierkorb? Das wird
verneint. Die Absichtserklärung der Zusammenarbeit von Vodafone,
Orange und Telefónica ersetze keine bestehenden
Satellitenpartnerschaften, heißt es unisono von den Firmen.
Seit der Verkündung der Partnerschaft ist einiges passiert: Knapp
drei Monate später gab die EU-Kommission bekannt, künftig
nichteuropäische Anbieter von Satelliten-Mobilfunkdiensten von Teilen
des 2-Gigahertz-Frequenzbandes ausschließen zu wollen. Der
Frequenzbereich soll gedrittelt werden: Ein Drittel wird der
Empfehlung zufolge für die staatliche Nutzung reserviert, etwa für
kritische Kommunikation, Sicherheit und Militär - betrieben von einer
EU-Firma.
Die zwei anderen Drittel sollen für die kommerzielle Nutzung
freigegeben werden, also für Smartphones, Fitness-Tracker und andere
Devices (Direct-to-Device). Eins der Drittel soll an EU-Anbieter
vergeben werden - dieses Drittel nehmen nun die Telekom & Co. in den
Fokus - und das andere Drittel an EU-Betreiber und Betreiber
außerhalb der EU.
Daumen rauf, signalisiert ein Bundespolitiker
In der Politik stieß das gemeinsame Vorhaben der vier europäischen
Konzerne auf Zustimmung. «Es ist absolut zu begrüßen, dass Europas
Telekommunikationsbranche gemeinsam vorgeht und damit unsere digitale
Souveränität stärkt», sagt der digitalpolitische Sprecher der
SPD-Bundestagsfraktion, Johannes Schätzl. Europa sei beim Internet
noch immer viel zu abhängig von Amerika.
«Das Vorhaben ist ein Schritt in die richtige Richtung, damit wir
global nicht erpressbar sind», sagt der Sozialdemokrat. Es müssten
aber noch weitere Schritte folgen. «Wir müssen alle Abhängigkeiten
überprüfen, auch im Bereich Software, Cloud-Infrastruktur und
Rechenzentren.»
