Neue Frontlinie: EU wappnet sich für Konflikte in der Arktis
20.10.2026 17:18
Russland und China bauen ihre Präsenz in der Arktis aus. Die EU ist
besorgt und denkt unter anderem über Eisbrecher mit Nuklearantrieb
nach.
Straßburg (dpa) - Die EU wappnet sich für mögliche Konflikte in der
Arktisregion. Eine neue Strategie der Europäischen Kommission sieht
vor, den hohen Norden künftig deutlich mehr aus
sicherheitspolitischer Perspektive zu betrachten.
Konkret soll demnach eine Koordinierungsstelle für die Überwachung
und den Schutz von Unterseekabeln sowie die Beobachtung der
russischen Schattenflotte und illegaler Fischerei geschaffen werden.
Zudem sind etwa eine Aufstockung der europäischen
Eisbrecherkapazitäten sowie der Ausbau von zivilen Verkehrswegen für
die militärische Nutzung vorgesehen.
Auch die satellitengestützte Überwachung soll verstärkt werden. Dazu
sollen unter anderem die EU-Systeme Copernicus und Galileo ausgebaut
beziehungsweise stärker für die Beobachtung der Arktis genutzt
werden.
Kallas: Frontlinie des globalen Großmachtwettbewerbs
Die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas erklärte, die Arktis sei
inzwischen eine «Frontlinie des globalen Großmachtwettbewerbs».
Russland und China bauten ihre Präsenz aus und verfolgten
weitergehende Ambitionen. So habe Moskau in der Region Stützpunkte
aus Sowjetzeiten wieder in Betrieb genommen und teste dort neue
Waffen. Drohnenvorfälle, GPS-Störungen und die Sabotage von
Unterseekabeln gefährdeten die Sicherheit.
Um die Interessen der EU zu verteidigen, verstärke man nun die
Anstrengungen bei der Überwachung, der Infrastruktur, der
militärischen Mobilität und bei Verteidigungstechnologien, die den
extremen klimatischen Bedingungen standhalten können. Ein ranghoher
EU-Beamter sagte, die Arktis könne nach einem Ende des
Ukraine-Krieges zum nächsten großen sicherheitspolitischen Brennpunkt
werden.
Geografisch liegen vor allem die nördlichen Teile der EU-Länder
Finnland und Schweden im Arktisgebiet. Zudem ist für die EU auch
Grönland äußerst relevant. Die riesige Arktisinsel ist zwar nicht
Teil der EU, gehört aber zum Königreich Dänemark.
«Souveränität, territoriale Integrität und die Regeln, auf denen di
e
Stabilität in der Region bislang beruhte, können nicht länger als
selbstverständlich vorausgesetzt werden», warnte
Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen. Die Arktis sei einer
derjenigen Orte, an denen die tektonischen Platten der Geopolitik
aufeinanderprallen.
Eisbrecher mit Nuklearantrieb
Wie viel die Umsetzung der neuen Strategie kosten soll, ist bislang
offen. Die EU-Kommission nennt weder eine Gesamtsumme noch Kosten für
zentrale Vorhaben wie zusätzliche Eisbrecher oder neue Einrichtungen
zum Schutz von Unterseekabeln.
Mit Blick auf die Eisbrecherfähigkeiten erklärte ein EU-Beamter, dass
nun erst einmal ermittelt werden solle, wie viele und welche Schiffe
Europa benötige. Anschließend könnte es dann eine gemeinschaftliche
Beschaffung oder eine gemeinsam genutzte Schiffsflotte geben. Laut
der Strategie sollen dabei auch Kooperationen mit Partnerländern
außerhalb der EU und die Beschaffung von Eisbrechern mit
leistungsstarkem Nuklearantrieb geprüft werden.
Kallas sagte zur strategischen Bedeutung des Projekts: «In der Arktis
sind Eisbrecher das Maß der Macht.» Der EU-Kommissar für
internationale Partnerschaften, Jozef Sikela, erklärte, in den
EU-Staaten gebe es derzeit gerade einmal etwa zehn Eisbrecher und ein
Teil von ihnen könne gar nicht unter arktischen Bedingungen
eingesetzt werden.
Klimawandel beunruhigt
Mit Blick auf die mögliche Ausbeutung von Öl-, Kohle- und Gasvorräten
will die EU bei ihrem Kurs bleiben und dafür eintreten, dass diese in
der Region nicht ausgebeutet werden. Beim Thema der kritischen
Rohstoffe sieht es allerdings anders aus. Zu diesen will sich die EU
möglichst einen Zugang sichern. In der Arktis lagern unter anderem
Seltene Erden sowie wichtige Batterierohstoffe wie Nickel, Kobalt und
Graphit.
Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen betonte, dass die EU
dennoch weiterhin großen Wert auf den Schutz der arktischen Umwelt
legen und den Übergang zu einer klimafreundlichen Wirtschaft
vorantreiben wolle. Die Arktis erwärme sich fast viermal schneller
als der globale Durchschnitt und beeinflusse als «globaler
Klimaregulator» unter anderem Wetter, Artenvielfalt und den
Meeresspiegel, sagte die deutsche Spitzenpolitikerin. Für Europa
seien die Folgen unmittelbar. Die Erwärmung der Arktis führe auf dem
Kontinent zu extremeren und länger anhaltenden Wetterlagen und
verändere die Ökosysteme, die Landwirtschaft und die Wassersysteme.
Über die neue Arktis-Strategie werden nun das Europaparlament und die
Mitgliedstaaten beraten. Breite Unterstützung gilt dabei als
wahrscheinlich. Deutschland und andere führende EU-Staaten hatten
bereits Mitte September bei einem Gipfeltreffen in der nordfinnischen
Stadt Rovaniemi am Polarkreis deutlich gemacht, dass sie den Kampf um
Einfluss in der Arktis aufnehmen wollen.
«Wir sind uns einig, dass die EU ihre Aktivitäten verstärken muss, um
Stabilität, nachhaltige Entwicklung und Wohlstand zu fördern und
zugleich ihre Interessen zu schützen», hieß es damals in einer
gemeinsamen Erklärung. Die EU müsse in der europäischen Arktis
strategischer und proaktiver handeln.
