Türkei und Libyen wollen im Mittelmeer Fakten schaffen
21.10.2026 11:18
Ankara hat seinen Einfluss in Libyen systematisch ausgebaut - und
bekommt von dort nun weitere Hilfe beim Machtkampf mit den EU-Staaten
im Mittelmeer. Der Protest aus Brüssel folgt umgehend.
Tripolis/Ankara (dpa) - Im Kampf um die Vormacht im östlichen
Mittelmeer wollen die Türkei und Libyen mit einem bilateralen
Abkommen Fakten schaffen - und Griechenland und die EU protestieren.
Es geht um die Festlegung von ausschließlichen Wirtschaftszonen
(AWZ), in denen die Länder etwa nach Gasvorkommen suchen können. Die
Türkei erzielte nun einen Erfolg und sicherte sich die Unterstützung
des Parlaments im Osten Libyens, das faktisch gespalten ist in zwei
verfeindete Regierungen in Ost und West.
Die Türkei hatte 2019 mit der international anerkannten Regierung im
Westen Libyens ein Abkommen geschlossen, das solche Zonen festlegt.
Es handelt sich dabei um einen Korridor zwischen der türkischen und
der libyschen Küste, der unmittelbar entlang griechischer Inseln wie
Kreta und Rhodos verläuft und jeweils zur Hälfte als libysche und
türkische ausschließliche Wirtschaftszone ausgewiesen wird. Damit
würde Griechenland mit seinen Inseln de facto die eigene
ausschließliche Wirtschaftszone abgesprochen. Das Parlament im Osten
Libyens ratifizierte dieses Abkommen nach einer jahrelangen
Blockade.
Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan sprach von einer
«bedeutenden Entwicklung», wie ein Sprecher mitteilte. Das Abkommen
ziele ab auf eine «faire Teilung, Frieden und Stabilität im östlichen
Mittelmeer».
EU: Abkommen «null und nichtig»
Die EU und Athen reagierten prompt. Man bedauere die Ratifizierung
«des sogenannten libysch-türkischen Memorandums», teilte
Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen mit. Diese Abgrenzung der
Seehoheitsrechte verletze die souveränen Rechte von Drittstaaten,
stehe nicht im Einklang mit dem Seerecht und sei «null und nichtig».
Auch aus Athen hieß es, das Abkommen bleibe illegal und unwirksam:
«Die Geografie und das Seerecht können nicht von einseitigen,
rechtlich haltlosen Parlamentsbeschlüssen verändert werden», teilte
das griechische Außenministerium mit.
Der Machtkampf im östlichen Mittelmeer läuft seit Jahren. Er dreht
sich vor allem um die Wirtschaftszonen, aber auch um die Projektion
von Macht und um militärischen Einfluss. In dem Konflikt mischen auch
weitere Mittelmeeranrainer wie Israel und Ägypten sowie die
Vereinigten Arabischen Emirate mit.
Experte: Einfluss der Türkei in Libyen wird weiter steigen
Der Schritt sei auch für Libyen ein Wendepunkt, sagte Jalel
Harchaoui, Libyen-Experte am Royal United Services Institute in
London. «Ankara hat die Führung im östlichen Libyen systematisch
hofiert durch Bauprojekte für türkische Unternehmen, Waffenverkäufe,
Landebahnprojekte und Training für (Chalifa) Haftars
Militäreinheiten», sagte Harchaoui der Deutschen Presse-Agentur. Der
militärische Einfluss der Türkei in Libyen werde noch steigen.
Haftar ist Kommandeur der sogenannten Libyschen Nationalarmee (LNA).
Diese versuchte 2019, die Hauptstadt Tripolis einzunehmen. Nur mit
Hilfe der Türkei, die Tripolis seinerzeit unterstützte, wurde die
Offensive abgewehrt.
Saddam Haftar hat Kontakt zur Türkei ausgebaut
Haftars Sohn Saddam, der bald das Erbe des mächtigen Vaters antreten
könnte, hat die Kontakte nach Ankara aber immer weiter ausgebaut. Er
habe nun «aus kurzfristigen, eigenen Interessen» geholfen, der Türkei
diesen Erfolg zu sichern, sagte Harchaoui. Im Gegenzug könnte er
türkische Unterstützung bekommen beim Versuch, eines Tages an der
Spitze eines - zumindest auf dem Papier - vereinten Libyens zu
stehen. «Saddam hat sich als Platzhirsch durchgesetzt», sagte
Harchaoui. Auch die USA unterstützen Saddam Haftar.
In Libyen sollen bis zum Sommer 2028 Parlaments- und
Präsidentenwahlen stattfinden. Die Versuche, eine politische Einigung
voranzutreiben und solche Wahlen abzuhalten, scheiterten in
vergangenen Jahren allerdings immer wieder.
