Nach Parlamentswahl steht Serbien vor einem Neuanfang Von Gregor Mayer, dpa

26.10.2026 13:42

14 Jahre lang bestimmte Aleksandar Vucic die Politik seines Landes im
Alleingang. Doch eine Protestbewegung von Studierenden wuchs ihm über
den Kopf. Bricht für Serbien nun eine bessere Zukunft an?

Belgrad (dpa) - Die neue oppositionelle Studentenliste hat die
vorgezogene Parlamentswahl in Serbien überraschend klar gewonnen.
Langzeitmachthaber Aleksandar Vucic räumte seine Niederlage ein.
Damit steht das Land vor einem Machtwechsel - und einem Neuanfang:
Vucic hatte die serbische Politik seit 2012 in wechselnden Funktionen
quasi im Alleingang bestimmt und dabei auf eine Anlehnung an Russland
und China gesetzt, das Land entfernte sich von Europa. 

Wer nun Regierungschef wird, ist trotz des fulminanten Wahlsiegs der
basisdemokratisch aufgebauten Studentenliste (SL) noch offen. Die
Abstimmung wurde weithin als Referendum über die Führung des Landes
unter Vucic und seiner Serbischen Fortschrittspartei (SNS)
aufgefasst. Nach vorläufigen Angaben der Wahlkommission holte die
Oppositionsbewegung mit gut 53 Prozent der Stimmen die absolute
Mehrheit, Vucics Partei kam auf gut 39 Prozent der Stimmen. Die
Wahlbeteiligung erreichte demnach einen Rekordwert von 69 Prozent. 

Studierendenliste fast ohne Studierende

Bemerkenswert ist: Auf der Studentenliste stehen nahezu keine
Studierenden. Aufgestellt hat sie eine Bewegung, die auf
Führungsgremien verzichtet und ihre Entscheidungen in
basisdemokratischen Versammlungen trifft, den sogenannten Plena. Die
Liste besteht vor allem aus Lehrkräften der Universitäten, aus Ärzten

und Künstlern. Jeden einzelnen von ihnen hatte die Bewegung auf ihren
Plena abgesegnet. Ihr knappes Elf-Punkte-Programm verspricht die
Wiederherstellung von Rechtsstaat und Demokratie sowie die Verfolgung
von Korruption und Kriminalität.

Die Studentenbewegung entstand aus Protesten nach dem Einsturz des
Bahnhofsvordachs in der nordserbischen Stadt Novi Sad im November
2024, der 16 Menschen das Leben kostete. Kritiker führten das Unglück
auf Korruption und Schlamperei der Vucic-Regierung zurück. Die
anschließenden Proteste der Studentinnen und Studenten mobilisierten
breite Schichten der serbischen Bevölkerung und weckten in ihnen den
Wunsch nach Veränderung.

Diese Hoffnung könnte sich nun erfüllen. Die Studentenliste errang
laut einer Projektion des Wahlforschungsinstituts Cesid 139 der 250
Parlamentsmandate, während Vucics SNS mit 104 Mandaten in die
Opposition gehen muss. Hinzu kommen sieben Mandate für Kleinparteien
der ethnischen Minderheiten. Die Wahlkommission machte zunächst keine
Angaben zur Mandatsverteilung. Das Endergebnis verkündet sie erst,
wenn Anfechtungen und eventuelle lokale Wahlwiederholungen
abgeschlossen sind. 

In den Straßen und auf den Plätzen des ganzen Landes brach nach
Bekanntwerden der Ergebnisse scheinbar grenzenloser Jubel aus. In der
Hauptstadt Belgrad rasten Autokorsos hupend durch die Stadt,
Feuerwerke erhellten den nächtlichen Himmel. Auf dem zentralen
Slavija-Platz feierten zehntausende Menschen ausgelassen. 

Hoffen auf «zivilisierteres und besseres Serbien»

Mit ihrer Losung «Serbien oder die Mafia» traf die Studentenliste
einen Nerv. In den 14 Jahren seiner Herrschaft hat Vucic das Land in
eine Autokratie verwandelt. Seine «Wahlmaschinerie» setzte Bürger,
die von staatlichen und kommunalen Jobs abhängen, unter Druck, und
parteinahe Schlägertrupps schüchterten Kritiker ein. Doch die
Mehrheit der Serben hatte schließlich die Korruption und
Günstlingswirtschaft der SNS satt - und zeigte Vucic die Rote Karte. 

Der Listenführer der Studentenbewegung, Ilija Srdanovic (56),
erklärte in der Wahlnacht, er sei stolz auf seine Mitbürgerinnen und
Mitbürger, die dem «Tyrannen» Vucic ein deutliches «Nein»
entgegengeschleudert hätten. Er zeigte sich überzeugt: «Wir schreiten

in ein zivilisierteres und besseres Serbien.»

Zu ihrem außenpolitischen Kurs äußerte sich die Studentenbewegung
kaum. Srdanovic sagte der montenegrinischen Tageszeitung «Vijesti»,
erst müssten sich die Bürger Serbiens von Vucics «Mafia-Staat»
befreien. Wenn es wieder Rechtsstaatlichkeit und freie Medien gebe,
werde man eine ehrliche und offene Debatte über die strategischen
Ziele der künftigen Außenpolitik führen können. 

Ministerpräsidentenfrage noch offen 

Obwohl Srdanovic (56), ein angesehener Kardiologe aus Novi Sad, die
Studentenliste anführte, gilt er nach dem Wahlsieg der SL nicht
automatisch als Anwärter für das Ministerpräsidentenamt. Die Bewegung

hat sich bislang in Personalfragen hinsichtlich einer künftigen
Regierung nicht festgelegt.

Vucic wiederum war Ende September von seinem Amt als Staatspräsident
zurückgetreten, um im Falle eines Wahlerfolgs seiner Partei
Regierungschef zu werden. Sein Präsidentenmandat wäre im Mai nächsten

Jahres ausgelaufen, und nach zwei Amtszeiten kann er für diese
Position nicht mehr kandidieren. 

In der Wahlnacht gestand er die Niederlage zähneknirschend ein. «Es
ist klar, wir haben verloren», sagte er im Wahlkampfstab seiner
Partei in Belgrad. Sein überraschend schnelles Beigeben führten
Beobachter darauf zurück, dass Millionen Bürger angesichts des klaren
Ergebnisses dessen Manipulation nicht hingenommen hätten. 

In den Serben lebt die Erinnerung an den 5. Oktober 2000 stark fort.
Als der damalige Machthaber Slobodan Milosevic die Präsidentenwahl zu
fälschen versuchte, stürmten Menschenmassen das Parlament in Belgrad
und fegten Milosevic von der Macht. Vucic war Informationsminister in
der damaligen Regierung. 

Zugleich behauptete er, die Studentenliste habe nur mit Hilfe der
Unterstützung nicht näher genannter europäischer Länder gewonnen.
«Sie sind nur deren Handlanger, sonst nichts», fügte er hinzu.
Beweise legte er dafür keine vor. Die Mitarbeiter der unabhängigen
Medienplattformen N1 und Nova beschimpfte er als «übelstes Gesindel»,

das «die Drecksarbeit für jemand anderen erledigt» hätte. 

Ärger mit der EU, Kuscheln mit dem Kreml

Serbien, ein Land mit aktuell rund 6,5 Millionen Einwohnern, hat
bereits seit 2012 den Status als EU-Beitrittskandidat und begann 2014
unter Vucic offizielle Beitrittsverhandlungen mit der Europäischen
Union. Der Kurs der bisherigen serbischen Führung ließ den
Beitrittsprozess zuletzt aber weitgehend stagnieren. Gründe waren
unter anderem der Rückbau der Demokratie und Vucics Festhalten an
engen Kontakten mit Moskau.

Als einziges europäisches Land außer Belarus übernahm Serbien nicht
die Sanktionen der EU gegen Russland, als Kremlchef Wladimir Putin
die Ukraine 2022 militärisch angreifen ließ. Russische Agenten und
Influencer können sich in Serbien nahezu frei bewegen - offenbar auch
auf dem Weg zu Sabotageaktionen in EU-Ländern wie Deutschland. Die
Propagandamedien der Vucic-Regierung machten die EU schlecht und
stellten Russland und China in rosigem Licht dar. 

EU sieht Chance auf Neuanfang

Spitzenvertreter der EU gratulierten der Studentenliste zum Wahlsieg
und stellten ihr eine enge Zusammenarbeit in Aussicht. «Wir sind
bereit, Reformen in den Bereichen Rechtsstaatlichkeit,
Medienfreiheit, Korruptionsbekämpfung und Stärkung demokratischer
Institutionen zu unterstützen und gemeinsam daran zu arbeiten,
Serbiens Weg in die Europäische Union voranzubringen», schrieben
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und Ratspräsident
António Costa in einer gemeinsamen Erklärung auf der Plattform X. 

Grüße vom Autokraten-Bezwinger aus Ungarn

Als einer der ersten Gratulanten äußerte sich Peter Magyar, der
Ministerpräsident des EU-Nachbarlandes Ungarn. Sein fulminanter
Wahlsieg im April hatte die 16-jährige Herrschaft des
Rechtspopulisten Viktor Orban beendet, eines engen politischen
Verbündeten von Vucic. Ungarn werde die Studentenliste unterstützen,
schrieb Magyar auf seiner Facebook-Seite. Seine Gratulation kommt
nicht von ungefähr: Tatsächlich erfüllte die Wende in Budapest die
Protestbewegung in Serbien, wie dort immer wieder zu hören war, mit
Ermutigung und Inspiration.