Lagarde geht vorzeitig im Februar - Poker um EZB-Spitze
29.10.2026 11:12
Christine Lagarde verschafft der Politik Zeit bei der Regelung ihrer
Nachfolge an der EZB-Spitze - denn die Sorge vor Rechtspopulisten ist
groß. Kann sich Deutschland erstmals den Chefposten sichern?
Frankfurt/Main (dpa) - Christine Lagarde tritt vorzeitig als
Präsidentin der Europäischen Zentralbank ab. Die Französin gibt ihren
Posten zum 7. Februar 2027 auf, wie die EZB in Frankfurt mitteilte.
Darüber habe Lagarde den EZB-Rat sowie den Präsidenten des
Europäischen Rates, António Costa, informiert. Regulär wäre die
achtjährige Amtszeit von Lagarde bis Ende Oktober 2027 gegangen.
Die Staats- und Regierungschefs der 21 Eurostaaten sind nun
gefordert, die Nachfolge der Französin früher zu regeln. Der Abtritt
Lagardes ermöglicht es dem scheidenden französischen Präsidenten
Emmanuel Macron und Kanzler Friedrich Merz (CDU), noch vor der Wahl
in Frankreich die Neubesetzung eines der wichtigsten Spitzenposten in
Europa zu klären.
Lagardes Rückzug kommt nicht überraschend, Gerüchte um einen
vorzeitigen Abtritt gibt es schon lange. Bereits im Februar 2026
hatte die «Financial Times» berichtet, Lagarde wolle sich vor der
Präsidentschaftswahl in Frankreich im April 2027 zurückziehen.
Hintergrund seien Sorgen, dass eurokritische Rechtspopulisten um
Marine Le Pen die Wahlen in der zweitgrößten Euro-Volkswirtschaft
gewinnen könnten, was die Neubesetzung der EZB-Spitze erschweren
könnte. Macron darf bei der Präsidentschaftswahl nicht erneut
antreten. Im September bestätigte Lagarde in einem Interview erstmals
selbst Überlegungen, sie könnte bei der EZB «ein paar Monate» frü
her
abtreten.
Chancen und Hürden für Deutschen an der EZB-Spitze
Für die Lagarde-Nachfolge hatte sich auch Bundesbank-Präsident
Joachim Nagel ins Spiel gebracht. Europas größte Volkswirtschaft
Deutschland stellte in der mehr als 25-jährigen Geschichte der
Notenbank noch nie die EZB-Spitze.
Als Favoriten für die Lagarde-Nachfolge gelten aber der frühere
niederländische Zentralbankchef Klaas Knot und der Spanier Pablo
Hernández de Cos, der Chef der Bank für Internationalen
Zahlungsausgleich (BIZ) ist. EZB-Direktorin Isabel Schnabel, die
ebenfalls Interesse an Lagardes Nachfolge angemeldet hatte, wechselt
Anfang Januar 2027 zum Internationalen Währungsfonds (IWF) nach
Washington.
Damit wird Schnabels Stelle im sechsköpfigen EZB-Direktorium schon
bald frei. Ab Juni 2027 braucht die Notenbank zudem einen neuen
Chefökonomen, weil dann die Amtszeit von Inhaber Philip R. Lane
endet. Als wahrscheinlich gilt, dass auf europäischer Ebene ein
ganzes Personalpaket verhandelt wird. Vizekanzler Lars Klingbeil
betonte jüngst Ansprüche der Bundesregierung: Natürlich werde
Deutschland im EZB-Direktorium weiterhin eine Rolle spielen, sagte
der SPD-Politiker am Rande der IWF-Jahrestagung in Bangkok.
Rennen zwischen Deutschland und Spanien?
Als größtes Hindernis für einen Deutschen an der EZB-Spitze gilt,
dass bereits die Europäische Kommission von einer Deutschen geführt
wird: Ursula von der Leyen. Zwei Deutsche an der Spitze von derart
wichtigen Institutionen in Europa - das dürfte im Brüsseler
Personalpoker schwer zu vermitteln sein.
