EZB: Keine Zinserhöhung trotz steigender Inflation
29.10.2026 14:21
Hohe Preise für Heizen und Tanken infolge des Iran-Kriegs treiben die
Verbraucherpreise nach oben. Dennoch wartet die EZB vorerst ab. Das
hat auch mit der Lage in Frankreich zu tun.
Frankfurt/Main (dpa) - Die Europäische Zentralbank (EZB) verzichtet
trotz stark gestiegener Inflation vorerst auf eine weitere
Zinserhöhung. Der für Banken und Sparer wichtige Einlagenzins bleibt
bei 2,5 Prozent. Das hat der EZB-Rat bei seiner Sitzung in Frankfurt
entschieden, wie die Notenbank mitteilte. Kurz vor Verkündung der
Zinsentscheidung hatte die EZB bekanntgegeben, dass EZB-Präsidentin
Christine Lagarde zum 7. Februar 2027 zurücktreten wird. Regulär wäre
ihre achtjährige Amtszeit bis Ende Oktober nächsten Jahres gelaufen.
Dass teure Energie als Folge des Iran-Kriegs die Verbraucherpreise
hoch treibt, wäre für die Euro-Währungshüter zwar ein Argument fü
r
die dritte Zinsanhebung im laufenden Jahr gewesen. Im September war
die Inflationsrate im Euroraum wegen hoher Spritpreise auf 3,8
Prozent geklettert, das ist der höchste Stand seit drei Jahren und
weit über dem EZB-Ziel von mittelfristig 2,0 Prozent.
Höhere Leitzinsen verteuern Kredite, was die Nachfrage bremsen und so
die Inflation dämpfen kann. Sparer profitieren, wenn Banken die
besseren Konditionen weitergeben. Doch höhere Zinsen belasten
zugleich alle, die investieren wollen. Das kann die Konjunktur
bremsen.
Angespannte Lage in Frankreich
Auch die politisch aufgeheizte Lage in Frankreich sprach dafür, dass
die EZB sich vorerst alle Optionen offen halten will. Bei Protesten
gegen hohe Lebenshaltungskosten gab es in Deutschlands Nachbarland,
wo im April 2027 Präsidentschaftswahlen stattfinden, jüngst schweren
Ausschreitungen und Plünderungen.
Haushaltspolitisch spitzte sich die Lage in Frankreich ebenfalls zu:
Für die zweitgrößte Euro-Volkswirtschaft, die gemessen an der
Wirtschaftskraft fast doppelt so hoch verschuldet ist wie
Deutschland, verteuerte sich die Aufnahme neuer Schulden an den
Finanzmärkten zuletzt drastisch.
Im Herbst 2025, als es in Frankreich schon einmal kriselte, war an
den Finanzmärkten spekuliert worden, ob die EZB Frankreich mit dem
Kauf von Staatsanleihen unterstützen würde. Die Notenbank kann mit
ihrem Programm TPI («Transmission Protection Instrument») im
Krisenfall unbegrenzt Anleihen einzelner Eurostaaten kaufen. Dafür
gibt es aber hohe Hürden: Gedacht ist das Instrument für den Fall,
dass die Zinsen für Wertpapiere eines Eurostaates durch
Finanzspekulation unverhältnismäßig stark hochschnellen.
EZB-Präsidentin Lagarde dämpfte jüngst Gerüchte über ein Einschre
iten
der Notenbank wegen der Krise in Frankreich.
Weitere Zinserhöhung nur aufgeschoben?
Auch bei der Inflation steht die EZB unter Handlungsdruck. Volkswirte
halten eine weitere Zinserhöhung bei der letzten Sitzung des
EZB-Rates in diesem Jahr Mitte Dezember für denkbar. Dann liegen ihr
auch neue Prognosen zu Inflation und Konjunktur vor und verschaffen
der Notenbank mehr Klarheit darüber, ob und wie stark sich die
höheren Energiepreise auf andere Preise auswirken, etwa auf
Lebensmittel. Auch mögliche Zweitrundeneffekte gelten als Risiko:
Steigen Löhne als Reaktion auf hohe Inflation zu stark, könnte das
die Preise weiter nach oben treiben.
In Deutschland hat die Inflation ebenso wie in anderen Eurostaaten
deutlich angezogen. In Europas größter Volkswirtschaft kosteten Waren
und Dienstleistungen für Verbraucher im September 3,3 Prozent mehr
als ein Jahr zuvor - die höchste Teuerungsrate seit rund drei Jahren.
Die EZB strebt mittelfristig für den Euroraum eine Inflationsrate von
2,0 Prozent an. Bei dieser Marke sieht die Notenbank ihr wichtigstes
Ziel erfüllt: Für einen stabilen Euro zu sorgen und die Kaufkraft der
Menschen zu erhalten. Nach Einschätzung der EZB müssen sich die
Menschen im Euroraum allerdings bis mindestens 2027 auf eine erhöhte
Teuerung einstellen.
