Lagarde verlässt EZB im Februar: «Will Redefreiheit» Von Jörn Bender und Alexander Sturm, dpa
29.10.2026 16:06
Christine Lagarde tritt vorzeitig als EZB-Präsidentin ab. Das
verschafft der Politik in unsicheren Zeiten Luft bei der Regelung
ihrer Nachfolge. Das Rennen um den Spitzenposten hat bereits
begonnen.
Frankfurt/Main (dpa) - Nach monatelangen Gerüchten schafft
EZB-Präsidentin Christine Lagarde Klarheit: Die Französin verlässt
die Notenbank am 7. Februar 2027 und damit fast neun Monate vor Ende
ihrer regulären Amtszeit. Über ihren Rücktritt habe Lagarde den
EZB-Rat sowie den Präsidenten des Europäischen Rates, António Costa,
informiert, teilte die Notenbank in Frankfurt wenige Stunden vor
ihrem Zinsentscheid mit.
«Ich will Redefreiheit, ich will Meinungsfreiheit und ich will die
Freiheit, mich mit Angelegenheiten zu befassen, die nicht die
Geldpolitik betreffen», begründete Lagarde ihre Entscheidung. Es gebe
nie eine gute Zeit zu gehen, aber in der gegenwärtigen Zeit könne sie
nicht neutral bleiben, so wie es ihre Rolle als Notenbankerin
verlange. «Ich stelle sehr oft fest, dass die Wahrheit verfälscht und
durch falsche Darstellungen widerlegt wird.»
Die achtjährige Amtszeit von Lagarde, die am 1. Januar 71 Jahre alt
wird, wäre bis Ende Oktober 2027 gelaufen. Zuletzt hatten sich
Hinweise verdichtet, die Französin könnte die Führung des
Weltwirtschaftsforums in Davos übernehmen.
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen würdigte, Lagarde habe
mit ruhiger Hand dazu beigetragen, die Wirtschaft in Europa stabil
und widerstandsfähig zu halten.
Führungswechsel in schwierigen Zeiten
Für die Notenbank kommt Lagardes Rückzug in schwierigen Zeiten: Der
Iran-Krieg hat die Inflation im Euroraum mit 3,8 Prozent im September
auf den höchsten Stand seit drei Jahren getrieben. Das EZB-Ziel
stabiler Preise bei mittelfristig 2,0 Prozent Teuerung ist vorerst
weit weg.
«Mitten in einer Phase erhöhter Inflation, nervöser Anleihemärkte u
nd
geopolitischer Spannungen ist ein Führungswechsel an der Spitze der
EZB das falsche Signal», kritisierte Markus Ferber,
wirtschaftspolitischer Sprecher der EVP-Fraktion im Europäischen
Parlament.
Trotz des Inflationsschubs verschob der EZB-Rat die dritte
Zinserhöhung in diesem Jahr auf seine Dezember-Sitzung. Vorerst
bleibt der für Banken und Sparer wichtige Einlagenzins bei 2,5
Prozent. Lagarde betonte, mit steigenden Energiepreisen drohe ein
weiterer Anstieg der Inflation, während es Risiken für das Wachstum
gebe. «Wenn die heutige Einschätzung nicht durch wesentliche
Entwicklungen widerlegt wird, ist die Richtung klar», sagte sie zur
möglichen weiteren Zinserhöhung.
Poker um Nachfolge
Die Staats- und Regierungschefs der 21 Eurostaaten sind nun
gefordert, die Nachfolge von Lagarde früher zu regeln. Ihr Abtritt
ermöglicht es dem scheidenden französischen Präsidenten Emmanuel
Macron und Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU), noch vor der Wahl in
Frankreich im April 2027 die Neubesetzung eines der wichtigsten
Spitzenposten in Europa zu klären. Um einen reibungslosen Übergang zu
gewährleisten, werde das Verfahren für Lagardes Nachfolge noch heute
eingeleitet, kündigte EU-Ratspräsident Costa an.
Merz erklärte: «Jetzt beginnt der im EU-Vertrag vorgesehene
Besetzungsprozess, den wir im Kreis der Staats- und Regierungschefs
der Eurozone bis zum Jahresende abschließen werden.»
Schon seit geraumer Zeit Spekulationen um Lagarde
Bereits im Februar hatte die «Financial Times» berichtet, Lagarde
wolle sich vor der Präsidentschaftswahl in Frankreich zurückziehen.
Hintergrund seien Sorgen, dass eurokritische Rechtspopulisten um
Marine Le Pen die Wahlen in Frankreich gewinnen könnten, was die
Neubesetzung der EZB-Spitze erschweren könnte. Im September
bestätigte Lagarde erstmals selbst Überlegungen, sie könnte bei der
EZB «ein paar Monate» früher abtreten.
Nun kann der Pro-Europäer Macron, der bei der Präsidentschaftswahl in
Frankreich nicht mehr antreten darf, noch Einfluss auf die
Neubesetzung der EZB-Spitze nehmen. Auch die Bundesregierung will
entscheidend mitreden, wie Finanzminister Lars Klingbeil (SPD)
bekräftigte: «Deutschland wird sein Gewicht als größter Staat im
Euroraum einbringen, um eine breit getragene und verantwortungsvolle
neue Führungsspitze der EZB zu bilden.»
Mehrere Top-Posten zu besetzen
Für die Lagarde-Nachfolge hat sich auch Bundesbank-Präsident Joachim
Nagel ins Spiel gebracht. Europas größte Volkswirtschaft Deutschland
stellte in der mehr als 25-jährigen Geschichte der Notenbank noch nie
die EZB-Spitze. Als Favoriten für die Lagarde-Nachfolge gelten der
frühere niederländische Zentralbankchef Klaas Knot und der Spanier
Pablo Hernández de Cos, der Chef der Bank für Internationalen
Zahlungsausgleich (BIZ) ist.
EZB-Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel, die ebenfalls Interesse an
Lagardes Nachfolge angemeldet hatte, wechselt Anfang Januar 2027 zum
Internationalen Währungsfonds (IWF). Damit wird Schnabels Stelle im
sechsköpfigen obersten EZB-Führungsgremium bald frei. Ab Juni 2027
braucht die Notenbank zudem einen neuen Chefökonomen, weil die
Amtszeit von Inhaber Philip R. Lane endet.
Als wahrscheinlich gilt, dass auf europäischer Ebene ein
Personalpaket verhandelt wird. «Die Staats- und Regierungschefs der
EU werden voraussichtlich versuchen, die drei Stellen im Direktorium
der EZB, die 2027 frei werden, spätestens auf dem EU-Gipfel vom 17.
bis 18. Dezember - möglicherweise sogar schon vorher - als
Gesamtpaket zu besetzen», vermutet Holger Schmieding, Chefvolkswirt
der Berenberg Bank. Deutschland werde wohl einen Nachfolge-Kandidaten
für Schnabel benennen.
Hürden für Deutschen an EZB-Spitze
Als größtes Hindernis für einen Deutschen an der EZB-Spitze gilt,
dass bereits die EU-Kommission von einer Deutschen geführt wird:
Ursula von der Leyen. Zwei Deutsche an der Spitze von derart
wichtigen Institutionen in Europa - das dürfte im Brüsseler
Personalpoker schwer zu vermitteln sein.
Schon zu Beginn der EZB stand ein Kompromiss: Den Chefposten bekam im
Sommer 1998 kein Vertreter der Schwergewichte Deutschland oder
Frankreich, sondern der Niederländer Wim Duisenberg. Er schied aus
Altersgründen 2003 vorzeitig aus. Seine Nachfolger, der Franzose
Jean-Claude Trichet und der Italiener Mario Draghi, erfüllten jeweils
die volle achtjährige Amtszeit.
Lagarde wollte eigene Akzente setzen
Lagarde trat am 1. November 2019 als erste Frau an der EZB-Spitze mit
dem Anspruch an, eigene Akzente zu setzen: Klimaschutz,
Frauenförderung und eine bessere Kommunikation. «Wir werden jeden
Stein umdrehen», kündigt Lagarde bei ihrer ersten Pressekonferenz an.
Sie betonte: «Ich habe meinen eigenen Stil.»
Den EZB-Rat musste die Französin einen: Ihr Vorgänger Draghi hatte
kurz vor Ende seiner Amtszeit gegen großen Widerstand eine
Verschärfung der ultralockeren Geldpolitik mit Null- und
Negativzinsen durchgesetzt.
Krisenmanager im Euro-Tower
Schneller als erwartet war die Juristin Lagarde, die anders als ihre
Vorgänger nie einer nationalen Notenbank vorstand, als
Krisenmanagerin gefordert: Corona-Pandemie, Ölpreisschock,
Börsencrash. Anfangs wirkte die frühere französische Wirtschafts- und
Finanzministerin und spätere IWF-Chefin, die von sich selbst sagte,
sie sei «keine supertolle Ökonomin», unsicher in ihrer neuen Rolle.
Zu Beginn der Corona-Pandemie Anfang März 2020 sorgte Lagarde für
Verwirrung an den Finanzmärkten mit der Bemerkung, sie strebe kein
«Whatever it takes 2.0» an. Nur eine Woche später schnürte die EZB
eilends ein neues Programm zum Kauf von Staats- und
Unternehmensanleihen.
Inflation, Inflation, Inflation
Später war Lagarde auf dem Kerngebiet der EZB, der Kontrolle der
Inflation, gefragt: Der russische Angriff auf die Ukraine ließ die
Teuerung im Euroraum 2022 auf ein Rekordhoch von fast elf Prozent
schnellen. Mit einer beispiellosen Serie von zehn Zinserhöhungen in
Folge brach die EZB die Inflationswelle. Der Iran-Krieg mit dem
Ölpreisschock ließ die Inflation 2026 wieder anschwellen, Entspannung
ist bisher nicht in Sicht.
