Partner in unsicheren Zeiten: Was die EU und Kanada planen Von Anne Pollmann und Ansgar Haase, dpa
30.10.2026 03:39
Die Politik von US-Präsident Trump treibt die EU und Kanada enger
zusammen. Bei ihrem Gipfel in Montreal vereinbaren sie zahlreiche
Vorhaben. Doch es bleiben noch Unstimmigkeiten.
Montreal/Brüssel (dpa) - Angesichts wachsender geopolitischer
Spannungen und des schwierigen Verhältnisses zu den USA rücken die
Europäische Union und Kanada enger zusammen. Zum Abschluss eines
zweitägigen Gipfels im kanadischen Montreal soll heute eine Reihe von
Vorhaben für eine vertiefte Zusammenarbeit vereinbart werden.
«Heute beginnen wir - die Europäische Union und Kanada - ein neues
Kapitel in unseren Beziehungen», erklärte Bundeskanzler Friedrich
Merz, der selbst nicht dabei sein konnte, während seiner Asienreise.
Zusammen würden beide Partner eine «Allianz für die Zukunft» grün
den.
Merz machte damit auch deutlich, dass er den Begriff «assoziierte
Mitgliedschaft» weiterhin ablehnt. Mit diesem Ausdruck will
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen eigentlich die neuen
Beziehungen zu Kanada beschreiben und qualitativ aufwerten.
Einigkeit gibt es indes darüber, dass eine einzigartige Verbindung
eingegangen werden soll, die auch die Abhängigkeit von anderen
Ländern reduziert. Dabei geht es um China, aber auch um die USA. Die
Politik von US-Präsident Donald Trump hat das Vertrauen der Europäer
und Kanadier in den traditionell wichtigsten Verbündeten erschüttert.
Das ist geplant
Laut dem Entwurf für die Gipfel-Abschlusserklärung und einer Rede von
der Leyens soll unter anderem in folgenden Bereichen die Kooperation
ausgebaut werden:
ENERGIE UND KRITISCHE ROHSTOFFE:
Die EU und Kanada wollen stärker bei der Energiesicherheit
zusammenarbeiten - etwa durch eine Machbarkeitsstudie für LNG-Exporte
nach Europa. Auch soll das Abkommen über die nukleare Zusammenarbeit
zwischen Kanada und der Europäischen Atomgemeinschaft Euratom
modernisiert werden.
Laut dem Entwurf für die Gipfelerklärung haben Kanada und die
Europäische Investitionsbank schon Verhandlungen über ein Abkommen
abgeschlossen, das europäische Investitionen in die Förderung
kanadischer Rohstoffvorkommen erleichtern soll. Dazu gehören
insbesondere kritische Rohstoffe wie seltene Erden, die unter anderem
für E-Auto-Motoren, Halbleiter und Batterien, Clean-Tech und die
Verteidigungsindustrie wichtig sind. Die Importe solcher kritischen
Rohstoffe aus Kanada sind zwischen 2024 und 2025 laut EU-Angaben
bereits um 62 Prozent gestiegen.
HANDEL UND DIGITALES:
Die EU und Kanada möchten Handelshemmnisse abbauen, Investitionen
fördern und sich verlässlicher mit wichtigen Gütern versorgen. Ein
neues Digitalhandelsabkommen soll grenzüberschreitende Geschäfte
erleichtern.
Zwischen 2016 und 2025 nahm der beidseitige Handel mit Waren und
Dienstleistungen um 80 Prozent zu. Mit der EU ist Kanada derzeit vor
allem über das Freihandelsabkommen Ceta eng verbunden. Es wird seit
2017 vorläufig angewendet, ist aber noch immer nicht endgültig in
Kraft, weil manche EU-Staaten das Abkommen nicht ratifiziert haben.
Die EU ist Kanadas zweitgrößter Handelspartner.
KÜNSTLICHE INTELLIGENZ:
Beide Seiten wollen bei der internationalen Regulierung und
Sicherheit Künstlicher Intelligenz enger zusammenarbeiten. Kanada und
die EU wollen außerdem den gegenseitigen Zugang zu ihren digitalen
Märkten erleichtern, darunter zu Cloud- und KI-Dienstleistungen sowie
der entsprechenden Infrastruktur. Kanada soll zudem in die
europäische Hochleistungsrecheninfrastruktur integriert werden.
WISSENSCHAFT UND FORSCHUNG:
Kanada soll stärker in das Programm Erasmus+ eingebunden werden.
Außerdem sollen Hindernisse für Fachkräfte und Forschende abgebaut
und Berufsqualifikationen leichter anerkannt werden.
SICHERHEIT, UKRAINE, NAHOST:
Geplant ist mehr Zusammenarbeit bei Verteidigung, Cyberabwehr und
Schutz wichtiger Infrastruktur. Beide Seiten bekräftigen ihre
Unterstützung für die Ukraine. Kanada ist bereits Teil des
EU-Programms Safe für günstige Darlehen zur gemeinsamen Beschaffung
von Rüstungsgütern und soll sich auch am EU-Unterstützungskredit fü
r
das von Russland angegriffene Land beteiligen. Beide Seiten wollen
auch beim Thema Nahost gemeinsam auf Lösungen hinarbeiten.
ENGERE ANBINDUNG AN DIE EU:
Bis zum nächsten Gipfel im Jahr 2027 soll ein Konzept für eine engere
Anbindung entstehen - ohne Vollmitgliedschaft. Regelmäßige Treffen
sollen helfen, gemeinsame Interessen besser nach außen zu vertreten.
Von der Leyen machte dabei deutlich, dass sie trotz des Widerstands
mehrerer EU-Staaten an der Idee einer «assoziierten Mitgliedschaft»
Kanadas festhalten will. Ziel sei eine «Assoziierung ohne Beitritt»
und eine Partnerschaft, die einer Mitgliedschaft näher komme als
alles, was man bisher getan habe. Das Modell könnte ihrer Ansicht
nach den engsten Partnern außerhalb Europas offenstehen, «die bereit
sind, zusammen Neuland zu erschließen - und gemeinsam mit uns den
Kurs zu bestimmen».
Streit um zwei Worte
Aus dem Entwurf der Gipfelerklärung wurde die umstrittene
Mitgliedschaftsbezeichnung gestrichen. Aus Sicht der Bundesregierung
hätte vor der Verwendung dieser Bezeichnung mit den
EU-Mitgliedstaaten darüber gesprochen werden sollen - unter anderem
deswegen, weil sie auf Initiative von Bundeskanzler Merz hin schon im
Zusammenhang mit dem EU-Beitrittsprozess der Ukraine genutzt wird.
In den USA dürfte die Annäherung mit großem Interesse verfolgt
werden. Trump hatte den Vorstoß für eine assoziierte
EU-Mitgliedschaft Kanadas in einer ersten Reaktion als lächerlich
bezeichnet. Für den Fall, dass diese Annäherung als «feindseliger
Akt» US-Interessen schaden sollte, drohte er mit Konsequenzen. Er
würde dann hohe Zölle verhängen oder den Handel mit Europa in vielen
Bereichen einstellen, warnte er.
