EU und Kanada schmieden Allianz für die Zukunft Von Anne Pollmann und Ansgar Haase, dpa

30.10.2026 15:15

Die Politik von US-Präsident Trump treibt die EU und Kanada enger
zusammen. Bei ihrem Gipfel in Montreal vereinbaren sie zahlreiche
Vorhaben. Doch es bleiben noch Unstimmigkeiten.

Montreal/Brüssel (dpa) - Die Europäische Union und Kanada rücken
angesichts wachsender geopolitischer Spannungen und des schwierigen
Verhältnisses zu den USA noch enger zusammen und schmieden eine
«Allianz für die Zukunft». Zum Abschluss eines zweitägigen Gipfels
im
kanadischen Montreal brachten beide Seiten zahlreiche neue Projekte
auf den Weg. Sie sollen etwa die Abhängigkeit von Großmächten wie
China und den USA bei Künstlicher Intelligenz (KI) und kritischen
Rohstoffen reduzieren. Zudem ist die Hoffnung, dass so auch der
eigene Einfluss in der internationalen Politik gestärkt werden kann.

«Die Verbindung zwischen der Europäischen Union und Kanada wird die
engste, tiefste und einzigartigste sein, die es gibt», erklärte
EU-Ratspräsident António Costa bei den Gipfelgesprächen mit Kanadas
Premierminister Mark Carney. Bundeskanzler Friedrich Merz schrieb
während einer Asienreise aus der Ferne: «Heute beginnen wir - die
Europäische Union und Kanada - ein neues Kapitel in unseren
Beziehungen.» Die beispiellose Initiative werde alle Aspekte der
Partnerschaft umfassen: Sicherheit und Verteidigung, Wachstum und
Beschäftigung, nachhaltige Entwicklung und zwischenmenschliche
Kontakte.

Merz machte mit seiner Erklärung allerdings erneut deutlich, dass er
den Begriff «assoziierte Mitgliedschaft» für die vertiefte
Partnerschaft ablehnt. Mit diesem Ausdruck will
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen die neuen Beziehungen
zu Kanada beschreiben. Die Deutsche zeigte sich am Rande des Gipfels
optimistisch, dass es weiter die Möglichkeit gibt, dass Kanada das
erste «assoziierte Mitglied der Europäischen Union» wird. Es handele

sich um eine «Assoziierung ohne Beitritt», betonte sie. Dazu gehöre
auch, dass man politische Maßnahmen und die Verwaltungsstrukturen
stärker aufeinander abstimme und Austausch zwischen den Parlamenten
sowie den Gerichten ermögliche.

Das ist der Plan

Inhaltlich soll nach Angaben ihrer Behörde unter anderem in folgenden
Bereichen die Kooperation ausgebaut werden:

ENERGIE UND KRITISCHE ROHSTOFFE:

Die EU und Kanada wollen stärker bei der Energiesicherheit
zusammenarbeiten - etwa durch eine Machbarkeitsstudie für LNG-Exporte
nach Europa. Auch soll das Abkommen über die nukleare Zusammenarbeit
zwischen Kanada und der Europäischen Atomgemeinschaft Euratom
modernisiert werden. 

Die Partner wollen europäische Investitionen in die Förderung
kanadischer Rohstoffvorkommen erleichtern. Dazu gehören insbesondere
kritische Rohstoffe wie seltene Erden, die unter anderem für
E-Auto-Motoren, Halbleiter und Batterien, Clean-Tech und die
Verteidigungsindustrie wichtig sind. Die Importe solcher kritischen
Rohstoffe aus Kanada sind zwischen 2024 und 2025 laut EU-Angaben
bereits um 62 Prozent gestiegen.

HANDEL UND DIGITALES:

Die EU und Kanada möchten Handelshemmnisse abbauen, Investitionen
fördern und sich verlässlicher mit wichtigen Gütern versorgen. Ein
neues Digitalhandelsabkommen soll grenzüberschreitende Geschäfte
erleichtern.

Zwischen 2016 und 2025 nahm der beidseitige Handel mit Waren und
Dienstleistungen um 80 Prozent zu. Mit der EU ist Kanada derzeit vor
allem über das Freihandelsabkommen Ceta eng verbunden. Es wird seit
2017 vorläufig angewendet, ist aber noch immer nicht endgültig in
Kraft, weil manche EU-Staaten das Abkommen nicht ratifiziert haben.
Die EU ist Kanadas zweitgrößter Handelspartner.

KÜNSTLICHE INTELLIGENZ:

Beide Seiten wollen bei der Regulierung und Sicherheit von KI enger
zusammenarbeiten. Kanada und die EU wollen außerdem den gegenseitigen
Zugang zu ihren digitalen Märkten erleichtern, darunter zu Cloud- und
KI-Dienstleistungen sowie der entsprechenden Infrastruktur. Kanada
soll zudem in die EU-Hochleistungsrecheninfrastruktur integriert
werden.

WISSENSCHAFT UND FORSCHUNG:

Kanada soll stärker in das Programm Erasmus+ eingebunden werden.
Außerdem sollen Hindernisse für Fachkräfte und Forschende abgebaut
und Berufsqualifikationen leichter anerkannt werden.

SICHERHEIT, UKRAINE, NAHOST:

Geplant ist mehr Zusammenarbeit bei Verteidigung, Cyberabwehr und
Schutz wichtiger Infrastruktur. Beide Seiten bekräftigen ihre
Unterstützung für die Ukraine. Kanada ist bereits Teil eines
EU-Programms für Darlehen zur gemeinsamen Rüstungsgüterbeschaffung
und soll sich auch am EU-Unterstützungskredit für die von Russland
angegriffene Ukraine beteiligen. 

ENGERE ANBINDUNG AN DIE EU:

Bis zum nächsten Gipfel im Jahr 2027 soll ein Konzept für eine engere
Anbindung entstehen - ohne Vollmitgliedschaft. Regelmäßige Treffen
sollen helfen, gemeinsame Interessen besser nach außen zu vertreten.

Streit um zwei Worte

Wie es mit dem Begriff «assoziierte Mitgliedschaft» weitergeht,
bleibt vorerst unklar. Aus der Gipfelerklärung wurde er gestrichen.
Aus Sicht der Bundesregierung hätte vor der Verwendung dieser
Bezeichnung mit den EU-Mitgliedstaaten darüber gesprochen werden
sollen - unter anderem, weil sie auf Initiative von Bundeskanzler
Merz hin schon im Zusammenhang mit dem EU-Beitrittsprozess der
Ukraine genutzt wird. Befürworter setzen aber darauf, dass sie sich
mit der Zeit doch noch umstimmen lässt.

Die USA dürften die Annäherung mit großem Interesse verfolgen.
US-Präsident Donald Trump hatte den Vorstoß für die assoziierte
EU-Mitgliedschaft Kanadas als lächerlich bezeichnet. Für den Fall,
dass die Annäherung als «feindseliger Akt» US-Interessen schaden
sollte, drohte er mit Konsequenzen. Er würde dann hohe Zölle
verhängen oder den Handel mit Europa in vielen Bereichen einstellen,
warnte er.